¡hola!kat

Mein Katalonien: Zwillinge, Mittelmeer und andere Abenteuer

Month: Oktober 2018

Fettnäpfe

Spain is different hieß es in den sechziger Jahren auf Werbeanzeigen für Spanien. „So ein Quatsch“, meinte meine Mutter, als ich gerade frisch nach Spanien gezogen war und ihr erzählte: „Mama, hier ist alles ganz anders, ich kenne mich garnicht mehr aus“. „Wir sind alle Europäer, und alle Menschen sind gleich.“ Natürlich hatte sie Recht. Spanien gehört zu Europa und alle Menschen leben, lieben, essen, trinken, fühlen und müssen aufs Klo. Aber sie hat auch unrecht, denn seit ich hier lebe, bin ich die Deutsche, bin ich Ausländerin in einem mir fremden Land. Im ersten Jahr hier fiel mir das besonders auf, mittlerweile nur noch bei akuten Fettnäpfchen.

Je mehr ich Land und Leute kennenlernte, desto fremder fühlte ich mich in den ersten Monaten. Nichts konnte ich mehr: Nicht mehr auf die richtige Weise grüßen, den richtigen Tonfall in einer Unterhaltung treffen, über einen Witz lachen. Mir waren die Höflichkeit, der Humor, die Subtilität und mein großer Wortschatz abhanden gekommen. Ich hatte (und habe) einen Akzent der mich immer als Deutsche entlarvt, manche halten ihn für französisch, angeblich würde ich das R so komisch rollen wie die Franzosen, nun ja.

Denken spiegelt sich in der Sprache wieder, sagt man, sagte irgendwer, und je mehr ich von der Sprache lernte, desto mehr sah ich, was für unterschiedliche Konzepte verschiedene Kulturen von ein und derselben Idee haben können. Immer noch verwechsle ich hören und zuhören, aus dem Deutschen kommend reicht mir ein Verb und ein Präfix und in meinem Kopf bleibt auf ewig escuchar für hören eingespeichert. „Ich höre dir nicht zu!“ rufe ich meinem Mann aus dem Wohnzimmer in die Küche zu und unser Besuch lacht, weil das so unhöflich ist, aber das wollte ich ja garnicht sagen.

„Es ist nicht unhöflich, den anderen im Gespräch zu unterbrechen.“ musste ich mir ab und zu vorsagen, um überhaupt zu Wort zu kommen. Die politischen Sendungen im Fernsehen sind ein einziger Gesprächsbrei, alle werden immer lauter, meine eingeschalteten Untertitel sagen Alle reden gleichzeitig und irgendwann, kurz bevor man nichts mehr versteht, greift die Moderatorin ein und bricht alles ab und dann darf jemand einen Satz sagen und sofort fangen alle wieder an sich zu verteidigen, zu schimpfen und versuchen den anderen zu übertönen.

„Fall nicht immer mit der Tür ins Haus“, ermahne ich mich, wenn ich etwas von jemanden möchte. Erst muss man fragen, „Wie geht es Dir?“, und dann muss das Gespräch ein bißchen vor sich hin plänkeln und dann rückt man irgendwann mit seiner Frage raus. Was ich damals wollte, weiß ich nicht mehr. Mittlerweile habe ich zumindest eine Bekannte hier, die in dieser Hinsicht so garnicht spanisch ist, da kann man ohne Umstände gleich sagen, was Sache ist.

Oder wenn man jemanden auf der Straße trifft, stehenbleiben, nicht einfach winken. „Wie geht´s dir?“ muss man sagen und dann gibt es wieder ein kleines Gespräch. Wir leben in einer kleinen Stadt und man muss gut überlegen, ob man ins Zentrum geht, weil man da so viele Leute trifft. Wenn man in Eile ist, ist ein kleiner Umweg manchmal schneller. Wenn Du hingegen Zeit hast, gehst du mitten durch die Stadt und flanierst vor dich hin und an jeder Straßenecke bleibst Du stehen und erzählst von Dir und hörst, was die anderen so machen.

„Nicht so direkt“, erinnere ich mich, wenn mein Gegenüber vor mir zurückschreckt. „Sag der Verkäuferin doch nicht einfach so ins Gesicht, dass Dir die Schuhe nicht gefallen.“ Alle Sachen, die sie mir heranträgt, wollen gelobt werden: „Das ist sehr schön, aber leider steht mir so etwas nicht. Haben Sie vielleicht noch etwas in einem anderen Stil da?“ Manchmal wünschte ich, einfach in einen Schuhladen zu spazieren und mir die Schuhe an- und auszuziehen, wie ich mag und maximal nach der Größe zu fragen. Aber hier muss man auf die Verkäuferin warten, damit sie einem die Schuhe bringt, auf die man in der Auslage zeigt. Und nicht nur im Schuhladen, man wird fast überall ganz altmodisch bedient und manchmal kauft man was, nur weil sich die Verkäuferin solche Mühe gegeben hat. Bei der Wohnungssuche war ich empört, weil die Makler uns anlogen statt zu sagen, „die Wohnung hat jemand anderes bekommen“. Nein, es hieß, der „aktuelle Mieter hat es sich anders überlegt und bleibt doch drin.“ Hat er wohl alle Umzugskisten wieder ausgepackt? fragte ich mich damals.

Und auch nach Jahren noch stehen so viele Fettnäpfchen für mich bereit. Absolut garnicht kann ich mich an die hiesige Art und Weise, in der Schlange zu stehen, gewöhnen. Da bin ich deutsch geprägt, ganz automatisch stelle ich mich überall hinten irgendwo an oder da wo ich glaube, dass hinten ist. Manchmal ist es mir auch zu peinlich in einen Raum voller Leute zu kommen und zu fragen „El último?“. Als könnte ich es irgendwie nicht glauben, dass das wirklich so funktioniert. Gestern stand ich so da, in der Bank und wusste nicht, ist das eine Schlange? Und die da sitzen, haben die einen Termin? Also stellte ich mich „hinten“ an, bis mich eine der Mitarbeiterinnen fragte, was ich bräuchte und ich sagte es ihr. Und dann nahm sie mich mit zu ihrem Schreibtisch und sofort fing eine Frau an zu zetern, dass ich mich vorgedrängelt habe, schon zweimal, dabei wollte ich doch nur wissen, an wen ich mich wenden muss. Und das war mir wirklich noch peinlicher als zu fragen, wer vor mir gekommen ist, das nächste Mal frage ich also laut und deutlich.

Mein Mutter war im Sommer zu Besuch, wir waren im Dorf, im „pueblo“ (das ist nochmal so eine spanische Eigenart und eine andere Geschichte). Jedenfalls waren wir an einem Ort, an den sich niemals ein Tourist verirren würde. Jeder, der dort hinkommt, ist mit irgendjemanden verwandt oder bekannt, sonst hat er keinen Grund, sich dorthin zu verirren. Jedenfalls waren wir da, und alle sprachen sehr laut und bis spät in die Nacht, alle tätschelten die Babies oder nahmen sie gleich auf den Arm, man musste jeden immer grüßen und stehenbleiben und erklären wer man war: „Ich bin die Schwiegertochter von So-und-so, dem Sohn von X, die in der Y-Straße wohnen, ja genau, der Uropa war der Dorfbüttel“. Es war wirklich schwer, ein ruhiges Plätzchen zu finden. Und als wir dann irgendwann endlich mal in der Mittagshitze alleine am Pool saßen, während alle anderen Siesta machten, da sagte meine Mutter: „Du hast Recht, Kathi, in Spanien ist wirklich alles ganz anders.“

Wo die reichen Leute wohnen

Vor einiger Zeit hatten wir uns entschlossen, in die leerstehende Wohnung meiner Schwiegeroma zu ziehen. Eine Mischung aus Geldersparnis und Familiennähe hat uns schließlich dazu bewogen, unser Viertel zu verlassen und den Umzug mit Kind und Kegel in eine neue Umgebung zu wagen. Wenn wir vorher hier zu Besuch waren und die Leute fragten, „Wo wohnt ihr?“, hieß es auf unsere Antwort immer: „Ach, bei den Reichen.“ Bei den Reichen, das war im Zentrum, in Strandnähe, wo zwischen den 60er-Jahre Häuserblöcken immer noch ganze Straßenzüge aus den kleinen kastigen Einfamilienhäuschen gebaut sind, die für Spanien (oder Katalonien?) so typisch sind.

In so einem kleinen alten Häuschen wohnten wir. Genauer gesagt, in der oberen Hälfte, das Haus war nämlich irgendwann mal geteilt worden. Unten wohnte eine kleine Familie, links von uns lebte eine ältere Dame, rechts ein nettes Ehepaar mit ihrem Teenager-Sohn. Letzteren sahen wir in vier Jahren genau einmal. Dafür stand die alte Dame schnell auf ihrem Balkon, sobald sie uns auf ebensolchem hörte und war bereit für ein Schwätzchen.

Zu der Straße gehören noch zwei Brüder über achtzig, die gerne gegen fünf Uhr morgens in ihren Landrover steigen, um Wildschweine jagen zu gehen und wegen denen man immer etwas in Sorge war, dass sie sich oder jemand anders aus Versehen erschießen könnten. Wie gesagt, die beiden sind über achtzig. Des Weiteren gibt es noch den sehr alten Herrn L, der im Sommer den ganzen Tag auf einem Klappstuhl auf dem Bürgersteig sitzt und Sardanas aus einem kleinen tragbaren Radio hört. Mit einem kratzigen „Adéu“ grüßt er tagein, tagaus die Vorbeigehenden.

So idyllisch, so klein und teuer die Wohnung. Auf zweieinhalb Zimmern und ebensovielen Treppen wurde es uns mit den Mädels einfach zu eng. Also packte ich schweren Herzens des Nachts eine Menge Umzugskartons. Tagsüber machten wir uns daran, Abuelitas Wohnung etwas in Schuss zu bringen. Daraus wurde ein zweiwöchiger Gewaltakt: Die Familie des Mannes hat nämlich einen Hang zum Hamstern. Alles, was man „irgendwann sicher noch mal gebrauchen kann“, wird also verstaut, aufbewahrt und in unserem Fall erneut begutachtet. Je nach Befund durften die vielen vielen Kinkerlitzchen und die leicht ramponierten Oma-Möbel also entsorgt werden – oder sie wurden irgendwo anders wieder verstaut und warten seitdem vertrauensvoll auf ein zweites Leben. Aber irgendwann war die Wohnung tatsächlich leer (bis auf die paar Sachen, die wir behalten haben) und wir konnten endlich streichen und uns an den eigentlichen Umzug machen.

Seitdem könnte man meinen, wir wären in eine andere Stadt gezogen. Wir sind nicht mehr fünf Minuten vom Strand entfernt, sondern eine stramm spazierte halbe Stunde. Unsere Wohnung liegt nicht mehr in einem alten Häuschen, bei dem es bei starkem Regen durchs Dach tropft und eine Ameisenkolonie uns einmal im Jahr besucht. Die neue Wohnung ist in einem dieser (ähem, etwas häßlichen) 60er-Jahre-Wohnblocks. In der Nachbarschaft um uns herum leben vor allem Andalusier, Chinesen, Araber, Afrikaner und Gitanos. Wenn ich Samstags aus dem Fenster schaue, gibt es vielleicht eine Hochzeit im andalusischen Stil mit Sevillanas tanzenden Brautleuten, afrikanische Familien flanieren in wunderschöne traditionelle Stoffe gekleidet zum Park und von irgendwoher höre ich eine Gitana zur elektrischen Orgel Flamenco singen.

Rund um den Platz dekorieren sich jeden Nachmittag die älteren Herrschaften auf den Bänken und schauen und reden. Die Straße weiter runter streiten sich zwei Männer, und angeblich wurde sogar ein Messer gezückt, sagen die Kellner von der Bar an der Ecke. Bei religiösen Anlässen werden große Marienstatuen in unterschiedlich gut besuchten Prozessionen durch die Straßen getragen. Es gibt einen andalusischen Heimatverein, Halal-Fleischereien und einen chinesischen Supermarkt. Der nächste selbstbackende Bäcker ist zwanzig Gehminuten entfernt und im Mercadona gibt es kein einziges Bio-Produkt. Ein Glück wurde vor einer Woche Feta-Käse neu ins Sortiment aufgenommen, den hatte ich vorige Woche noch vergeblich gesucht.

Hier herrscht ein ständiges Stimmengewirr aus allen möglichen Sprachen und bis abends um zehn hört man die Kinder auf dem Spielplatz toben. Vom Balkon aus sehe ich riesige Brandschutzwände aus Asbest und niemand weiß, ob die jemals abgetragen werden, weil die Kosten in Spanien allein beim Eigentümer liegen. Also hoffe ich, dass die in den nächsten Jahren nicht irgendwie korrodieren und unterdrücke meine Sorge um eventuelle Partikelchen in der Luft.

Wie stark beeinflusst ein Wohnort das Leben? Viele Leute aus dem Barrio gehen nur selten ins Stadtzentrum, im Viertel hat es alles, was sie brauchen. Aber hier gibt es keine Bio-Windeln, kein Müsli oder Frühstücksflocken ohne Zucker und die meisten Säfte im Sortiment würden in Deutschland unter „Nektar“ laufen. Ein bißchen ist es, wie als wir damals nach Neukölln zogen, kurz vor der Gentrifizierung und ihren Burger-Bratereien, Bio-Produkten im Supermarkt, Galerien und Second-Hand-Läden. Es gibt viel frisches Gemüse, das meiste sicher aus Spanien, wenn auch aus dem Süden. Wenn man darauf achtet, kann man sicher auch hier sehr gut regional einkaufen. Die Kollegen meines Mannes sagen, ich wäre eine „pija“, also irgendwas zwischen Schnöselig und versnobt, wenn ich davon erzähle. Dabei ist ja garnicht mein Punkt, dass ich mich beschwere, was es hier nicht gibt, sondern dass den Menschen der Zugang zu bestimmten Produkten erschwert wird. Bio muss man sich natürlich auch leisten können. Trotzdem ist es schon etwas umständlich für ein paar Windeln einen Abstecher ins Zentrum zu machen. Als ich gestern mit den meinen zwei Paketen Windeln auf dem Arm nach Hause spazierte, hielt mich eine Schwangere an und fragte, wo ich die her hätte. „Vom Bio-Supermarkt im Zentrum“ seufzte ich. „Ach so…na immerhin gut zu wissen, sonst bringt mir meine Mutter immer welche aus der Nachbarstadt mit“, sagte sie. Und genau darum frage ich mich, wie sehr der Wohnort eine bestimmte Lebensweise unterstützt oder eben erschwert oder sogar die Gesundheit beeinträchtigt.

Wenn ich jetzt ins Zentrum spaziere, fällt mir vor allem auf, wie wenig Menschen auf den Straßen sind. Alles ist sauber und ordentlich. Abends werden die Bürgersteige hochgeklappt, außer auf den Terrassen der Bars sieht man kaum jemanden. Es ist ruhig, ein bißchen langweilig und beschaulich. Auf den Straßen hört man hauptsächlich katalanisch und zu den Festivitäten gibt es mehr Gegantadas zu sehen als Marienstatuen.

Wer weiß, wohin es uns in den nächsten Jahren verschlägt? Jetzt versuchen wir erstmal hier anzukommen, in dieser neuen alten Umgebung.

Die Babies übernachten auswärts. Ein Drama in drei Akten.

Erster Akt: Der gute Plan.

„So“, sagte der Mann, „wollen wir die Babies nicht bald mal eine Nacht bei den Großeltern lassen?“ Wir waren zu einer Hochzeit eingeladen und dachten, jetzt oder nie! – irgendwann ist immer das erste Mal. Schwiegermutter lag uns schon seit Bekanntgabe der Schwangerschaft (sic!) in den Ohren, dass sie die Kleinen auch mal eine Nacht nehmen könnte. Bei ihrer Schwester schlief die Enkeltochter schon, seit diese vier Monate alt war und allerorts sahen wir auf einmal zufriedene Eltern, die sich ab und zu mal eine Nacht alleine gönnten. Also dachten wir: Hey, die zwei sind jetzt über ein Jahr alt, sie stillen nicht mehr alle zwei Stunden und im Kindergarten schlafen sie mittags ja auch ohne Mama ein – lass uns auf der Hochzeit einen drauf machen, ins Hotel gehen und am nächsten morgen minimal verkatert die Babies abholen!

Natürlich mussten wir das vorher mal proben. So oft sehen die beiden ihre Yayos ja auch wieder nicht und falls was sein sollte, wären wir in der Nähe und innerhalb von einer halben Stunde da.

Gesagt, getan. Nach mehreren Monaten (Großeltern und Rentner, die haben ja nie Zeit, wa) hatten wir endlich einen Termin gefunden. Vor lauter Aufregung kabbelten der Mann und ich uns schon Tage vorher, wegen meiner Aussage, dass es mir nicht so leicht fiele, die beiden einfach so abzugeben. Spielte da ein kleiner Anflug von Eifersucht auf meine ungeteilte Aufmerksamkeit mit? Ich denke schon. Schließlich habe ich im Babytaumel den Mann zuweilen grob vernachlässigt, solange er mich beim Stillen nicht mit „Oh Gott, ich brauch Wasser, sofort!“ und „Haben wir noch Schokolade?“ versorgte. Er freute sich auf einen Abend als Paar, während ich mir Sorgen um die Babies machte?! Bei den Großeltern wären sie doch super aufgehoben. Ich hob meine Mama-Instinkt-Augenbraue und sagte nix. „Wenn was ist, können wir sie ja immer noch abholen“ sprach der Mann. Na gut. An besagtem Abend spazierten wir mit den Babies zu den Großeltern. Zufrieden zerspielten sie unter den begeisterten Blicken der Yayos die Wohnung und wir machten uns kurz vorm Abendessen auf den Weg zurück in die Stadt.

Zweiter Akt: Wir schlafen.

Auf dem Weg überlegten wir euphorisch, was wir alles machen könnten. Alle Ideen, die mit lange aufbleiben zu tun hatten, verwarfen wir sofort. Unsere Favoriten waren: Lecker essen gehen oder zu Hause aufs Sofa lümmeln und ein bißchen Eurovision gucken. Wir gingen essen, um die neugewonnene Freiheit auch wirklich gut auszunutzen. Ab und zu warf ich einen Blick aufs Handy. „Meine Eltern werden nicht anrufen, auch wenn sie kein Auge zumachen“, sprach der Mann.

Als wir nach Hause kamen, gab es noch die Punktevergabe von Eurovision im Fernsehen. Wir hielten tapfer durch, bis der Sieger bekannt war. Die Handys blieben still. Schien ja alles gut zu sein, ein Glück! Dann fielen wir todmüde ins Bett. Schön, mal wieder ganz entspannt neben dem Mann zu schlafen. Keine kleinen Tretfüßchen und keine Stillunterbrechungen. Trotzdem wachte ich mehrmals in der Nacht auf.

Am  nächsten Morgen schmerzen meine Brüste wie beim Milcheinschuss und wir haben vier Anrufe in Abwesenheit von den Schwiegereltern. Uhrzeit 2:26, 2:27, 2:32 und 2:38. Dazu eine WhatsApp gegen sechs Uhr morgens: „Allesgut“. Das hört sich genau nach dem Gegenteil an, denke ich und habe sofort ein schlechtes Gewissen. Mist. Wieso habe ich das nicht gehört? frage ich mich und dann fällt es mir ein: Im Restaurant hatte ich das Handy auf lautlos gestellt. Oh nein oh nein oh nein. Wir haben tief und fest geschlafen, und bei Schwiegerelters war Babydrama! Ein Foto von unseren zufrieden essenden Töchtern wird geschickt und beruhigt mich etwas. Puuuuh, das sieht ja ganz gut aus…trotzdem: Kaffee und los, die Babies holen. Mein Körper drängelt auch: Über Nacht hat sich mein Brustumfang verdoppelt und meine Brüste fühlen sich an wie beim Milcheinschuss.

Dritter Akt: Das Wiedersehen.

Unsere Babies sind also nicht diese Wunderkinder, die das erste Mal woanders übernachten und dann plötzlich durchschlafen. Nein, sie sind, wie ganz normale Stillbabies, irgendwann in der Nacht aufgewacht (abwechselnd, gleichzeitig, je nach Uhrzeit) und haben lautstark nach Mamas Brust verlangt. Als sie diese nicht gleich fanden, sind sie nur unter Tränen und Großmütterlichen herumgetrage wieder eingeschlafen, während Großvater das jeweils schlafende Kind bewachte. Auf die Aussagen der Großeltern, wer wann wieviel geschlafen hat, können wir uns nicht verlassen, da meine Schwiegereltern zum Typ: „Die ganze Wahrheit könnt ihr nicht vertragen“ gehören. Angeblich haben die Babies mindestens sechs Stunden geschlafen. Die Großeltern, man sieht es ihren Gesichtern an, gar nicht, auch wenn sie es nie zugeben würden. Wir wissen nur: Wenn es nicht wirklich dramatisch schwierig gewesen wäre, zwei schreiende Babies zu beruhigen, hätten sie niemals versucht nachts um halb drei anzurufen.

Nachdem ich zur Tür reinkam, stürzten sich meine beiden Mädchen erstmal auf mich und tranken, tranken, tranken. Dabei versprach ich ihnen hoch und heilig, sie erst wieder woanders übernachten zu lassen, wenn sie es wollen. Der Mann war etwas geknickt ob des Ausgangs dieses Experiments. Er hatte ja noch ein kleinen Funken Hoffnung gehabt, dass sie vielleicht einfach durchschlafen. Die Schwiegermutter hat sämtliche Übernachtungspläne aufgegeben und findet Stillen jetzt „ganz schrecklich“, mit Fläschchen wäre das ja nicht passiert. Mit dieser Aktion ist mir also gleich noch mein Vorzeige-Status als Stillmama abhanden gekommen. Immerhin weiß ich jetzt, dass ich mich weiterhin am besten auf meinen Instinkt verlasse, und wenn der mir sagt, die Babies sind noch nicht so weit für dieses oder jenes, dann lassen wir es einfach. Und wenn anderer Leute Wunderbabies problemlos irgendwo durchschlafen, dann bleibt mir nur eins übrig: Den Eltern von Herzen ein paar schöne Abende zu zweit zu wünschen.

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