„Wo fährst Du diesen Sommer hin?“, fragt man sich, wenn die Hitze zu schwer wird und die großen Ferien beginnen. „Vamos al pueblo“, antworten wir und schon wissen alle Bescheid.

El pueblo, das bedeutet vielen Menschen eine zweite Heimat. Hier kommen sie „eigentlich“ her, hier haben ihre Familien mehrere Generationen lang gelebt, bevor ihre Eltern und Großeltern in den 60er Jahren in die Städte zogen.

Die Enkel tragen das Dorf weiterhin im Herzen, in Erinnerung an endlos lange Sommerferien mit den Großeltern, in denen sie mit ihren Freunden den ganzen Tag durchs Dorf stromerten und in alten Ziegenställen Hütten bauten.

„Unser“ Dorf liegt am Ende einer Straße, inmitten einer steinigen Mondlandschaft. Nachts sieht man unzählige Sterne leuchten und der Wind trägt die Stimmen der Nachbarn zu uns ans Fenster. Im Morgengrauen und der Abenddämmerung kann man mit etwas Glück eine Herde wilder Ziegen auf den schotterigen Straßen entdecken, die in die Landschaft hineinführen. Geht man eine Weile darauf spazieren, sieht man irgendwann die Geier über sich am Himmel kreisen, manch einer sitzt auch, ganz Klischee, auf einem abgestorbenen Ast hoch oben am Hang und blickt auf Dich herab. Abseits der Wege knistern die trockenen Sträucher unter Deinen Füßen, ein staubiger Duft nach wildem Thymian und Lavendel steigt Dir in die Nase.

Je weiter Du dich in diese Landschaft hinein begibst, desto mehr verändert sich Dein Blick auf sie. Eine Distel leuchtet in grellem Violett, die lehmige Erde steckt voller kleiner Fossilien, Muscheln und Meeresschnecken aus Stein. Aus der wüsten Landschaft wird ein Meeresgrund, die Eintönigkeit wird zu einer Vielfalt an Farben, Gerüchen und Bildern.

Im Sommer wird das Dorf bevölkert von Enkeln, Großeltern, Tanten und Cousinen. Man könnte meinen, alle sind miteinander verwandt. Tatsächlich gibt es etwa vier große weitverzweigte Familien hier und mehrere „kleine“. Auf dem Friedhof wiederholen sich viele Namen auf den Grabsteinen. Ständig muss man Onkel und Tante so-und-so grüßen und die Anzahl an Cousins meines Mannes schien mir anfangs schier unüberschaubar. Nach und nach fand ich heraus, wer „primo hermano“ war (also ein direkter Cousin) oder „primo segundo“ (zum Beispiel der Enkel eines Cousins des Großvaters mütterlicherseits).

Zu Maria Himmelfahrt am 15. August wird es dann richtig voll: El pueblo en fiestas! Eine Woche lang herrscht Ausnahmezustand. Ein Auto nach dem anderen kommt auf den Platz gefahren, die Ankommenden werden begrüsst, später trifft man sich auf ein Bier oder einen Kaffee, erstmal auspacken. Abends verwandelt sich der Dorfplatz in das Festgelände, Bands mit mehr oder weniger spektakulären Kostümen und Bühnenshows covern (mal gut, mal schlecht) Bon Jovi und alle grölen mit: „It´s my Life!“ Irgendwann bleiben nur noch die „Jungen“ übrig. Um sechs Uhr morgens ist die Nacht offiziell vorbei und es wird zur „recena“ gerufen – es gibt belegte Brote für die hungrigen Feiernden. Dann, endlich, kann man ans Schlafen denken. Nach einer ereignisreichen Woche voller spanisch-aragonesischer Folklore und exzessiver Feierei endet das Fest. Erschöpft und verkatert finden sich alle auf dem Dorfplatz zum großen Abschlussessen zusammen, die ersten brechen auf, zurück in die Stadt.

Im Dorf gibt es keinen Laden: der Gemüsehändler, der Bäcker, der Haushaltswarenhändler und der Mann mit den Konserven und Tiefkühlprodukten kommen ein- bis mehrmals die Woche vorbei, wann und wie wissen die Omis und Opis, die hier den ganzen Sommer verbringen. Pünktlich finden sie sich morgens auf dem Platz ein, um ihr Brot zu kaufen. Wer erst kommt wenn er die Hupe des Händlers hört, kann auch mal eine Stunde warten. Also wird ein Stuhl aus der Bar geholt, man hat Zeit. Es wird geplauscht und gelästert. Geheimnisse halten sich nicht lange.

Im Winter liegt das Dorf fast verlassen da. Ein paar Wochenend-Besucher sind da, es riecht nach verbranntem Holz aus den Kaminfeuern. Richtig warm wird es in den alten Häusern nicht. In den Hängen werden Oliven geerntet. Die Bar hat geschlossen, nur an den Feiertagen wird geöffnet. Die Städter kommen und in der alten Dorfschule gibt es wieder Parties mit wilden Besäufnissen und lauter spanischer Schlagermusik.

Im Januar kommt die Stille wieder ins Dorf zurück. Die steilen Straßen gehören wieder den streunenden Katzen und die Steinchen unter deinen Füßen knirschen laut bei jedem Schritt. Das Dorf hält Winterschlaf.