Meer und große Steine

Isolation Tag drei und vier.

Heute ist fast nichts passiert, ein Glück, der gestrige Tag muss bei uns allen noch sacken. Sich von der Familie so lange zu isolieren und jedes Lachen, aber auch jedes Weinen hinter der Tür zu hören ist nervenaufreibend. Gestern ist dann noch Petita mit großem Rums unsere lange Eingangstreppe runtergefallen. Anderthalb Stockwerke mit Überschlag. Ich dachte erst, meinem Mann wäre ein Koffer (was einem so in den Kopf kommt…) heruntergefallen, so laut war das.

War aber das Kind. Und ich sitze im Zimmer und höre beide Kinder weinen und würde eigentlich sofort rausstürmen, versuche aber durchzuatmen und denke/hoffe, wird schon nicht so schlimm sein. Hört sich ja immer wilder an, als es ist, sowas.

Aber irgendwie beruhigt sich keiner und ich schaue dann doch kurz aus der Tür (mit Maske) und mein Mann ist ganz bleich und dann werden wir beide etwas (sehr) laut vor Nervosität. Der Mann ruft den Krankenwagen und fragt nach, wie wir das machen sollen, mit dem positiven Test von mir und Junikind, ob sie mit ins Krankenhaus darf. Darf sie nicht, aber sie soll auch auf keinen Fall zu mir, also dürfen wir ausnahmsweise doch eine Freundin ins Haus holen, die gleichzeitig mit dem Rettungswagen eintrifft.

Die Freundin kümmert sich also um Juni und der Mann fährt mit Petita ins Krankenhaus. Und ich hocke im Zimmer und kann nichts machen. Juni sitzt immer noch schniefend auf dem Sofa und bekommt eine Umarmung von unserer Freundin. Langsam beruhigt sie sich und dann höre ich sie schließlich zusammen spielen.

Dann kommt vom Mann die Nachricht aus dem Krankenhaus, alles gut – aber Petita hat leicht Temperatur und sie würde nochmal eine PCR bekommen. Wer weiß, ob sie sich doch irgendwie bei mir angesteckt hat. Was doof wäre, weil es dann auch Juni haben könnte und die wird ja gerade von der Freundin betreut. Außerdem wurden noch eine Menge anderer Proben gemacht und geröntgt und was weiß ich, aber ein Glück, es ist alles heile geblieben. Sie sollen aber noch zur Beobachtung da bleiben, also bleibt unsere Freundin hier und kocht erst Mittagessen und dann Abendessen und bringt Juni dann noch ins Bett, weil es immer später wird.

Gegen elf kommen Petita und der Mann dann endlich aus dem Krankenhaus zurück. Alles gut, nur das Testergebnis kommt erst morgen. Meine Freundin soll sich duschen und alles waschen was sie bei uns anhatte, wenn sie nach Hause kommt und das wars erstmal.

Wir sind alle ein bisschen mit den Nerven am Ende. Ich, weil ich nichts tun kann, der Mann vom Schock und meine Freundin wegen möglicher Ansteckungsgefahr. So ein Tag war das. Erst als ich im Bett liege, merke ich, wie laut mein Herz klopft und wie angespannt ich bin. Die Nacht wird unruhig.

Tag vier.

Keine Symptome. Vor einer Woche hatte ich den Kontakt und so langsam frage ich mich, ab wann ich mich wieder als “gesund” betrachten kann. Oder wenigstens als nicht mehr ansteckend. Nach zehn Tagen ab Kontakt? Nach vierzehn? Einerseits versuche ich optimistisch zu bleiben, andererseits habe ich Angst, mich in Sicherheit zu wiegen. Wann darf ich eigentlich die Isolation aufheben? Ich vermisse die Kinder und den Mann, da hinter meiner Zimmertür.

Von gestern bin ich immer noch ziemlich k.o. Versuche ein bisschen zu arbeiten, die Kinder spielen den ganzen morgen friedlich und es kehrt ein etwas Ruhe ein. Mittags bekommen wir das negative Testergebnis von Petita und sind erleichtert. Unsere Freundin muss jetzt nicht auch noch in Quarantäne.

Trotz allem versuche ich ein bisschen zu arbeiten, um mich abzulenken. Das klappt so mäßig, weil mir viel zu viel im Kopf herumschwirrt. Eigentlich warte ich nur, dass die Tage vorbeigehen. Ich setze mich in die Sonne auf den kleinen Balkon. Eine Freundin kommt und wir brüllen kurz ein paar Updates über die Strasse, die Nachbarn sind mir jetzt auch egal, die sehen mich ja eh den ganzen Tag hier hocken und der Krankenwagen war auch ein Spektakel gestern.

Abends videotelefoniere ich mit den Kindern, was schön ist. Danach sind sie aber sehr aufgeregt und traurig und todmüde und schlafen vorm Abendessen ein. Wir fragen uns was schlimmer ist, die Isolation oder das Virus. Aber jetzt haben wir bis hierhin durchgehalten. Morgen versuche ich mal herauszufinden, wann ich wieder aus dem Zimmer kann. Die Mädels sind irritiert und verunsichert und ängstlich und ich will die beiden nur noch in den Arm nehmen.

Große Müdigkeit, aber schlafen kann ich trotzdem nicht.

Tag zwei in Quarantäne

Ich habe lange geschlafen und habe dann noch ein bisschen im Bett gelegen, bin aber spät eingeschlafen. Mein Mann stellt mir Frühstück vor die Tür, die Kinder stehen hinten im Flur und linsen herein und winken.

Im Schlafzimmer habe ich einen Kissenbezug mit Wäsche gefüllt, er ist eigentlich schon voll, nach einem Tag: Muss man jetzt wirklich alles waschen? Pyjama, Anziehsachen? Bettwäsche? Kann man sich darüber irgendwie vermehrt infizieren, die Viruslast erhöhen? Oder sind das reine Vorsichtsmaßnahmen? Ich packe meinen Pyjama und die Sachen von gestern dazu.

Nach dem Duschen wische ich nochmal ein bisschen alles mit Desinfektionsmittel ab, auch wenn ich das Bad alleine benutze.

Dann gehe ich ins Arbeitszimmer, schaue nebenbei Dokumentationen und dann bringen der Mann und die Kinder mir das Essen, die Kinder winken und freuen sich mich zu sehen. Dreieinhalb Jahre alt, aber sie verstehen alles sehr genau. “Mama, Tür zu”, sagt Petita und ich nehme den Teller und setze mich zum Essen. Eigentlich ist mir ein bisschen schlecht. Ist das jetzt wieder ein Symptom oder kommt da die Angst hochgekrochen? Ansonsten merke ich nichts. Zweimal am Tag soll ich mit einer App einen “Symptome”-Test machen:
Fieber? Husten? Schwierigkeit zu Atmen? Allgemeines Unwohlsein? Übelkeit/Erbrechen/Durchfall? Geschmacksverlust?

Infos zur Quarantäne sind per SMS und als PDF gekommen, angerufen wurde ich nicht. Gestern habe ich eine Hotline angerufen und gefragt, ob nicht die negativ getestete Restfamilie irgendwo anders unterkommen kann, aber nein (war ja auch eigentlich klar). Wie es so oft gefordert wird, würde es so viel Sinn ergeben, für so einen Fall die leerstehenden Hotels zur Verfügung zu stellen. Machen die das nicht in einigen asiatischen Ländern so?

Unsere Freunde bringen ein Paket Masken vorbei. Wir brauchen Nachschub. Und auch noch so viel anderes Zeugs, die Liste in meinem Kopf wird immer länger.

Durch die geschlossene Tür höre ich die Kinder abwechselnd spielen, lachen und weinen. Mein Mann ist angespannt und es fällt mir schwer, nicht einfach rauszugehen und ihm zu helfen, mit allem. Sich im eigenen Haus zu isolieren ist seltsam, da zu sein und doch nichts tun zu können.

Der Himmel ist blau.

Positiv/Negativ

Vor zwei Tagen mussten wir mal wieder eine PCR machen lassen. Stäbchen in die Nase und in den Rachen, fies fies. Nummer drei für meine Petita, Nummer zwei für Juni, mich und meinen Mann.

Die “Erkältung” der Nachbarin hat sich als Corona-Infektion entpuppt. Ausgerechnet einen Tag vorher war die ganze Familie bei uns gewesen, die Kinder haben getobt und gespielt (und alles angefasst). Ich habe mich schon leicht paranoid gefühlt, weil ich alle Fenster aufgerissen und so gut es ging auf Abstand geachtet habe, aber nunja, Masken hatte keiner von uns auf.

Wir treffen uns sowieso nur mit diesen Nachbarn und einer anderen Familie, aber genau das ist ja das Problem, es wird vertrauter und doch habe ich nicht genug Mumm, die Nachbarn beim ersten Hüsteln raus zu schmeissen. Es ist so schwierig in diesen Situationen, eigentlich sollte die Pandemie-Etikette sein, bei dem leisesten Anzeichen zu Hause zu bleiben (und nicht zu klingeln und die Kinder mitzubringen). Jetzt haben wir den Salat.

Nach einem Tag voller Bangen und einer großen Putzaktion meinerseits haben wir heute unsere Ergebnisse bekommen: Von drei Familien, mit denen die Nachbarn in Kontakt waren, sind alle negativ getestet worden – bis auf mich. Die Nachbarsfamilie ist gesammelt positiv. Zwei Schulklassen und drei Familien sind damit in Quarantäne geschickt worden, etwa 53 Menschen. Wegen einem kleinen “Schnupfen”.

Meinem Mann war das Ergebnis heute nicht geheuer, also haben wir noch privat einen Schnelltest machen lassen. Wieso haben er und die Kinder nichts und ich schon? Also nochmal den palo in die Nase, unter Protest und Weinen beider Kinder und zwanzig Minuten warten. Und siehe da, alle negativ. Öh? Tja, kann sein. So ein Antigentest ist nicht so sensibel wie eine PCR und kann negativ ausfallen, wenn wenig Viruslast vorhanden ist. Direkt nochmal bei Drosten nachgehört und ja nun. Schrödingers Infizierte…Ich habe jetzt ein “Zertifikat” von der privaten Praxis, dass ich kein Corona habe und eine PCR-Analyse mit positivem Ergebnis. Da letzteres aber das ist, was uns verpflichtend nach Hause bannt, ändert sich nichts an der Situation.

Aber für mich ist es schön zu wissen, dass ich die Kinder nicht letzte Nacht angesteckt habe, als ich bei ihnen im Bett mit eingeschlafen bin. Und es gibt ja auch ein bisschen Hoffnung, wenn die Viruslast nicht so hoch ist, wird es ja vielleicht auch mild verlaufen? Oder ist das schlimmste schon vorbei? Hatte ich vielleicht schon viel früher eine Infektion, die ich nicht richtig bemerkt habe? Soll ich mich jetzt nochmal Testen lassen in ein paar Tagen, um sicher zu gehen?

Habe ich Symptome? Hatte ich Symptome? War da ein leichter Kopfschmerz? Und dieses Kratzen im Hals letzte Woche? Ich lausche in mich hinein und höre auf meinen Atem.

So oder so: Ab heute muss ich mich zehn Tage in einem Zimmer isolieren. Alles muss ständig gewaschen werden, alles soll gewischt und desinfiziert werden, jeden Tag neue Handtücher, neue Anziehsachen – die Wäscheberge sind jetzt schon riesig. Solange wir keine Sicherheit haben, betrachte ich mich als positiv und tendenziell ansteckend.

Zehn Tage, wo mein Mann und die Kinder ohne Hilfe auskommen müssen. Zum Glück sind wir schon im neuen Haus und haben zwei Bäder und genug Platz für alle. Zum Glück haben wir liebe Menschen um uns herum. Eine Freundin hat den Kindern Glitzertattoos in den Briefkasten gelegt (danke, L!) und geht für uns einkaufen. Meine Jobs sind gerade zum Glück alle an einem guten Punkt und ich kann eine Pause machen, zumindest übers Wochenende, bis wir sehen, wie alles läuft und wie es mir geht.

Jetzt müssen wir nur noch diese ganze Zeit herum bekommen.

Achterbahn

Eigentlich fehlen mir die Worte und dann sprudelt es aus mir heraus, sobald jemand fragt, wie es uns geht. So viel ist passiert. Die Ausgangssperre. Sechs Wochen in der kleinen Wohnung mit den dreijährigen Zwillingen. Das abendliche Klatschen. Der Blick auf das Altenheim gegenüber und die Pflegerinnen, die uns Mut zuriefen. Der Geburtstag von meinem Freund, der Kindergeburtstag mitten in der Ausgangssperre. Das bedrückende Gefühl, als ich das erste Mal wieder draußen war, in einer neuen Welt voller Masken, mit Schlangen vor den Geschäften und Menschen mit Angst in den Augen. Und trotz allem auch lustige Momente, dank der Kinder, für die Kinder. Und trotz allem schöne Momente, surreal und hoffnungsvoll. Als alles stillstand und auf den Straßen kein Auto fuhr. Wie die Flugzeuge ausblieben. Eine Pause von allem. Delfine vor der Küste, Wildschweine in den Straßen und Vogelgezwitscher.

Und irgendwann hing uns der Blick auf die Häuser ringsherum zum Halse heraus und die Elster in der Pinie hatte ihr Nest verlassen. Das Klatschen wurde jeden Abend weniger und hörte irgendwann auf, am letzten Tag sollten alle noch einmal kommen, ein Abschlussklatschen sozusagen, aber die Motivation war dahin.

Die Kinder. Jede Woche haben wir das Kinderzimmer umgeräumt, wir haben alle Mehl- und Matsch-Ideen durchprobiert, wir haben getanzt und zuviel ferngesehen, auf unserem kleinen Balkon den Boden bemalt und den Großeltern zugewunken und Schokoladenkuchen gebacken zum Geburtstag. Ein paar Mal haben wir uns ein leckeres Essen vom Thailänder bestellt. Es kamen Pakete zum Geburtstag mit bunten kleinen Sachen und Badespaß, ein fröhlicher Gruß aus einer anderen Welt.

Die Erzieherinnen aus dem Kindergarten schicken Videos mit Geschichten und Liedern und in der Eltern-Whatsapp-Gruppe schickten die Kinder kleine Videobotschaften. Alles war so plötzlich vorbei, dass die Kinder sich garnicht mehr von ihren Freunden verabschieden konnten. Petita erklärte, sie würde alle Kinder umarmen und küssen, wenn sie sie wiedersähe. Und ein großes Fest machen und alle alle einladen. Was für ein Glück, das die zwei sich noch hatten. Endlich mal ein wahrer Vorteil für Zwillinge.

An manchen Abenden bin ich nochmal aufgestanden und habe mich mit meinen Freundinnen zusammengerufen. Wir haben geredet bis spät nachts, bitter gelacht und Wein dazu getrunken.

Dazwischen versucht zu arbeiten, sich irgendwie zu konzentrieren und ein Stück Alltag zu haben. Mit den Kollegen in Deutschland zu sprechen, für die alles so anders war und die ich um die geöffneten Spielplätze beneidet habe, um die Spaziergänge und die Zwei-Personen-Regel. Zoom wird ein Fenster in eine andere Welt, so anders erleben meine Familie und Freunde und Kollegen das alles. “Wieso ist es hier so schlimm und in Deutschland nicht?” rätseln wir in Spanien. Und wir finden tausend mögliche Gründe. “Wir sprechen lauter!” “Wir leben mehr in den Familienverbänden”. Ich sehe vor allem ein politisches Versagen, eine zu langsame Reaktion – fast schon negieren – von dem, was da auf uns zukam.

Und in unserer kleinen Stadt wurde das Hotel umgenutzt zur Krankenstation, die Intensivstation vergrößert. Und wir warteten darauf, dass die Kinder endlich raus dürften.

Ein paar Monate später, als wir schon wieder durch die Innenstadt spazieren konnten, trafen wir eine Freundin, eine Lehrerin, die erzählte, wie sie geweint hat darüber. Die Kinder zwei Monate einzusperren. Und dann das Lästern, als sie endlich wieder rausdurften: “Guckt mal, wie schlecht die das machen!, die halten ja gar keinen Abstand…”

Was für ein trauriger Anblick das war mit den leeren Straßen ohne Kinder. Als wir den ersten Tag draußen waren, stand ein kleines Mädchen am Balkon und rief: “Papa, Papa, da sind noch mehr Kinder!” Als hätte sie vergessen, dass sie nicht das einzige Kind auf der Welt war.

Und die Alten. Im Altenheim uns gegenüber eingesperrt, für Monate. Der Alarmzustand war schon längst vorbei und noch immer durften sie nicht raus und niemand durfte rein. Meine Schwiegeroma lag dort drin. Irgendwann durften wir uns vor die Tür stellen, zum winken. Der Sohn und die Tochter konnten erst zu ihr, als sie im Sterben lag, um sich zu verabschieden. Immerhin das, aber ach…so behandelt ein Land seine Alten und Kinder?

Und dann wurde unser Haus einzugsfertig und wir konnten endlich die kleine Wohnung verlassen. Was für ein schöner Moment, um umzuziehen und sich neu einzurichten. Wir hatten so Sorge, dass wir es nicht bis zur nächsten Ausgangssperre schaffen und hatten noch genug vom Sommer übrig, um es uns auf der Terrasse schön zu machen und den Strand zu genießen.

Bis hierhin.

Der ewig lange spanische Sommer…

Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen, dabei habe ich gedanklich gerade erst Abschied vom Sommer genommen. Der Herbst war bis letzte Woche so mild, dass wir erst vor ein paar Tagen die dicken Jacken rausgeholt haben (und es sind nur 15 Grad, die sich aber echt sehr kalt anfühlen!) Der hiesige Herbst war also eher ein sehr langer Spätsommer, mit viel blauem Himmel und wenig fallenden Blättern. Manchmal wünsche ich mir fast ein paar Regentage hintereinander, statt dieses zaghafte Getröpfel ab und an. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zurück zum spanischen Sommer. Zu diesem gehört nämlich ein Phänomen: Im August hat Spanien zu. Die Städte liegen wie ausgestorben da, in Barcelona fliehen die Einheimischen vor der Hitze in kühlere Regionen, in den Ladenfenstern hängen Zettelchen “Wir kommen am 1. September wieder!” Leider betrifft dieses Phänomen zwar die öffentlichen Kindergärten, aber nicht unsere Arbeitsplätze.

Also standen wir auch in diesem Sommer wieder vor der Frage: Was machen wir so lange mit den Kindern? Die Sommerferien beginnen Ende Juni und enden nach der ersten Woche im September. Da reichen sechs Wochen Jahresurlaub nicht (und noch weniger, wenn man noch Tage für den Weihnachtsbesuch in Deutschland braucht).

Was tun?

Für den Juli hatten wir zwei Optionen: Großeltern oder casal d´estiu, die Sommerbetreuung im Kindergarten. Letzteres hatten wir voriges Jahr schon ausprobiert und nun ja, es war ok, aber für die damals einjährigen nicht das richtige. Unsere kleinen Krabbelwesen schwitzten im unklimatisierten Kindergarten vor sich hin, es war teuer (man muss den einen Monat extra bezahlen, plus Mittagessen waren das so um die 1000 Euro für zwei Kinder) und überhaupt hatten wir nicht so richtig Freude an diesem Konzept. Dieses Jahr entschieden wir uns also für die traditionelle Variante: Die Großeltern springen ein.

Hier ist es durchaus üblich, die Familie so stark in die Kinderbetreuung einzubinden. Teils, weil es nicht anders geht, teils, weil die Großeltern es fast für selbstverständlich oder gar ihre Pflicht halten, auf die Enkel aufzupassen. Als ich noch im Mutterschutz war (den ich dank unserer Ersparnisse auf ein Jahr ausgeweitet hatte) sah ich beim morgendlichen Spaziergang mit Kindern überall Yayos und Yayas mit Kinderwagen: Am Strand, beim Einkaufen…bis die Eltern von der Arbeit kamen, um die frisch gebadeten und gut gefütterten Kleinen in Empfang zu nehmen.

Als unsere mit knapp einem Jahr in den Kindergarten kamen, lamentierte meine Schwiegermutter darüber, dass sie leider noch nicht in Rente sei, um die Betreuung zu übernehmen. Mir hingegen fiel und fällt es eher schwer, die beiden so lange bei den Großeltern zu lassen. Vielleicht, weil ich selbigen ein eigenes Leben zugestehe und nicht davon ausgehe, dass sie Lust haben, fünf Tage die Woche auf zwei zweijährige aufzupassen. Hat das was mit der deutschen Mentalität zu tun? Oder liegt es daran, dass es mir leid tut, dass meine Eltern die beiden nie so intensiv erleben werden – gerade im Moment, wo so viel passiert und sie jeden Tag mehr sprechen, mehr teilen, mehr mit einem erleben und verstehen.

Meine Schwägerin macht dagegen ganz selbstverständlich von ihren Eltern Gebrauch. Der kleine Primo ist zwar im Kindergarten angemeldet, aber effektiv ist er, seit sie wieder arbeitet, jeden Tag bei seinen Yayos.

Im Juli übernahmen also die Großeltern. Und es lief super. Yayo hat sich einen Haufen Spiele und Aktionen ausgedacht und es immer wieder geschafft, mit einfachen Mitteln und ein bisschen Albernheit etwas Neues zu erfinden. Fast jeden Tag kamen die beiden mit irgendwelchen Kreationen nach Hause: Ausgeschnittenes Obst und Gemüse aus Papier, ein Schuhkarton mit Schnur als Eisenbahn oder hochdekoriert mit selbstgebastelten Krönchen und Armreif. Die Yaya erfüllte alle Klischees und sorgte für reichlich essen, ordentlich gekämmte Seitenscheitel und ausgehfeine kleine Damen.

Insgesamt ein voller Erfolg, auch wenn ich beide Augen fest zudrücken und mir vorsagen musste: “Es sind Ferien. Das ist ein Ausnahmezustand. Sie tun uns einen Riesengefallen. Die Kinder lieben es “. Für meinen Geschmack gab es zu viel Kakao und Keks und gezuckertes, zu viel Zeichentrick und zu viel “Rosa-Hellblau-Falle”. Bei der Kinderziehung liegen zwischen mir und meinen Schwiegereltern wirklich Welten.

Im August schlossen wir uns den Massen an und nahmen Urlaub. Das erste Augustwochenende sorgt traditionell für Staus auf den Straßen, also warteten wir noch ein paar Tage, bevor wir uns auf den Weg machten. Wie letztes Jahr hieß es: Vamos al Pueblo! Dort verbrachten wir ein paar Wochen mit der engeren und entfernteren Verwandtschaft. Von dort aus ging es dann, mit einem kurzen Zwischenstop zu Hause, nach Deutschland zu meiner Familie. Der Mann und ich sprechen immer augenzwinkernd von ausgleichender Gerechtigkeit, denn: Er findet es in Deutschland ähnlich spannend wie ich im Dorf. Also mäßig. Irgendwie ist beides schön, aber auch ein bißchen langweilig für den jeweils anderen. Die Kinder haben natürlich überall Spaß und haben es vor allem sichtlich genossen, das wir so viel Zeit mit ihnen verbracht haben.

Trotzdem würden wir nächstes Jahr noch etwas Familienzeit zu viert einplanen – denn so richtigen Familienurlaub, das haben wir immer noch nicht gemacht.

Plötzlich ausgewandert

Beim letzten Deutschlandbesuch fragte meine Cousine: “Und wie ist das so, Du bist ja jetzt ausgewandert?” “Jetzt bin ich die Ausländerin.” antwortete ich. Viel mehr fiel mir nicht ein. Das Gefühl, in einem anderen Land zu leben, lässt sich schwer in Worte fassen. Und sich einzugestehen, dass man vielleicht nie zurückkommt, ist nicht weniger schwierig. Als wir damals nach Spanien gezogen sind, war es ja zunächst nur ein Versuch. Wir hatten einige Jahre in Berlin gelebt und immer wieder tauchte das Thema auf: “Wollen wir irgendwann mal in Spanien leben?” Und wenn ja, wann?

Jetzt oder nie!

So kamen wir an den Punkt, zu sagen: Jetzt oder nie! Einen richtigen Zeitpunkt würden wir sowieso nie finden. Die Familienplanung hatten wir auch schon im Hinterkopf (damals wussten wir noch nicht, dass das nicht ganz so einfach werden würde) und der Gedanke, Kinder in Berlin zu bekommen, gefiel mir ganz und gar nicht. Ich mag Berlin, aber es ist für mich kein Ort, an dem ich meine Kinder großziehen möchte. Umso idyllischer war das Bild von einem kleinen spanischen Küstenort mit Strand und Meer und viel Sonne! Aber zunächst war das Thema Kinder für uns ziemlich weit entfernt, der Umzug und der Neuanfang in einem mir fremden Land standen im Vordergrund.

Also packten wir Kisten um Kisten, verkauften die meisten unserer Möbel und brachen eines Tages auf. So oft wir vorher in Spanien gewesen waren: diese Ankunft fühlte sich vollkommen anders an. Bis wir eine Wohnung fanden, wohnten wir in einer kleinen Ein-Zimmer-Wohnung von Freunden im Herzen von Barcelona. Noch war es ein bißchen wie Urlaub: Die Spaziergänge durch Barcelona, die fremde Wohnung, die Reisekoffer mit den nötigsten Sachen.

Dazwischen besichtigten wir Wohnungen. Vom ehemaligen Kosmetikstudio mit Milchglastüren und Dusche im “Wohnzimmer” bis hin zur Jugendstil-Altbauwohnung mit geschnitzten Blütenblättern im Türrahmen und Göttinnenstatue im Eingangsbereich war alles dabei. Der Wohnungsmarkt war (und ist immer noch) heiß umkämpft und die Makler drängten einen geradezu, sich sofort zu entscheiden. Niemand sagte “Schlaf nochmal drüber!” Hier hat man am besten schon die Maklerprovision bei der Besichtigung dabei, damit einem niemand die Wohnung unter der Nase wegschnappt.

Unsere erste Wohnung bekamen wir nur, weil wir gleich nach dem Besichtigungstermin zur Bank gingen und am Nachmittag Geld im Maklerbüro hinterlegten, “zum reservieren”. Würden wir uns anders entscheiden, wäre das Geld futsch gewesen. So ein Stress! Was, wenn wir in der Zwischenzeit eine schönere Wohnung finden würden? Wie war der Boden nochmal – war der nicht irgendwie häßlich gewesen? Ausgerechnet bei dieser Wohnung hatte ich kein einziges Foto gemacht! Und die Möbel sollten alle da drin bleiben? Und überhaupt, was war das für eine irre Idee, auf einmal in ein anderes Land zu gehen und dort einen Mietvertrag zu unterschreiben? War ich jetzt schon wirklich, richtig ausgewandert?

In solchen Momenten fliegt die Zeit. Keine Innehalten, kein Überdenken, wofür? – man ist ja schon längst da, die Spedition ist unterwegs, die alte Wohnung in Deutschland längst vermietet. Also haben wir den Mietvertrag unterschrieben und bald darauf die ersten Kisten ausgepackt. Haben erleichtert festgestellt, dass der Boden doch schönes Parkett ist und kein Imitat. Haben uns im neuen Leben eingerichtet: Da ist das Meer, da ist der kleine Laden um die Ecke mit dem guten Brot und der netten Besitzerin, das ist die Nachbarin auf dem Balkon, da ist der Supermarkt. Dabei bin ich in Gedanken an frühere Urlaube versunken. Diese verschlafenen kleinen Örtchen, durch die man manchmal kam und ein “zu verkaufen”-Schild sahst und dachtest: Was wäre wenn? Oder wenn man schon so lange an einem Ort war, dass man alle Wege kannte, “sein” Café hatte, seine Urlaubsroutine und Lieblingsorte und sich fragte: Was, wenn ich bleibe? So fühlte sich das Ankommen an.

Bleiben, wenn der Sommer vorbei ist

Der Winter kam und der Strand war leer und windig. Die Chiringuitos (die Strandbars) wurden abgebaut. Die Wellen schlugen höher und fraßen ein Stück vom Land. Die Bars und Plätze blieben leer. Man muss arbeiten, man hat seine Routinen, man muss einkaufen, man hat nicht viel Geld. Der Sommer ist für alle vorbei, nicht nur für die Touristen.

“Gehst Du oft ans Meer?” fragen mich die Freunde in Deutschland. “Nein”, sagte ich, “ich sitze viele Stunden am Tag am Computer und manchmal treffen wir Freunde und manchmal schauen wir einen Film oder wir gehen essen. Aber es ist immer da, das Meer, hinter dieser Straßenecke.”

“Geht ihr jeden Tag in den Wald? Fahrt ihr jeden Tag an den See?” brauche ich nicht zu fragen, denn ich weiß, ihr sitzt viele Stunden am Tag am Computer und manchmal trefft ihr Freunde und manchmal schaut ihr einen Film oder geht essen. So ist das, wenn man auswandert, man lebt dort einfach, in einem anderen Land.

So oft war ich schon umgezogen und hatte mir neue Städte erobert, dass ich wusste, ich muss nur warten. Irgendwann hat man Freunde, kennt man die Frau von der Gemüsetheke und hat seine eigene Karte von der Stadt im Kopf. Und dann ist man, ganz ohne es zu merken, angekommen.

Ankommen, aber wie?

Zugegebenermaßen war und ist es diesmal schwieriger. Die Tragweite meiner Entscheidung hat es mir nicht leicht gemacht, das neue Leben einfach zu genießen – schließlich bin ich nicht für unverbindliches Auslandssemester hergekommen. Und so ist jeder Moment des Ankommens hier immer auch ein erneuter Abschied. Ich sehe meine Kinder aufwachsen und verabschiede mich von der Idee, gemeinsam mit der besten Freundin tagtäglich am Spielplatz zu sitzen. Ich begrüße den strahlend blauen Himmel und verabschiede mich von rotem Herbstlaub und dem Frühlingserwachen. Ich finde neue Freunde und sehe deren Kindern langsam beim Wachsen zu, während meine Nichten und Neffen in Halbjahres-Sprüngen rasend schnell größer werden. Ich entscheide mich für einen Flug nach Berlin, kann dafür aber meine Familie nicht besuchen.

Die meiste Zeit lebe ich ganz einfach. Genieße die Sonne. Sehe die Kinder am Strand laufen und lasse mir den Winterwind um die Nase pusten. Freue mich über neue Bekanntschaften, über die leckeren Tomatensorten und die frühen Erdbeeren. Es gibt so viele tolle Feste und Feiern, die auf ihre ganz besondere Art und Weise gefeiert werden. Oft vergesse ich ganz, dass ich so einen großen Schritt gemacht habe. Mal bin ich noch Zuschauer, mal mache ich mit.

Dann muss ich an die Einwanderer in Deutschland denken und die Diskussion um Integration und Leitkultur. Seit ich selber in einem anderen Land lebe, frage ich mich: Was genau soll man denn auch machen? Was muss ich dafür tun? Die Sprache sprechen? Die Gebräuche übernehmen? Die eigenen Wurzeln über Bord werfen? Sich eingestehen, dass man vielleicht niemals zurück kommt und selbst wenn, sich vielleicht zu sehr verändert hat?

Egal was ich mache, wie gut ich die Sprache spreche und wie unauffällig ich mich verhalte: Ich werde immer die Deutsche sein. Das einzige was ich tun kann, ist mein Leben ganz für mich zu leben, so wie es mir gefällt. Das kann ich an jedem Ort der Welt tun. Aber wenn ich das schaffe, dann bin ich wohl “angekommen”, in meinem Leben.

Das liebe Geld

Kindergeld, Elternzeit – man lässt sich als Auswandererin ganz schön viel durch die Lappen gehen. Je länger ich in Spanien lebe, desto wundersamer kommen mir all die deutschen staatlichen Geldquellen vor, die es für Familien gibt. 300 Euro pauschal aufs Elterngeld bei Zwillingen? Wow! Baukindergeld? Wahnsinn! Und überhaupt, insgesamt 14 Monate Elternzeit? Unglaublich, wenn man bedenkt, dass frau hier nach vier Monaten wieder arbeiten gehen muss, wenn sie nicht auf ihren Job und die dazugehörigen Einkünfte verzichten kann.

Kinder muss man sich leisten können

Und die spanischen Väter? Bekommen erst seit kurzem einen ganzen Monat frei – früher gab es nur zwei Wochen Vaterzeit. Die vier Monate Mutterschutz kann man gnädigerweise sogar zwischen beiden Elternteilen aufteilen – aber wie realistisch ist es bitte, als Mutter eines dreimonatigen Kindes wieder arbeiten zu gehen, währen der Mann noch einen Monat mit dem Säugling zu Hause bleibt? Immerhin: Für Zwillingseltern gibt es auch in Spanien nochmal eine pauschale Einmalzahlung von etwa 2000 Euro. Dazu bekommt man als arbeitende Mutter drei Jahre lang 100 Euro pro Kind und Monat. Danach war es das. Kein Kindergeld weit und breit, dafür Kindergarten- und Schulgebühren. Und das Studium muss später auch bezahlt werden! Dass Spanien eine ziemlich niedrige Geburtenrate hat, muss ich wohl nicht erwähnen? In Spanien muss man sich Kinder leisten können.

Überhaupt: Dass man hier für Bildung bezahlen muss, ärgert mich sehr. Es gibt einerseits staatliche Schulen, Unis und Kindergärten, für die man einen festen Preis bezahlt. Dazu gibt es noch teure private und weniger teure halb-private Schulen. Viele Eltern versuchen ihre Kinder auf halb-private Schulen zu schicken (colegios concertados), weil sie überzeugt sind, das Lehrniveau sei dort höher. Wer sich eine Privatschule leisten kann, schickt seine Kinder dorthin. Dann gibt es noch einige Eltern, die ihre Kinder aus Überzeugung auf öffentliche Schulen schicken – wegen der Realitätsnähe oder um das Schulsystem zu fördern.

Ein Platz im Kindergarten ist sicher!

Unsere Kinder sind in einem öffentlichen Kindergarten, der uns pro Kind mit Mittagessen etwa 350 Euro kostet. Die Erzieherinnen sind allesamt liebevoll und nett und den beiden gefällt es dort. Die Räume sind nicht besonders geschmückt und eher nüchtern, aber immer jahreszeitlich dekoriert. Außerdem lassen sich die Erzieherinnen oft etwas einfallen: Mal hängen Stoffbahnen von der Decke, in denen sich die Kinder verstecken können, mal gibt es Tobe-Spielwiesen oder Fühlkisten. Uns reicht das. Auf dem Weg zu unserem Kindergarten kommen wir an einem privaten vorbei. Ein Blick in den Eingangsbereich zeigt: Hier sieht es komplett anders aus! Alle Räume sind thematisch wie ein kleines weißes Holzhäuschen dekoriert, inklusive einem kleinen weißgestrichenen Lattenzaun. Es ist bunt und verspielt und alles irgendwie niedlich. So in etwa stelle ich mir den Unterschied zwischen privaten und öffentlich Schulen auch vor: Vor allem materiell wird in privaten Einrichtungen mehr geboten. Das Niveau, bin ich mir sicher, hängt wie überall von den jeweiligen Lehrern ab.

Was hier dafür besonders gut klappt: man bekommt wirklich schnell und unkompliziert einen Kindergartenplatz. Das läuft ähnlich wie in Deutschland bei der ZVS fürs Studium. Wir haben unsere im laufenden Semester auf eine Warteliste gesetzt (man durfte drei Favoriten angeben) und einen Anruf bekommen, sobald es zwei freie Plätze gab. Wir mussten also nur ja oder nein sagen. Das war schon toll, vor allem wenn ich mitbekomme, wie lang und kräftezehrend die Kindergartensuche in Deutschland abläuft.

Die Großeltern helfen aus

Aber natürlich: Wenn Mütter nach vier Monaten wieder arbeiten müssen, braucht es auch ein funktionierendes System. Wenn man es sich als Familie nicht leisten kann, länger zuhause zu bleiben, gibt es zwei Optionen: Die Säuglingsgruppe oder die Großeltern. Man sieht hier wirklich unglaublich viele Großeltern tagtäglich mit ihren Enkeln durch die Stadt spazieren, meine Schwiegermutter inklusive. Das wird hier als etwas ganz normales angesehen – obwohl es für die Yayos und Yayas ganz schön viel Arbeit ist. Dass die Großeltern mal aushelfen, finde ich auch wirklich toll – aber dass sie jeden Tag die Enkel betreuen müssen, weil die Eltern sonst nicht arbeiten gehen können, gefällt mir nicht.

Meine Kinder sind mit etwa 10 Monaten in den Kindergarten gekommen, erstmal nur halbtags. Als Selbstständige konnte ich recht entspannt stufenweise wieder in den Beruf zurück. In der Säuglingsgruppe gab es ein paar ältere und einige jüngere Kinder, sie waren relativ in der Mitte. Für die ganz Kleinen gab es Fläschchen, für unsere Gemüsebrei und ziemlich schnell feste Nahrung. Wer sein Kleines so früh abgeben muss und stillen möchte, steht vor einer Herausforderung. Man darf natürlich abgepumpte Milch mitbringen, aber das bedeutet auch, diese über Tag im Büro oder sonstwo am Arbeitsplatz abzupumpen…da gehört einiges an Ehrgeiz dazu. Zum Glück hatten wir genug Ersparnisse, um uns durch das erste Jahr zu tragen – das war es mir wirklich wert. So viel Zeit mit den Kindern verbringen zu können und sie wachsen zu sehen, ist etwas ganz besonderes.

In ein paar Jahren soll es in Spanien für Väter ebenfalls vier Monate Elternzeit geben – und zwar als Pflicht. Ich hoffe sehr, dass das klappt. Damit wäre auch ein großer Schritt in Richtung Gleichberechtigung getan. Bis dahin sorge ich mit meinen Erzählungen vom Wunderland Deutschland für große Augen: Hebammen, die zu einem nach Hause kommen, Kindergeld weit über das dritte Lebensjahr hinaus – und die vermaledeite Kitasuche!

Zwillinge oder der Verlust der Privatsphäre

Seit der Schwangerschaft haben sich unzählige Menschen in meine und unsere Privatsphäre eingemischt. Es wurde nachgeforscht, ob wir Zwillinge in der Familie haben oder gleich direkt gefragt, ob sie “natürlich” entstanden sind. Die paar Male, an denen mir aufrichtig zu Zwillingen gratuliert wurde, kann ich an einer Hand abzählen – meistens waren das nette ältere Damen, die mir Alles Gute zu dem “doppelten Segen” wünschten und für mich “Gesundheit, um die beiden aufzuziehen”.

Bei einer Zwillingsschwangerschaft gibt es zudem unzählige Arztkontrollen. Ständig mussten wir zur Vorsorge. Bei der Geburt wäre ich fast gestorben und war das Krankenhausgespräch. Wir waren eine Woche im Krankenhaus. Alle drei Stunden platzte eine Schwester herein mit den Milchfläschchen für die Babies. Dazwischen gab es Essen, die Babies wurden zum Baden geholt, ich wurde gewaschen, es gab Arztvisite und Schelte von der strengen Kinderkrankenschwester, wenn die Babies ihre Fläschchen nicht ausgetrunken hatten (obwohl ich ja zusätzlich stillte). Nach fünf Tagen konnte ich das erste Mal aufstehen. Wir hatten zwei Stunden lang eine Zimmernachbarin mit ihrem Neugeborenen, während mir gerade die Katheter gezogen wurden. Es gab Besuch von Menschen, die ich kaum kannte (dank der spanischen Familienverhältnisse) und die mich in einem ziemlich desolaten Zustand sahen. Alle wussten, was bei der Geburt passiert war. Gute Freunde hingegen ließen uns erstmal in Ruhe – aus Respekt, um uns Raum zu geben und anzukommen.

Als wir aus dem Krankenhaus kamen, gab es noch ein paar seltsame Besuche mehr bei uns zu Hause, dann war aber Gottseidank Schluss. Mit hatten schon genug fast fremde Leute beim Stillen zugeschaut. Dafür mussten wir bei jedem Spaziergang unsere Babies bewundern lassen. Ein älterer Herr hielt sogar mal im Vorbeigehen den Kinderwagen fest, um sie in Ruhe betrachten zu können. Manchmal wünsche ich mir, in solchen Moment nicht so perplex gewesen zu sein und schneller reagiert zu haben. Viel zu oft hatte ich Angst davor, eine Szene zu machen. Einmal hat eine Frau in “unserem” Tante Emma-Laden ein Baby aus dem Kinderwagen abgeschnallt und in den Arm genommen, als ich gerade nicht hinsah. Da sie aber auch Stammkundin dort war, habe ich nichts gesagt, sondern ihr das Kind nur wieder aus dem Arm genommen. Noch heute ärgere ich mich darüber, meine Kleine da nicht besser “beschützt” zu haben.

Als die beiden gerade laufen konnten, wollte eine Frau die beiden unbedingt ihrem Mann zeigen. Sie hatte selbst (etwa zehnjährige) Zwillinge. Wir waren in einem Straßencafé und die beiden taperten zwischen den Tischen herum. Schwupps, hatte die Frau mein Kind auf den Arm und rief ihrem Mann zu, “Schau mal wie süß! Unsere waren auch mal so!” Wir hatten Freunde mit einem Einzelkind dabei und die waren ebenso verdattert wie wir. So viel Übergriffigkeit hatten sie bei ihrem Sohn nie erlebt. Sicherlich ist es schon so, dass in Spanien Kinder viel mehr getätschelt und gestreichelt werden, aber mit den beiden war es schon extrem. Und wir waren nach der schwierigen Geburt und als Erstlingseltern überhaupt nicht gewappnet dafür, so viel Aufmerksamkeit zu wecken.

Jetzt sind die beiden fast zwei. Die Standard-Frage “Sind das Zwillinge?” beantworten wir nur noch mit einem müden Nicken und ziehen dann zügig von dannen. Wir erwecken weitaus weniger Aufsehen mit zwei Kleinkindern als mit zwei Neugeborenen und das ist wirklich entspannter. Dafür wird unsere Stillbeziehung jetzt gerne kommentiert (“Ach, stillt ihr immer noch?” oder “Na, bald stillst Du ja bestimmt ab, oder?”). Und es nervt mich schon wieder sehr. Denn es ist für mich immer noch ein großer Unterschied ob ich freiwillig etwas über mich erzähle (wie hier im Blog), oder man mir alles aus der Nase ziehen will. Ein offenes Gespräch kommt so nicht zustande. Nach zwei Jahren kommt es mir immer noch seltsam vor, dass man mit als Schwangere und Eltern von Zwillingen scheinbar Gegenstand öffentlichen Interesses wird. Aber ich nehme mit Erleichterung zur Kenntnis: Es wird besser.

Wie lange willst Du denn noch stillen?

Fast zwei Jahre Stillzeit sind herum und das Stillen hat sich gewandelt: Aus den zwei kleinen Hilflosen Wesen sind zwei selbstständige Persönchen mit einem sehr eigenen Willen geworden. Die Aufregung, das Gehampel und unzählige Versuche, endlich eine gute Position zum Tandemstillen zu finden haben sich in Routine, Geborgenheit und eine verkuschelte Wuselei verwandelt.

Ebenso hat sich die Position meiner Mitmenschen dazu verändert: wurde ich anfangs noch beklatscht (im wahrsten Sinne des Wortes), wird nun immer häufiger gefragt: “Wie lange willst Du denn noch Stillen?”. In den wenigsten Fällen steckt da aber ehrliches Interesse dahinter. Was der Fragende eigentlich sagen will, ist: “Still doch endlich mal ab!”. Und darum beginnt diese Frage mich langsam wirklich zu nerven. Und ich muss aufpassen, dass ich nicht nur aus Trotz weiterstille.

Warum, werte Damen und Herren, ist mein Stillen auf einmal so “interessant”, dass sich so viele Menschen einmischen müssen? Was sollen die hochgezogenen Augenbrauen, wenn ich sage: “Ich weiß nicht, wie lange ich Stillen möchte. So lange es uns gut dabei geht?” Warum fühlte ich mich anfangs verpflichtet zu erklären, dass ich ja eigentlich nur drei Monate Stillen “geplant” hatte, weil ich dachte, mit zweien schaffe ich das vielleicht nicht. Dass dann daraus sechs Monate wurden und dann ein Jahr und es immer einfacher wurde?

Dann versuche ich zu erklären, dass ich glaube, wir werden schon den richtigen Zeitpunkt finden. Wenn es mich anfängt zu nerven. Dass ich darauf vertraue, zu spüren, wann es uns gut tut, die Stillbeziehung zu beenden. “Tja, wenn es Dich nicht stört…musst Du ja wissen” heisst es oft. Genau. Allerdings habe ich das Gefühl, dass es andere stört. Und ich verstehe wirklich nicht warum, für mich ist es etwas so natürliches, selbstverständliches…

Stillgeschichten

Meine spanische Schwiegeroma erzählte mir, ihre Mutter habe sie bei jedem Kind “ermahnt”, weiterzustillen, bis diese zwei Jahre alt waren. “Halte durch”, hieß es, wenn sie jammerte, “das ist das Beste, was Du deinem Kind geben kannst”. Es gibt vor allem im spanischen Bekannten- und Verwandtenkreis mehrere Anekdoten von bereits sprechenden Stillkindern aus verschiedenen Jahrzehnten. Vor meiner deutschen Omi habe ich großen Respekt, dass sie ihre vielen Kinder alle gestillt hat. Das hat bestimmt auch noch mit der damaligen Erziehung zu tun, eine “deutsche Mutter” musste ja schließlich stillen, aber trotzdem: sie hat das gemeistert. In meiner Familie gibt es viele “Langzeitstillende”, von der Tante bis zur Cousine. Persönlich kenne ich wirklich viele Mütter, die mehr als ein Jahr stillen oder gestillt haben. Untereinander stellen wir uns die Frage nie – sondern hören einander zu, wenn es Probleme gibt, wenn die ersten Abstill-Versuche nicht geklappt haben oder wenn es doch mal wieder eine von diesen Nächten gab, an denen gefühlt dauergestillt wurde.

Unsere Stillgeschichte begann denkbar schwer: Noch auf der Intensivstation wurde mir Milch abgepumpt, als mein Mann erklärte, dass ich stillen wollte. Ob das klappen würde, war nicht sicher. Die Babies bekamen zwei Tage lang Fläschchen, bis ich auf dem Zimmer war und sie das erste Mal anlegen konnte. Dank der Hilfe der lieben Hebamme im Krankenhaus und trotz der unsäglichen Einmischungen der brummigen Nachtschwestern haben wir es geschafft. Immer habe ich den Moment im Kopf, als ich die zwei kleinen Wesen endlich kennenlernen durfte. Die Erstgeborene wich seitdem nicht mehr von meiner Seite. Bloß nicht zu weit weg von der Nahrungsquelle!

Nach zwei Monaten war ich schier verzweifelt, weil beide die Flaschenmilch in hohem Bogen wieder ausspuckten. Aus Mund und Nase kam alles wieder raus! Danach gab es Gebrüll und dann wieder die Brust. Ab und zu mal die Flasche geben zu können, wäre sowohl für mich als auch für meinen Mann eine Erleichterung gewesen.

Als die ersten drei Monate herum waren, wurde es einfacher: endlich konnten sie ihre Köpfchen etwas besser halten und rutschten nicht ständig weg. Wir stillten überall, in Cafés, am Strand, auf einer Bank sitzend. Mit sechs Monaten waren wir echte Stillprofis. Dann fing irgendwann die Beikost an und es wurde etwas weniger und unkomplizierter. Es gab Phasen, wo ich dachte, bald hören sie von selber auf.

Mit der Eingewöhnung im Kindergarten änderte sich wieder alles: Nach den langen Stunden ohne Mama wollten sie vor allem eins – Stillen. Das ist noch immer so. Manchmal nervt es mich, vor allem wenn die beiden meinen, sich das Essen sparen zu können. Manchmal hilft es mir aber auch sehr: Wenn sie krank sind, wenn sie zahnen, beim Einschlafen – Stillen ist immer noch die schnellste Einschlafhilfe.

Trotzdem frage ich mich in letzter Zeit immer häufiger: Vielleicht ist es doch gut, bald mal abzustillen? Brauchen die beiden das wirklich noch oder kann ich nur nicht loslassen? Der Gedanke, nie wieder Stillkinder haben zu können, tut mir weh. Aber das möchte ich nicht an den beiden “auslassen”. Sie werden nicht immer meine Babies sein können und sind es mit fast zwei schon längst nicht mehr. Dann gibt es uns wiederum Momente des zur-Ruhe-kommens und der Geborgenheit und ich habe Angst, ihnen das zu nehmen. Den richtigen Zeitpunkt zu finden scheint mir schwieriger als ich dachte.

 

Verschieden Kinderbücher nebeneinander gelegt

Wir lernen sprechen – in drei Sprachen!

Es ist so weit: Meine Töchter lernen ihre ersten Wörter und schnappen jeden Tag etwas neues auf. Und so sehr ich darauf achte, mit den beiden nur deutsch zu sprechen – die beiden Landessprachen sind auf dem Vormarsch. Vor allem der Kindergarten tut sein übriges: Jeden Tag kommen sie mit neuen katalanischen Wörtern nach Hause. So heisst Fisch nicht Fisch und nicht pescado sondern “peix”. Der kommt im Kindergarten häufig auf den Tisch, scheint´s, denn Hühnchen oder Fleisch nennen sie ebenso.

Angeblich sprechen mehrsprachige Kinder erst später. Ob das so ist kann ich allerdings noch nicht nicht einschätzen. Durch das katalanisch-spanisch gibt es hier ja sowieso eine Menge bilingualer Kinder. Im Kindergarten ist mir noch nicht aufgefallen ob einige Kinder besser oder schlechter sprechen. Allerdings wusste unser Nachbarsjunge im Gegensatz zu den beiden schon mit etwas über einem Jahr sehr viele Wörter, da waren die beiden noch bei “Ta-ta” und “Mama-Papa-Nana”.

Ein Wort für Papa, ein Wort für Mama…

Im Moment lernen sie wirklich jedes Wort in Bezug zu einer Person: Schuhe heißen zum Beispiel auf spanisch “pato!”(zapato), weil es meistens der Papa ist, der mit ihnen morgens die Schuhe anzieht. Von mir haben sie den “Baum” vom Spazierengehen, den “Tiiiiger” aus unserem Einschlafbuch und natürlich die “Milch”. Sie haben “genug”, wenn sie satt sind und sagen sehr energisch “No!” und nur selten “Nei”, wenn sie etwas nicht möchten. Einige Wörter wiederum klingen sehr ähnlich, zum Beispiel “aua” und “agua”: Meine Schwiegermutter denkt jedesmal, wenn das Essen noch heiß ist (“aua!”), sie möchten ein Glas Wasser trinken (“agua”). So ein Kuddelmuddel!

Ein paar Wörter sagen sie sogar schon auf mehreren Sprachen: “¡Hola!” und “Hallo!”, “Adéu” und “Tschüss”. Außerdem gibt es die deutsche “Oma” und die spanische “Yaya”, das ist natürlich praktisch. Katzen und Hunde heißen in beiden Sprachen “Miau” und “Wau wau”.

Verstehen tun sie alle drei Sprachen. Sie wissen, dass die Hand auch “ma” oder “mano” heisst, der Kopf auch “cap” oder “cabeza” und zeigen ihre Füße her, auch wenn sie “pies” oder “peus” genannt werden. Nur für mich beginnt die Herausforderung Dreisprachigkeit jetzt erst recht – hoffentlich klappt das mit dem deutsch lernen auch! Da mache ich mir manchmal Gedanken, ob sie nicht doch auf die deutsche Schule sollten. Dagegen spricht, dass sie dann wiederum so wenig Kontakt mit den Kindern hier vor Ort hätten und wir sie immer mit dem Auto nach Barcelona bringen müssten. Bisher bin ich aber zuversichtlich, das es auch so geht. Es gibt genügend andere deutsche Mütter hier vor Ort und bei den Besuchen in Deutschland oder umgekehrt hören sie ja doch wieder viel deutsch.

Meine Sprache, meine Kultur

Gerade weil ich im Ausland lebe, ist es mir wichtig, den beiden meine Sprache und Kultur näher zu bringen – das wird sicher in den kommenden Jahren noch ein Thema. Ostereiersuche, Sankt Martin, Adventskalender und Weihnachtsmarkt gehören nun mal nicht zum spanischen Kulturgut. Hier gibt es natürlich auch viele für Kinder schöne Feste – aber etwas wehmütig werde ich schon, wenn ich daran denke, dass sie wohl nie im Kindergarten Laternen basteln. Und der Kölner Karneval wird sicher auch keinen großen Stellenwert in ihrem Leben haben. Wirklich schlimm ist das natürlich nicht, aber ich merke: Als Mama möchte ich den Kindern gerne meine eigenen schönen Kinderheitserlebnisse mitgeben – oder besser: Ich selber verbinde mit “Kindheit” eben diese Feste und Feiern. Und nun habe ich da zwei kleine Spanierinnen, die wahrscheinlich eine hauptsächlich spanisch-katalanische Kindheit haben werden.

Sie lieben die katalanischen Lieder aus dem Kindergarten und wollen immer wieder zur “Castanyera” tanzen, also lerne ich die Texte auswendig und singe sie ihnen vor. Wenn der Mann und ich miteinander reden und wir die Kinder ins Gespräch einbeziehen, wechseln wir auch nicht immer die Sprache, meistens wiederhole ich aber ein Wort oder einen Satz auf deutsch.

Ansonsten haben wir viele deutsche Kinderbücher und dank YouTube wird es sicher irgendwann mal Sendung mit der Maus oder ähnliches auf deutsch geben. Bisher haben wir noch viele Bücher ohne oder mit nur sehr wenig Text, die sich vor allem über die Bilder vermitteln – da erzählt dann jeder in seiner Sprache etwas dazu. Besonders toll geht das mit “Gute Nacht, Gorilla”, oder Wimmelbüchern. Seit langem beliebt und immer mal wieder aus dem Regal geholt werden “Piep, piep, piep” und “This is not a book”. Außerdem singen wir uns kreuz und quer durch unsere deutschen Liederbücher (wirklich schön: Das Kinderlieder-Buch aus dem Liederprojekt – die Mädels lieben die Illustrationen!).

Jetzt stehen erstmal zwei Wochen Deutschlandbesuch auf dem Programm, mal sehen welche Worte die beiden dort aufschnappen 🙂

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