¡hola!kat

Mein Katalonien: Zwillinge, Mittelmeer und andere Abenteuer

Tag: Land und Leute

Steinige Landschaft mit Olivenbaum

Vamos al pueblo

„Wo fährst Du diesen Sommer hin?“, fragt man sich, wenn die Hitze zu schwer wird und die großen Ferien beginnen. „Vamos al pueblo“, antworten wir und schon wissen alle Bescheid.

El pueblo, das bedeutet vielen Menschen eine zweite Heimat. Hier kommen sie „eigentlich“ her, hier haben ihre Familien mehrere Generationen lang gelebt, bevor ihre Eltern und Großeltern in den 60er Jahren in die Städte zogen.

Die Enkel tragen das Dorf weiterhin im Herzen, in Erinnerung an endlos lange Sommerferien mit den Großeltern, in denen sie mit ihren Freunden den ganzen Tag durchs Dorf stromerten und in alten Ziegenställen Hütten bauten.

„Unser“ Dorf liegt am Ende einer Straße, inmitten einer steinigen Mondlandschaft. Nachts sieht man unzählige Sterne leuchten und der Wind trägt die Stimmen der Nachbarn zu uns ans Fenster. Im Morgengrauen und der Abenddämmerung kann man mit etwas Glück eine Herde wilder Ziegen auf den schotterigen Straßen entdecken, die in die Landschaft hineinführen. Geht man eine Weile darauf spazieren, sieht man irgendwann die Geier über sich am Himmel kreisen, manch einer sitzt auch, ganz Klischee, auf einem abgestorbenen Ast hoch oben am Hang und blickt auf Dich herab. Abseits der Wege knistern die trockenen Sträucher unter Deinen Füßen, ein staubiger Duft nach wildem Thymian und Lavendel steigt Dir in die Nase.

Je weiter Du dich in diese Landschaft hinein begibst, desto mehr verändert sich Dein Blick auf sie. Eine Distel leuchtet in grellem Violett, die lehmige Erde steckt voller kleiner Fossilien, Muscheln und Meeresschnecken aus Stein. Aus der wüsten Landschaft wird ein Meeresgrund, die Eintönigkeit wird zu einer Vielfalt an Farben, Gerüchen und Bildern.

Im Sommer wird das Dorf bevölkert von Enkeln, Großeltern, Tanten und Cousinen. Man könnte meinen, alle sind miteinander verwandt. Tatsächlich gibt es etwa vier große weitverzweigte Familien hier und mehrere „kleine“. Auf dem Friedhof wiederholen sich viele Namen auf den Grabsteinen. Ständig muss man Onkel und Tante so-und-so grüßen und die Anzahl an Cousins meines Mannes schien mir anfangs schier unüberschaubar. Nach und nach fand ich heraus, wer „primo hermano“ war (also ein direkter Cousin) oder „primo segundo“ (zum Beispiel der Enkel eines Cousins des Großvaters mütterlicherseits).

Zu Maria Himmelfahrt am 15. August wird es dann richtig voll: El pueblo en fiestas! Eine Woche lang herrscht Ausnahmezustand. Ein Auto nach dem anderen kommt auf den Platz gefahren, die Ankommenden werden begrüsst, später trifft man sich auf ein Bier oder einen Kaffee, erstmal auspacken. Abends verwandelt sich der Dorfplatz in das Festgelände, Bands mit mehr oder weniger spektakulären Kostümen und Bühnenshows covern (mal gut, mal schlecht) Bon Jovi und alle grölen mit: „It´s my Life!“ Irgendwann bleiben nur noch die „Jungen“ übrig. Um sechs Uhr morgens ist die Nacht offiziell vorbei und es wird zur „recena“ gerufen – es gibt belegte Brote für die hungrigen Feiernden. Dann, endlich, kann man ans Schlafen denken. Nach einer ereignisreichen Woche voller spanisch-aragonesischer Folklore und exzessiver Feierei endet das Fest. Erschöpft und verkatert finden sich alle auf dem Dorfplatz zum großen Abschlussessen zusammen, die ersten brechen auf, zurück in die Stadt.

Im Dorf gibt es keinen Laden: der Gemüsehändler, der Bäcker, der Haushaltswarenhändler und der Mann mit den Konserven und Tiefkühlprodukten kommen ein- bis mehrmals die Woche vorbei, wann und wie wissen die Omis und Opis, die hier den ganzen Sommer verbringen. Pünktlich finden sie sich morgens auf dem Platz ein, um ihr Brot zu kaufen. Wer erst kommt wenn er die Hupe des Händlers hört, kann auch mal eine Stunde warten. Also wird ein Stuhl aus der Bar geholt, man hat Zeit. Es wird geplauscht und gelästert. Geheimnisse halten sich nicht lange.

Im Winter liegt das Dorf fast verlassen da. Ein paar Wochenend-Besucher sind da, es riecht nach verbranntem Holz aus den Kaminfeuern. Richtig warm wird es in den alten Häusern nicht. In den Hängen werden Oliven geerntet. Die Bar hat geschlossen, nur an den Feiertagen wird geöffnet. Die Städter kommen und in der alten Dorfschule gibt es wieder Parties mit wilden Besäufnissen und lauter spanischer Schlagermusik.

Im Januar kommt die Stille wieder ins Dorf zurück. Die steilen Straßen gehören wieder den streunenden Katzen und die Steinchen unter deinen Füßen knirschen laut bei jedem Schritt. Das Dorf hält Winterschlaf.

Fettnäpfe

Spain is different hieß es in den sechziger Jahren auf Werbeanzeigen für Spanien. „So ein Quatsch“, meinte meine Mutter, als ich gerade frisch nach Spanien gezogen war und ihr erzählte: „Mama, hier ist alles ganz anders, ich kenne mich garnicht mehr aus“. „Wir sind alle Europäer, und alle Menschen sind gleich.“ Natürlich hatte sie Recht. Spanien gehört zu Europa und alle Menschen leben, lieben, essen, trinken, fühlen und müssen aufs Klo. Aber sie hat auch unrecht, denn seit ich hier lebe, bin ich die Deutsche, bin ich Ausländerin in einem mir fremden Land. Im ersten Jahr hier fiel mir das besonders auf, mittlerweile nur noch bei akuten Fettnäpfchen.

Je mehr ich Land und Leute kennenlernte, desto fremder fühlte ich mich in den ersten Monaten. Nichts konnte ich mehr: Nicht mehr auf die richtige Weise grüßen, den richtigen Tonfall in einer Unterhaltung treffen, über einen Witz lachen. Mir waren die Höflichkeit, der Humor, die Subtilität und mein großer Wortschatz abhanden gekommen. Ich hatte (und habe) einen Akzent der mich immer als Deutsche entlarvt, manche halten ihn für französisch, angeblich würde ich das R so komisch rollen wie die Franzosen, nun ja.

Denken spiegelt sich in der Sprache wieder, sagt man, sagte irgendwer, und je mehr ich von der Sprache lernte, desto mehr sah ich, was für unterschiedliche Konzepte verschiedene Kulturen von ein und derselben Idee haben können. Immer noch verwechsle ich hören und zuhören, aus dem Deutschen kommend reicht mir ein Verb und ein Präfix und in meinem Kopf bleibt auf ewig escuchar für hören eingespeichert. „Ich höre dir nicht zu!“ rufe ich meinem Mann aus dem Wohnzimmer in die Küche zu und unser Besuch lacht, weil das so unhöflich ist, aber das wollte ich ja garnicht sagen.

„Es ist nicht unhöflich, den anderen im Gespräch zu unterbrechen.“ musste ich mir ab und zu vorsagen, um überhaupt zu Wort zu kommen. Die politischen Sendungen im Fernsehen sind ein einziger Gesprächsbrei, alle werden immer lauter, meine eingeschalteten Untertitel sagen Alle reden gleichzeitig und irgendwann, kurz bevor man nichts mehr versteht, greift die Moderatorin ein und bricht alles ab und dann darf jemand einen Satz sagen und sofort fangen alle wieder an sich zu verteidigen, zu schimpfen und versuchen den anderen zu übertönen.

„Fall nicht immer mit der Tür ins Haus“, ermahne ich mich, wenn ich etwas von jemanden möchte. Erst muss man fragen, „Wie geht es Dir?“, und dann muss das Gespräch ein bißchen vor sich hin plänkeln und dann rückt man irgendwann mit seiner Frage raus. Was ich damals wollte, weiß ich nicht mehr. Mittlerweile habe ich zumindest eine Bekannte hier, die in dieser Hinsicht so garnicht spanisch ist, da kann man ohne Umstände gleich sagen, was Sache ist.

Oder wenn man jemanden auf der Straße trifft, stehenbleiben, nicht einfach winken. „Wie geht´s dir?“ muss man sagen und dann gibt es wieder ein kleines Gespräch. Wir leben in einer kleinen Stadt und man muss gut überlegen, ob man ins Zentrum geht, weil man da so viele Leute trifft. Wenn man in Eile ist, ist ein kleiner Umweg manchmal schneller. Wenn Du hingegen Zeit hast, gehst du mitten durch die Stadt und flanierst vor dich hin und an jeder Straßenecke bleibst Du stehen und erzählst von Dir und hörst, was die anderen so machen.

„Nicht so direkt“, erinnere ich mich, wenn mein Gegenüber vor mir zurückschreckt. „Sag der Verkäuferin doch nicht einfach so ins Gesicht, dass Dir die Schuhe nicht gefallen.“ Alle Sachen, die sie mir heranträgt, wollen gelobt werden: „Das ist sehr schön, aber leider steht mir so etwas nicht. Haben Sie vielleicht noch etwas in einem anderen Stil da?“ Manchmal wünschte ich, einfach in einen Schuhladen zu spazieren und mir die Schuhe an- und auszuziehen, wie ich mag und maximal nach der Größe zu fragen. Aber hier muss man auf die Verkäuferin warten, damit sie einem die Schuhe bringt, auf die man in der Auslage zeigt. Und nicht nur im Schuhladen, man wird fast überall ganz altmodisch bedient und manchmal kauft man was, nur weil sich die Verkäuferin solche Mühe gegeben hat. Bei der Wohnungssuche war ich empört, weil die Makler uns anlogen statt zu sagen, „die Wohnung hat jemand anderes bekommen“. Nein, es hieß, der „aktuelle Mieter hat es sich anders überlegt und bleibt doch drin.“ Hat er wohl alle Umzugskisten wieder ausgepackt? fragte ich mich damals.

Und auch nach Jahren noch stehen so viele Fettnäpfchen für mich bereit. Absolut garnicht kann ich mich an die hiesige Art und Weise, in der Schlange zu stehen, gewöhnen. Da bin ich deutsch geprägt, ganz automatisch stelle ich mich überall hinten irgendwo an oder da wo ich glaube, dass hinten ist. Manchmal ist es mir auch zu peinlich in einen Raum voller Leute zu kommen und zu fragen „El último?“. Als könnte ich es irgendwie nicht glauben, dass das wirklich so funktioniert. Gestern stand ich so da, in der Bank und wusste nicht, ist das eine Schlange? Und die da sitzen, haben die einen Termin? Also stellte ich mich „hinten“ an, bis mich eine der Mitarbeiterinnen fragte, was ich bräuchte und ich sagte es ihr. Und dann nahm sie mich mit zu ihrem Schreibtisch und sofort fing eine Frau an zu zetern, dass ich mich vorgedrängelt habe, schon zweimal, dabei wollte ich doch nur wissen, an wen ich mich wenden muss. Und das war mir wirklich noch peinlicher als zu fragen, wer vor mir gekommen ist, das nächste Mal frage ich also laut und deutlich.

Mein Mutter war im Sommer zu Besuch, wir waren im Dorf, im „pueblo“ (das ist nochmal so eine spanische Eigenart und eine andere Geschichte). Jedenfalls waren wir an einem Ort, an den sich niemals ein Tourist verirren würde. Jeder, der dort hinkommt, ist mit irgendjemanden verwandt oder bekannt, sonst hat er keinen Grund, sich dorthin zu verirren. Jedenfalls waren wir da, und alle sprachen sehr laut und bis spät in die Nacht, alle tätschelten die Babies oder nahmen sie gleich auf den Arm, man musste jeden immer grüßen und stehenbleiben und erklären wer man war: „Ich bin die Schwiegertochter von So-und-so, dem Sohn von X, die in der Y-Straße wohnen, ja genau, der Uropa war der Dorfbüttel“. Es war wirklich schwer, ein ruhiges Plätzchen zu finden. Und als wir dann irgendwann endlich mal in der Mittagshitze alleine am Pool saßen, während alle anderen Siesta machten, da sagte meine Mutter: „Du hast Recht, Kathi, in Spanien ist wirklich alles ganz anders.“

Wo die reichen Leute wohnen

Vor einiger Zeit hatten wir uns entschlossen, in die leerstehende Wohnung meiner Schwiegeroma zu ziehen. Eine Mischung aus Geldersparnis und Familiennähe hat uns schließlich dazu bewogen, unser Viertel zu verlassen und den Umzug mit Kind und Kegel in eine neue Umgebung zu wagen. Wenn wir vorher hier zu Besuch waren und die Leute fragten, „Wo wohnt ihr?“, hieß es auf unsere Antwort immer: „Ach, bei den Reichen.“ Bei den Reichen, das war im Zentrum, in Strandnähe, wo zwischen den 60er-Jahre Häuserblöcken immer noch ganze Straßenzüge aus den kleinen kastigen Einfamilienhäuschen gebaut sind, die für Spanien (oder Katalonien?) so typisch sind.

In so einem kleinen alten Häuschen wohnten wir. Genauer gesagt, in der oberen Hälfte, das Haus war nämlich irgendwann mal geteilt worden. Unten wohnte eine kleine Familie, links von uns lebte eine ältere Dame, rechts ein nettes Ehepaar mit ihrem Teenager-Sohn. Letzteren sahen wir in vier Jahren genau einmal. Dafür stand die alte Dame schnell auf ihrem Balkon, sobald sie uns auf ebensolchem hörte und war bereit für ein Schwätzchen.

Zu der Straße gehören noch zwei Brüder über achtzig, die gerne gegen fünf Uhr morgens in ihren Landrover steigen, um Wildschweine jagen zu gehen und wegen denen man immer etwas in Sorge war, dass sie sich oder jemand anders aus Versehen erschießen könnten. Wie gesagt, die beiden sind über achtzig. Des Weiteren gibt es noch den sehr alten Herrn L, der im Sommer den ganzen Tag auf einem Klappstuhl auf dem Bürgersteig sitzt und Sardanas aus einem kleinen tragbaren Radio hört. Mit einem kratzigen „Adéu“ grüßt er tagein, tagaus die Vorbeigehenden.

So idyllisch, so klein und teuer die Wohnung. Auf zweieinhalb Zimmern und ebensovielen Treppen wurde es uns mit den Mädels einfach zu eng. Also packte ich schweren Herzens des Nachts eine Menge Umzugskartons. Tagsüber machten wir uns daran, Abuelitas Wohnung etwas in Schuss zu bringen. Daraus wurde ein zweiwöchiger Gewaltakt: Die Familie des Mannes hat nämlich einen Hang zum Hamstern. Alles, was man „irgendwann sicher noch mal gebrauchen kann“, wird also verstaut, aufbewahrt und in unserem Fall erneut begutachtet. Je nach Befund durften die vielen vielen Kinkerlitzchen und die leicht ramponierten Oma-Möbel also entsorgt werden – oder sie wurden irgendwo anders wieder verstaut und warten seitdem vertrauensvoll auf ein zweites Leben. Aber irgendwann war die Wohnung tatsächlich leer (bis auf die paar Sachen, die wir behalten haben) und wir konnten endlich streichen und uns an den eigentlichen Umzug machen.

Seitdem könnte man meinen, wir wären in eine andere Stadt gezogen. Wir sind nicht mehr fünf Minuten vom Strand entfernt, sondern eine stramm spazierte halbe Stunde. Unsere Wohnung liegt nicht mehr in einem alten Häuschen, bei dem es bei starkem Regen durchs Dach tropft und eine Ameisenkolonie uns einmal im Jahr besucht. Die neue Wohnung ist in einem dieser (ähem, etwas häßlichen) 60er-Jahre-Wohnblocks. In der Nachbarschaft um uns herum leben vor allem Andalusier, Chinesen, Araber, Afrikaner und Gitanos. Wenn ich Samstags aus dem Fenster schaue, gibt es vielleicht eine Hochzeit im andalusischen Stil mit Sevillanas tanzenden Brautleuten, afrikanische Familien flanieren in wunderschöne traditionelle Stoffe gekleidet zum Park und von irgendwoher höre ich eine Gitana zur elektrischen Orgel Flamenco singen.

Rund um den Platz dekorieren sich jeden Nachmittag die älteren Herrschaften auf den Bänken und schauen und reden. Die Straße weiter runter streiten sich zwei Männer, und angeblich wurde sogar ein Messer gezückt, sagen die Kellner von der Bar an der Ecke. Bei religiösen Anlässen werden große Marienstatuen in unterschiedlich gut besuchten Prozessionen durch die Straßen getragen. Es gibt einen andalusischen Heimatverein, Halal-Fleischereien und einen chinesischen Supermarkt. Der nächste selbstbackende Bäcker ist zwanzig Gehminuten entfernt und im Mercadona gibt es kein einziges Bio-Produkt. Ein Glück wurde vor einer Woche Feta-Käse neu ins Sortiment aufgenommen, den hatte ich vorige Woche noch vergeblich gesucht.

Hier herrscht ein ständiges Stimmengewirr aus allen möglichen Sprachen und bis abends um zehn hört man die Kinder auf dem Spielplatz toben. Vom Balkon aus sehe ich riesige Brandschutzwände aus Asbest und niemand weiß, ob die jemals abgetragen werden, weil die Kosten in Spanien allein beim Eigentümer liegen. Also hoffe ich, dass die in den nächsten Jahren nicht irgendwie korrodieren und unterdrücke meine Sorge um eventuelle Partikelchen in der Luft.

Wie stark beeinflusst ein Wohnort das Leben? Viele Leute aus dem Barrio gehen nur selten ins Stadtzentrum, im Viertel hat es alles, was sie brauchen. Aber hier gibt es keine Bio-Windeln, kein Müsli oder Frühstücksflocken ohne Zucker und die meisten Säfte im Sortiment würden in Deutschland unter „Nektar“ laufen. Ein bißchen ist es, wie als wir damals nach Neukölln zogen, kurz vor der Gentrifizierung und ihren Burger-Bratereien, Bio-Produkten im Supermarkt, Galerien und Second-Hand-Läden. Es gibt viel frisches Gemüse, das meiste sicher aus Spanien, wenn auch aus dem Süden. Wenn man darauf achtet, kann man sicher auch hier sehr gut regional einkaufen. Die Kollegen meines Mannes sagen, ich wäre eine „pija“, also irgendwas zwischen Schnöselig und versnobt, wenn ich davon erzähle. Dabei ist ja garnicht mein Punkt, dass ich mich beschwere, was es hier nicht gibt, sondern dass den Menschen der Zugang zu bestimmten Produkten erschwert wird. Bio muss man sich natürlich auch leisten können. Trotzdem ist es schon etwas umständlich für ein paar Windeln einen Abstecher ins Zentrum zu machen. Als ich gestern mit den meinen zwei Paketen Windeln auf dem Arm nach Hause spazierte, hielt mich eine Schwangere an und fragte, wo ich die her hätte. „Vom Bio-Supermarkt im Zentrum“ seufzte ich. „Ach so…na immerhin gut zu wissen, sonst bringt mir meine Mutter immer welche aus der Nachbarstadt mit“, sagte sie. Und genau darum frage ich mich, wie sehr der Wohnort eine bestimmte Lebensweise unterstützt oder eben erschwert oder sogar die Gesundheit beeinträchtigt.

Wenn ich jetzt ins Zentrum spaziere, fällt mir vor allem auf, wie wenig Menschen auf den Straßen sind. Alles ist sauber und ordentlich. Abends werden die Bürgersteige hochgeklappt, außer auf den Terrassen der Bars sieht man kaum jemanden. Es ist ruhig, ein bißchen langweilig und beschaulich. Auf den Straßen hört man hauptsächlich katalanisch und zu den Festivitäten gibt es mehr Gegantadas zu sehen als Marienstatuen.

Wer weiß, wohin es uns in den nächsten Jahren verschlägt? Jetzt versuchen wir erstmal hier anzukommen, in dieser neuen alten Umgebung.

Mein Wochenbett in Spanien

Ungeachtet der schwierigen Geburt und meines Ruhebedürfnisses hatten wir in den ersten Wochen immer wieder Besucher bei uns. Auch wenn mein Schamgefühl schon im Krankenhaus weit unter meine eigentliche Schmerzgrenze gerutscht war, so richtig gelegen kam mir der Besuch fast nie. Irgendwie hatte ich mir das Wochenbett so gemütlich vorgestellt, man wird umsorgt und behütet, aber weitestgehend mit seinen Babies in Ruhe gelassen. Ich hatte ein heimeliges Bild im Kopf, wo alle um einen herumhuschen und man ansonsten ausgiebig mit seinen Babies kuschelt und vor allem viel schläft.

Als soziales Völkchen, dass die Spanier nunmal sind, scheinen diese eine vollkommen andere Idee davon zu haben. Zur engeren Verwandtschaft zählen hier jedenfalls nicht nur direkte Onkel und Tanten, sondern auch Cousins zweiten oder dritten Grades oder gute Freunde meiner Schwiegereltern. Alle fühlen sich verpflichtet, vorbeizukommen. Sogar die Eltern, die Schwester und der Cousin meines angeheirateten Schwagers kamen vorbei, um die Babies zu bestaunen.

Manchmal habe ich versucht, im Kopf den Verwandtschaftsgrad auf meine deutsche Familie zu übersetzen und festgestellt, dass ich niemanden davon kenne – geschweige denn, dass diejenigen sich verpflichtet fühlen würden, vorbeizukommen und dazu noch ein Geschenk dazulassen. Die Tochter des Cousins meines Vaters? Kenne ich nicht. Von meiner Schwester deren Freund dessen Eltern? Die kämen sicher nicht spontan vorbei.

Manchmal kam es mir absurd vor, hier ist es anscheinend vollkommen normal. Zumindest bei meiner andalusisch-aragonesisch-katalanischen Schwiegerfamilie. Man verfällt ja schnell dazu, zu verallgemeinern: Sind die alle hier so, oder ist das eine spezifische Eigenart meiner spanischen Anverwandten? Vom Hörensagen weiß ich, dass nicht alle Familien hier so …familiär? sind. Andererseits sehe ich bei unseren Freunden und Bekannten viel mehr Kontakt innerhalb der Familien, als es bei uns in Deutschland (oder ist das auch wieder nur in meiner Familie so?) üblich ist.

Jedenfalls kamen diese und jene Menschen bei uns vorbei und schenkten und schauten. Für mich war es anstrengend, aber ich will auch nicht undankbar sein. Schließlich ist es ja auch schön, dass so viel Anteil genommen wird und die Geschenke wurden vorher oft mit uns abgesprochen. Oder wir bekamen direkt Geld geschenkt. Alles, was wir bekommen haben, konnten wir gebrauchen und benutzen, das war schön.

Das sind wohl die zwei Seiten der Medaille – einerseits denke ich oft, in Deutschland geht uns einiges verloren damit, dass Familie häufig nur bedeutet: Vater-Mutter-Kind, dazu vielleicht noch Großeltern und Tanten. Andererseits war ich auf den Besucherandrang doch nicht gefasst. Dabei hatte ich schon in der Schwangerschaft eine Vorahnung und trichterte dem Mann ein: Wenn jemand vorbeikommen will und das in dem Moment nicht möchte, musst du hart sein und absagen.

An Tag eins nach Entlassung aus dem Krankenhaus besuchten uns (gleichzeitig):
zwei Omas,
ein Opa,
eine Tante,
ein Onkel,
eine Großtante,
eine Uroma,
und eine Urgroßtante der Babies.

Danach war ich so platt, dass der Mann die liebe Freundin, die kurz reinkommen wollte, wegschicken musste, weil ich sonst in Tränen ausgebrochen wäre. Dabei hätte ich gerade sie gerne gesehen. Nur halt nicht direkt nachdem acht Menschen bei uns waren, die alle gleichzeitig redeten und lachten und mir beim Stillen zuguckten.

Von Freunden in Deutschland habe ich gehört, dass der ein oder andere beleidigt war, weil er nicht eingelassen wurde oder die einfache Bitte um Ruhe auf Unverständnis stieß. Mir scheint es manchmal, als wäre die Mutter plötzlich nebensächlich, sobald sie ein Kind im Bauch hat, und erst recht wenn das oder die Kinder da sind. Dabei weiß niemand, wie die letzten Wochen der Schwangerschaft waren, wie die Geburt war (in meinem Fall waren allerdings alle bestens unterrichtet) und ich wünschte, es würde einfach akzeptiert, dass man gerade am Anfang vielleicht einfach ein bißchen unter sich sein möchte und sich als Familie beschnuppern will.

Nach ein paar Wochen war der Spuk vorbei. Es wurde Sommer und die erste Hitzewelle trieb uns abends aus dem Haus. Endlich konnte ich mich wieder halbwegs schmerzfrei bewegen. Unser Ausflugsradius blieb anfangs recht klein; einerseits waren wir noch blutige Anfänger als Zwillingseltern und trauten uns nicht weit weg, andererseits gab es da dieses nette kleine Café um die Ecke. Dort gab es das stadtbeste Eis, Pizzastücke und Horchata – alles was ich als stillende Zwillingsmama begehrte. Einen Großteil des Sommers verbrachten wir so, bis im August die Bürgersteige hochgeklappt wurden und alle Welt in Urlaub fuhr. Doch das ist eine andere Geschichte.

Kinder, Kinder!

Ohne allzusehr verallgemeinern zu wollen: Die Menschen hier sind sehr kinderfreundlich. Schon in der Schwangerschaft gab es allerorts Anteilnahme, jetzt sind die Babies da und wir kommen uns manchmal vor wie eine Jahrmarktsattraktion. Es braucht keinen Mäusezirkus oder Schellenäffchen, es reicht der Doppelkinderwagen!

Das kam nicht überraschend, davon haben schon mehrere Zwillingseltern berichtet. Und ich denke, dass auch in Deutschland der Gesprächsbedarf netter älterer Damen beim Anblick eines Zwillingskinderwagens deutlich steigt.

Mittlerweile habe ich schon trilliardenmal das gleiche Gespräch geführt („Oh, Zwillinge! – Ja – Eineiig oder zweieiig? – Zweieiig – Die sehen sich aber nicht ähnlich – Nein – Ach und sie hier ist viel größer! – Ja, die wiegt fast ein Kilo mehr – Das ist aber viel Arbeit, ne? – Jepp – Aber schön! – Jaa – Alles Gute – Danke“) und freue mich trotzdem noch über die Aufmerksamkeit, die meinen Babies hier geschenkt wird.

In einem halben Jahr habe ich noch keinen Laden betreten, in dem nicht ein Augenzwinkern oder ein Späßchen für die beiden drin war. Es gibt Bauchgrabbler, Wangenkneifer und Tragetuch-Zurechtzupfer. Es gibt Teenagerjungs, die die beiden zum Lachen bringen und Verkäuferinnen, die hinter der Ladentheke hervorkommen. Es gibt Glückwünsche von anderen Zwillingseltern, Beileid von Einlingseltern und Segenssprüche von Großeltern. Von überallher hört man ein „Qué guapas!“ und fröhliches Hallo.

Als wir eine Woche zu Besuch in Deutschland waren, wurden die beiden genau dreimal angelacht. Zweimal von älteren Damen und einmal von drei deutschtürkischen (kann man das politisch korrekt so sagen?) Jugendlichen. Dabei lachen meine kontaktfreudigen Babies gerne mal zuerst…In Spanien dagegen empfinde ich, dass Kinder und auch alte Menschen viel mehr Teil der Gesellschaft sind. Sie stören nicht und sie werden auch nicht ignoriert. Sie gehören einfach dazu.

Alte treffen sich nachmittags auf „ihrer“ Bank in der Innenstadt, an ihrem Platz oder zum Petanca (=Boule) spielen. Außerdem werden die Großeltern viel mehr in den Familienalltag eingebunden: Opas und Omas holen ihre Enkelkinder von der Schule ab. Auf meinen Spaziergängen sehe ich stolze kinderwagenschiebende Großeltern. Es ist in vielen Familien selbstverständlich, dass beide Eltern arbeiten und abends die frisch gebadeten und satten Kinder von Oma und Opa in Empfang nehmen.

Elternzeitneid

Und da sind wir auch schon bei der anderen Seite der Medaille: Die Elternzeit beträgt nur vier Monate und die meisten Familien können sich überhaupt nicht leisten, dass nur einer arbeiten geht. Nach vier Monaten wird also abgestillt (falls überhaupt gestillt wurde) und das Baby schweren Herzens an die Omi übergeben. Wer länger Stillen möchte, muss abpumpen. Auch wenn Anfangs einige Tränen fließen, bestätigen mir fast alle Mütter: Es hat durchaus etwas für sich, ein paar eigene Stunden am Tag zu haben, und sei es auch „nur“ am Arbeitsplatz. Für mich klingt das zwar plausibel, aber ich bin heilfroh, dass wir uns ein volles Babyjahr leisten können.

Mit Ablauf der vier Monate Mutterschutz (bei Zwillingen viereinhalb, also zwei Wochen mehr) gibt es kein Elterngeld mehr. Die monatlichen 100 Euro Kindergeld werden bis zum dritten Lebensjahr ausgezahlt. Für Zwillingseltern gibt es außerdem noch eine einmalige Zahlung von etwa 2000 Euro zur Unterstützung. Da schaue ich in Sinnkrisen schonmal neidisch auf meine Mädels in Deutschland mit ihrer Elternzeit und den tollen Reisen mit Mann und Baby nach Neuseeland oder sonstwohin und denke: Hätte hätte, Fahradkette…das haste jetzt davon!

Ein Jahr Auszeit ist hier ein Luxus, der bei manchen auf Unverständnis stösst. Allen voran bei der spanischen Yaya (= Omi), die ganz scharf auf „ihre Mädels“ ist und mir gerne beiläufig erzählt, der Enkel ihrer Schwester hätte ja schon mit vier Monaten bei Oma übernachtet und die Mama geht schon wieder arbeiten und überhaupt, dem Baby geht es ja soo gut bei Omi…ähnlich subtil antworte ich dann, dass ich das ja nicht könnte – bei dem Thema stoßen immer wieder unsere Kulturen und Mentalitäten aufeinander.

Ein Glück wurden dieses Jahr in Spanien vier Wochen Vaterzeit eingeführt (bis letztes Jahr waren es nur zwei). Die gingen zwar wie im Flug vorbei, aber immerhin. Kein Wunder, dass die Geburtenrate in Spanien so niedrig ist. Ohne eine funktionierende Familienstruktur im Hintergrund oder als Geringverdiener ist Kinderhaben hier eine schwierige Sache. Schon komisch, dass man hier trotzdem oft den Eindruck hat, hier wimmelt es überall von Kindern.

Das liegt sicher auch am guten Wetter, das Leben findet einfach viel mehr auf der Straße statt. Aber bestimmt auch daran, dass Kinder eben keine Störenfriede sind. Wenn um fünf Schule aus ist, sieht man die Eltern auf einer Terrasse Kaffee trinken während nebendran so ein Wirrwarr aus Rollern, rennenden Kindern und fliegenden Bällen herrscht, dass ich mich manchmal kaum mit dem Kinderwagen über den Platz traue. Niemand weist die laut rufenden Kinder zurecht, sondern alle laufen kreuz und quer einfach drumherum. So ist das hier. Und so komme ich auch jeden Tag ein bißchen mehr hier an, seit meine Mädels da sind. Weil sie so wunderbar auf dieser Welt willkommen geheißen werden.

Meer und große Steine

Leben, wo andere Urlaub machen

„Leben, wo andere Urlaub machen! Das wollte ich auch immer!“ höre ich öfter auf meinen Heimatbesuchen. Ja, und warum hast Du es nicht gemacht? Weil wirklich auszuwandern, auf Zeit oder für immer, eben gar nicht so einfach ist…

Hätte mir das mal jemand vorher gesagt! Oder vielleicht besser nicht?

Leben, wo andere Urlaub machen, ist alles mögliche, aber kein Urlaub. Du hast keine Pause vom Alltag, sondern bist mittendrin. Du kannst dich nicht mit deiner besten Freundin auf einen Kaffee treffen, sondern ihr erwischt euch mit viel Glück am Telefon. Du schaffst es nicht jeden Tag ans Meer, wie du es dir vorgenommen hast, sondern eher mal am Wochenende. Da ist der Strand genauso voll wie euer örtliches Freibad im Hochsommer.

Leben, wo andere Urlaub machen, bedeutet, dass Du neben rotverbrannten halbnackten Touristen im Supermarkt stehst und überlegst, ob du noch Klopapier zu Hause hast.

Leben, wo andere Urlaub machen, heisst, vaya, seine Steuererklärung abzugeben, wo andere Urlaub machen. Müll runterbringen, schreiendes Kind beruhigen, Spülmaschine ausräumen – während andere durch die Stadt schlendern und das „mediterrane Leben“ mit Tapas, Paella und Wein genießen. „Olé!“ oder wie sagt man hier?

Alles nur Klischee?

Leben, wo andere Urlaub machen, ist anstrengend. Du musst neue Freunde finden, dich einleben und irgendwie integrieren (was auch immer das heißt). Du trittst in Fettnäpfchen, ohne es zu bemerken. Du musst deinen exotischen Vornamen buchstabieren und dir fehlt ein Nachname. Wenn Du in Deutschland eher klein warst, bist du hier eher groß. Du bist „die Deutsche“ und deine direkte „nordeuropäische“ Art kann die Menschen hier ganz schön irritieren. Ist das typisch deutsch oder ist das dein Charakter? Das weiß hier niemand so genau, nicht einmal du selbst.

Das deutsche Sonntagsfrühstück wird durch den Vermut auf einer Terrasse ersetzt, bis Du leicht angeduselt zum Mittagessen aufbrichst (du solltest endlich mal anfangen, Meeresfrüchte zu mögen). An den neuen Tagesrhythmus mit der Siesta am Mittag (und den entsprechend geschlossenen Läden in der Innenstadt) musst du dich erst gewöhnen, dann lernst du die zwei bis drei ruhigen Stunden am Mittag zu schätzen, sogar sehr. Du verabredest dich mit einer Freundin auf einen Kaffee und auf einmal seid ihr zu fünft. In der Gruppe ist einfach alles schöner, oder?

Ich kann spanisch! oder: Habe ich das gerade richtig gesagt?

Leben, wo andere Urlaub machen, schenkt dir neue Denkweisen. Du hast eine Sprache gelernt und bekommst eine zweite gratis dazu. Du merkst, wie präzise die deutsche Sprache mit ihren Wort-Aneinanderkettungen ist und wie anders eine Sprache funktioniert, die für jeden Begriff ein ganz eigenes Wort hat. Und dieses Wort kann dann mehrere Bedeutungen haben: Mit einem einfachen „te quiero“ deckst du die gesamte Bandbreite von „Ich mag Dich“ hin zu „ich liebe Dich“ ab.

Dein Wortschatz ist nicht immer groß genug, um genau das auszurücken, was du möchtest. Deine Sprache verliert ihre Nuancen, das Subtile und vor allem der Humor ist häufig „Lost in Translation“ (Ob die Deutschen deshalb in so vielen Ländern als humorlos gelten?). Nicht immer kannst du allen Gesprächen folgen. Mit deinem Akzent wirst du gleich als Ausländerin entlarvt, und du fragst dich, wie du mit dem gleichen Sprachniveau auf deutsch klingen würdest.

Was du für selbstverständlich hältst, wird hier ganz anders gemacht. Ein klares „Nein“ wirkt fast wie eine Beleidigung. Bei der Wohnungssuche lernst Du, dass es höflicher ist, kleine Lügen loszulassen („Oh, am Ende bleibt der bisherige Mieter doch in der Wohnung“) anstatt dich vor vollendete Tatsachen zu stellen („Die Wohnung hat jemand anderes bekommen“). Bis du dich daran gewöhnst, dass man hier erst das dritte „Nein, danke“ akzeptiert, hat man Dir schon dreimal den Teller wieder aufgefüllt und die Küche aufgeräumt. Sich ins Wort zu fallen gilt nicht als unhöflich. Und ja, man muss sehr laut sprechen, um gehört zu werden.

Palmen sind immergrün

Leben, wo andere Urlaub machen, lässt Dich aus dem Nichts Anfälle von Heimweh nach dem deutschen Wetter bekommen. Glaubt einem auch keiner, aber: In deinem Kopf wird aus diesem fisseligen deutschen Nieselregen ein kuscheliger Tag auf dem Sofa mit Tee und Waffeln; der Herbst ein einziges Drachensteigenlassen und buntes Blätterrascheln. Der Winter wird mit puderzuckrigem Schnee, Poffertjes und Weihnachtsmarkt garniert – und der Frühling?

Oh! Vom ersten Schneeglöckchen bis zu den Osterglocken und Krokussen auf dem taufrischen Gras ist der Frühling ein einziges Fest! Am ersten Frühlingstag liegt etwas ganz besonderes in der Luft, alle kommen aus ihren wintermuffigen Wohnungen gekrabbelt und halten das Gesicht in die Sonne: Aaaaah! Der deutsche Sommer mit seinen milden Temperaturen ist eine einzige lange Radtour zum See und wird gelegentlich durch einen lauen Sommerregen unterbrochen…hachja!

Zugegebenermaßen hält das Wetter-Heimweh nur so lange an, bis ich wieder in den wirklich fast jeden Tag blauen Himmel blicke und bemerke, dass ich im Oktober immer noch ohne Jacke und in Sandalen an der Strandpromenade entlang spaziere.

Menschen, die einem fehlen

Leben, wo andere Urlaub machen, ist: weit weg zu sein von geliebten Menschen. Die beste Freundin, mit der Du dich auch ohne viel Worte verstehst, ist weit weg. Deine Schwester und dein Bruder leben ihr eigenes Leben ganz ohne dich. Deine Babies lernen Oma und Opa, Tanten und Cousinen zunächst bei Skype, WhatsApp, Telefon oder E-Mail „kennen“. Und trotzdem verpassen wir so viel voneinander, weil wir ja auch leben müssen und nicht ständig am Handy hängen und dokumentieren können, wie es hier oder dort gerade ist. Seit die Babies da sind, erst recht nicht. Das ist nicht immer leicht, weder für dich, noch für die Daheimgebliebenen.

Schluss mit dem Gejammere!

Leben, wo andere Urlaub machen, macht Dich um eine Erfahrung reicher. Du siehst, lebst, denkst anders. Du nimmst dich mit in eine neue Umgebung und schaust was sie mit dir macht. Du bleibst Du und wirst doch jemand anders.

Du begegnest vielen neuen Menschen. Dadurch, dass der Mann von hier ist, haben wir schnell Anschluss gefunden und wurden mit offenen Armen und einem herzlichen Lächeln empfangen. Das hat es uns leichter gemacht, hier anzukommen. Gracies, nois!

Auch wenn Du jeden Tag das Meer siehst, der Himmel fast jeden Tag strahlend blau ist und es scheint, dass Du dich daran gewöhnt hast: Ab und zu schaust du dich auf einmal um, auf die Wellen, die Palmen und den Strand und dein Kopf macht Urlaub. Du merkst bei jedem Besuch aus Deutschland, wie sehr du dich schon eingelebt hast, und kannst immer wieder darüber staunen. An manchen Tagen erwischt es dich aus heiterem Himmel: Das ist wirklich wahr, dass ich jetzt hier lebe.

Katalanische Flagge der Unabhängigkeitsbewegung weht an einem Balkon

Katalonien, die Krise und ich

Mit dem 1. Oktober, dem Referendum und den Bildern der Polizeigewalt ist Katalonien in den Schlagzeilen gelandet. Und ich sitze mittendrin.

Wenn ich die letzten Wochen Revue passieren lasse, fällt mir vor allem eines auf: Dass in einer schweren Regierungskrise wie dieser der ganz normale Alltag einfach weiter geht. Und ich verstehe, warum sich die Menschen bei anbahnenden Konflikten nicht gleich aus dem Staub machen. Du hoffst einfach immer, es wird nichts passieren. Du möchtest nicht aus einer vielleicht unbegründeten Angst heraus deine Lieblingsbücher, dein gemütliches Sofa, deine Arbeit und noch weniger deine Freunde und Familie hinter dir lassen, um wohin? zu gehen.

Das klingt im Zusammenhang mit dem aktuellen Konflikt zwischen der katalanischen und der spanischen Regierung vielleicht etwas zu schwarz. Noch ist ist es nämlich genau das: Ein politischer Konflikt, der zunächst einmal nichts an meinem Alltag ändert. Das einzige, was sich geändert hat, sind die Gespräche. Alle verfolgen hier die Nachrichten und fragen sich: Was ist da passiert? Was wird als nächstes passieren?

Die meisten Menschen hier haben keine „rein“ katalanische Familie. Viele haben Eltern oder Großeltern aus anderen Teilen Spaniens. Auch in unserer Straße ist nicht jeder Independentista, an einigen Balkons hängt die Estelada, an anderen nicht. Es gibt Viertel, in denen größtenteils spanisch gesprochen wird, weil die Mehrheit der Einwohner in den Sechzigern aus Südspanien hierhergezogen sind. Es gibt Viertel wie unseres, in denen der Alltag komplett auf katalanisch stattfindet. Viele sprechen zuhause spanisch und „auf der Straße“ katalanisch. Bisher haben alle miteinander, nebeneinander, gemeinsam gelebt. Jetzt droht der Konflikt diese Gemeinsamkeit zu spalten und die Menschen zu zwingen, eine Seite zu wählen.

Vor dem Referendum

Es wehen nicht mehr Esteladas als sonst an den Balkonen. Erst als die Wahlkampagne an Fahrt aufnimmt, gesellen sich weitere Flaggen dazu. Wir haben Besuch und werden gefragt, ob es um ein Fußballspiel gehe. Der Konflikt ist noch lange nicht in den Schlagzeilen gelandet.

Dann kommt der 11. September, der katalanische Nationalfeiertag. Es gibt eine große Demo der Independentistas in Barcelona. Wie in den letzten Jahren haben sie sich eine Art Choreografie für die Demo ausgedacht. Sie zu erklären, ist mir etwas zu kompliziert, jedenfalls soll sich ein großes Plus-Zeichen ergeben, welches im Laufe der Demo die Farbe wechselt. An Ständen in der Innenstadt und vor einzelnen Läden bilden sich Schlangen, um die diesjährigen T-Shirts zu ergattern. Die Stimmung ist gut, die Leute sind etwas aufgeregt und in freudiger Erwartung. Das ganze hat etwas von einem Volksfest.

Bei uns im Ort streben viele mit umgebundenen Esteladas und in den neongelben T-Shirts der Aktion dem Bahnhof Richtung Barcelona zu. Wir bleiben zu Hause und schauen uns das Spektakel im Fernsehen an. Beim abendlichen Spaziergang treffen wir auf die zurückkehrenden Demonstranten, viele sind sehr bewegt. Auch wenn die Choreografie nicht ganz geklappt hat, hat die Demo das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt.

Spätestens jetzt sind an vielen Häusern auch die „SÍ“-Flaggen zu sehen, welche für das Referendum und die Unabhängigkeit werben. Die Menschen wünschen sich ein legales Referendum mit einem bindenden Ergebnis. Aus Umfragen und den letzten Wahlen heraus wissen wir in etwa, dass die knappe Hälfte der Bevölkerung für die Unabhängigkeit ist. Wir sind uns sicher, dass es vor ein paar Jahren mit einem „Nein“ zur Unabhängigkeit geendet hätte. Dieser Tage glauben wir, dass die Gegner nur noch knapp in der Überzahl sind.

Währenddessen spitzt sich die Lage zu. Die spanische Regierung will das Referendum mit aller Macht verhindern. Das einzige Argument, was hier ankommt, ist: Es verstößt gegen die Verfassung und darf daher nicht stattfinden. Die starre Haltung von Rajoy bringt viele Menschen hier auf. Hat die spanische Regierung keine anderen Argumente, warum wir das Referendum nicht durchführen sollten? Gibt es keinen anderen Grund, ein Teil Spaniens zu bleiben, als eine veraltete Verfassung? Jetzt erst Recht! sagen sie sich. Das Referendum wird weiter vorbereitet, Wahlzettel werden gedruckt, Wahllokale ausgewiesen. Die Polizei macht sich auf die Suche nach den Wahlzetteln, begleitet vom höhnischen Gesang der Menge: „Dónde están les paperetes?“ (Wo sind die Papierchen?). Diese aufmüpfigen Katalanen!

Als wir eines Nachmittags mit den Babies spazieren gehen, treffen wir auf eine Freundin und ihre Mutter. Gemeinsam gehen wir mit ihnen zum Rathaus, dort gibt es eine kleine Demo. „Volem votar“ rufen die Demonstranten – sie wollen, dass der Bürgermeister die Schulen offiziell als Wahllokale zur Verfügung stellt.

Lärmdemo auf katalanisch: Nachts klappern die Töpfe

Am 20. September kippt die Stimmung: 14 katalanische Politiker werden festgenommen. In Barcelona wird demonstriert. Als es Abend wird, streben immer mehr Menschen dorthin. „Das ist Unterdrückung! Wir wollen doch nur wählen!“ Viele können kaum glauben, dass die spanische Regierung solche Maßnahmen ergreift.

Als ich die Babies abends ins Bett bringe, fängt es in unserer Straße an zu klimpern und zu klappern. Was ist das denn jetzt? Das ist eine cacerolada, erklärt mir der Mann und schliesst die Fenster. Mit Töpfen und Deckeln bewaffnet stellen sich die Nachbarn von nun an jeden Abend um zehn auf ihre Balkons und klappern damit eine Viertelstunde lang aus Protest gegen die Festnahmen. Das ganze wirkt etwas gespenstisch in der ansonsten ruhigen Stadt. Die Babies lässt es ungerührt. Klingt so eine Revolution?

Das Referendum

Die letzten Tage sind geprägt von großer Unsicherheit. Eine Bekannte hat ihren Kindern neue Ausweise machen lassen, höre ich. Auf die lachend gestellte Frage, ob sie die braucht, um im Zweifel abhauen zu können, kommt nur ein ernster Blick. Als ich das erzählt bekomme, müssen meine Freundin und ich schon fast wieder lachen. Das es so weit kommt, ist unvorstellbar. Aber die Angst der einen steckt die nächste Mutter an. Alle sind wir unsicher. Jede Unterhaltung dreht sich um das Referendum. Wie weit wird die spanische Regierung gehen, um es zu verhindern? Wir schwanken zwischen Zuversicht und Besorgnis, ungläubigem Lachen und Ernst: „Ich habe schonmal vollgetankt, Benzin ist ja bekanntlich das erste, was ausgeht.“ wird gewitzelt. Ein großes „was, wenn doch?“ hängt in der Luft.

Bei uns hat sich Besuch angekündigt, allerdings überlegen meine Freundin und ihr Mann jetzt ernsthaft, nicht zu kommen. Sie wollen abwarten, wie das mit dem Referendum ausgeht und dann entscheiden.

Die spanische Regierung chartert zwei Kreuzschiffe, um die nach Katalonien entsendeten Kräfte der Guardia Civil (die spanische Militärpolizei) dort unterzubringen. Wie ein Mahnmal liegen die beiden riesigen Schiffe im Hafen von Barcelona. Für einen kleinen Lacher am Rande sorgt der riesige Tweety (zu spanisch Piulín), der eines der Kreuzschiffe ziert.

In der Nacht vor dem Referendum finden in vielen Schulen Kinderaktionen und Leseabende statt. Ganze Familien harren in friedlichem Protest dort aus, um zu verhindern, dass die Polizei die als Wahllokale bestimmten Gebäude verschließt. Morgens um acht werden unter Jubel die vielgesuchten Wahlurnen gebracht. Sie sind schon Wochen vorher versteckt worden, in Lagerhallen oder bei Privatpersonen.

Wir sind seid sieben Uhr auf den Beinen, nach dem ersten Babyquaken am morgen hält uns die Aufregung wach. Wie wird dieser Tag wohl ausgehen? Auf twitter und im Fernsehen verfolgen wir den Wahlverlauf. Schon haben sich lange Schlagen vor den Wahllokalen gebildet. Über WhatsApp bekommen wir Wahlselfies. Ich telefoniere mit meiner Mutter, die sich ausnahmsweise mal überhaupt keine Sorgen macht. Wird schon alles, Kind.

Eine Freundin ist zu Besuch, wir schauen Nachrichten. Die spanische Guardia Civil geht hart gegen die Wähler vor, die Bilder von den prügelnden Polizisten gehen um die Welt. Die katalanische Regierung bittet die Bürger, ruhig zu bleiben und weiter wählen zu gehen. Alles soll friedlich ablaufen. Die Schläger, das sind die anderen.

Unsere Freunde, die schon vor den Wahllokalen Schlange stehen, sind nervös. Die Schlangen werden immer länger. Das Computersystem mit dem Wählerverzeichnis wird attackiert, darum gibt es immer wieder Wartezeiten. Per WhatsApp machen Gerüchte und Lageberichte die Runde: „Die Guardia Civil steht mit 60 Bussen am Hafen!“ Eine Freundin stand vor drei verschiedenen Wahllokalen, die nacheinander geschlossen wurden, bis sie eins fand, wo sie endlich wählen konnte. Einige fahren in den Nachbarort, in der Hoffnung, dass sie dort nicht so lange warten müssen.

Der Mann und seine Schwester gehen wählen und sind nach zwei Stunden zurück. Die Wahlhelfer baten sie, noch eine Weile zu bleiben, aus Angst vor der Polizei. Wir machen den Fernseher aus und spielen mit den Babies. Als wir später spazieren gehen, sehen wir am Hafen kein einziges Polizeiauto.

Mein Senf: Mein Baby, dein Baby

Bisher dachte ich irgendwie, dass fast alle Eltern mit ihren Babies in etwa so umgehen wie ich (ähem) und wie ich es von meinen Freunden und Familie kenne: Wenn ein Baby schreit, schaut man was es hat (Hunger? Pipikaka? Müde? Auf den Arm? Langeweile?) und dann macht man halt eben dieses oder jenes, Baby hört auf zu schreien und gut is. Unsere Babies schlafen bei uns im Bett, werden gestillt, viel getragen und ja, das war es eigentlich auch schon.

Dann las ich den ein oder anderen Blog und lernte, dass das einen Namen hat und eine Art Philosophie dahinter steckt. Attachment Parenting. Na gut, gebt dem Ding einen Namen. Und da steckt sicher noch viel mehr hinter, als ich hier so flapsig ausgedrückt habe. Lasst uns darüber diskutieren, meinetwegen. Trotzdem hat sich mir die Diskussion nicht erschlossen: Warum sind da alle dafür, dagegen, wer macht es richtig, wer falsch? Ahnungslos, wie ich war, dachte ich, naja, NATÜRLICH gehe ich auf die Bedürfnisse meiner Babies ein und versuche sie zu erkennen. Das ergibt sich ja irgendwie von selbst. Machen doch auf die ein oder andere Weise alle so. Warum wird da so viel diskutiert?

Bis letzten Sonntag, auf einem Familienfest. Ich hoffe immer noch, dass die andere Mutter, die mit ihrem drei Monate altem Baby dort war, einen schlechten Tag hatte oder besonders cool rüberkommen wollte. Vielleicht war sie auch einfach zu schüchtern, um etwas zu sagen. Aber, was soll ich sagen, ich habe NOCH NIE eine Mama mit so wenig Draht zu ihrem Kind gesehen. Es tat mir im Herzen weh, dieses kleine Wesen zu sehen, dass so offensichtlich nach Nähe und Schutz suchte und stattdessen von einem Arm zum nächsten wanderte. Dazu wurde noch kommentiert: „Also, die beruhigt sich ja wirklich nur auf Papas Arm, haha!“ Haha? Das arme Kind schrie fast das ganze Essen durch.

Dazwischen gab es Spaziergänge im Kinderwagen (damit sie einschläft) und Fläschchen. Ja, und wer gibt das Fläschchen? Die Großtante, die das Baby noch nie gesehen hatte. Statt zu trinken, schrie die Kleine weiter und wurde immer nervöser, während Tantchen versuchte, ihm den Nuckel in den Mund zu stopfen. Die Mutter saß ein paar Stühle weiter und sagte nichts, stattdessen griffen der Mann und ich irgendwann an ein und meinten, „wenn ein Baby so weint, kommt es am besten zur Mama, oder?“.

Also kommt das Kind zu seiner Mama. Diese versucht ein paar Minuten weiter, dem schreienden Baby die Flasche zu geben, es lässt sich aber nicht beruhigen. Das Kind wird an den Vater gereicht, es trinkt wieder nicht, von dort geht es zum Opa, da trinkt es auch nicht… „Die hat ja gar keinen Hunger!“ lautet die Diagnose am Tisch. Das Baby schreit weiter und ich fragte mich langsam, wie lange das Gehampel noch weitergehen soll.

Zum Glück kam an dieser Stelle die Oma ins Spiel, die sich das Baby griff und eine Weile im Arm trug, bis es sich beruhigte. Als sie ihm dann das Fläschchen nochmal anbot, trank die Kleine die ganze Flasche aus – oh Wunder! und schlief dann auf Omas Arm ein (die leere Flasche wurde dann von Oma triumphierend herumgezeigt, aber das ist eine andere Geschichte). „Also hatte sie doch Hunger“ staunten alle.

An dieser Stelle dachte ich: Ok, DARUM gibt es diese ganzen Diskussionen. Es gibt immer noch Mütter, die nicht wissen, auf ihr Baby einzugehen. Die es vielleicht nicht anders kennen. Die sich von den Kommentaren älterer Damen verunsichern lassen: „Wenn du sie jedes Mal hochnimmst, weil sie schreit, gewöhnt sie sich noch daran!“ „Oh, pass auf, nachher schläft sie nie alleine ein!“ „Was, die schlafen nicht in ihrem eigenen Bett?“ „Ts, ts, immer auf Mamis Arm…“. To be continued.

Es gibt immer noch Menschen, die ein schreiendes Kind wie eine Puppe hin- und herreichen, anstatt es der Mutter zurückzugeben. Ab und zu finde ich selber eines meiner Babies in den Armen einer wildfremden Person wieder und frage mich, wie es dahin gekommen ist. Es gibt Situationen, in denen eine Mutter (inkusive mir) sich vielleicht nicht traut, zu sagen: „Gib mir mein Kind bitte wieder“. Da wird man ja auch gleich schief angesehen und als Glucke abgestempelt.

In Spanien werden Babies und Kinder viel mehr hochgenommen und angefasst als in Deutschland, daran habe ich mich schon gewöhnt. Die Spanier sind ein soziales und kinderliebes Völkchen und meistens finde ich es auch schön, dass Kindern hier so viel Interesse entgegengebracht wird. Der Tenor lautet: daran müssen sich die Kleinen eben gewöhnen, hier ist das eben so! Aber wenn ich sehe, dass eines meiner Babies sich unwohl fühlt oder weint, dann bin ich in Nullkommanix da und schaue, was los ist. Vielleicht hat das auch garnix mit Spanien zu tun und man kann solche Szenen in Deutschland genau so beobachten?

Schwanger in Spanien – irgendwie anders?

Schwanger sein ist wahrscheinlich überall gleich – der Bauch wird überall rund, ob in Deutschland oder Spanien. Die Babys wachsen und Wehwehchen kommen und gehen. Trotzdem ist es anders für mich: Die meisten meiner Freunde und meine Familie sind weit weg und sehen mein Bauch nur auf Fotos wachsen. Der letzte Besuch war an Weihnachten, da war mein Bauch zwar schon rund, aber in den letzten Monaten hat sich dann noch einiges getan.

Weit weg von zu Hause

Manchmal fühle ich mich, als wäre ich aus Raum und Zeit gefallen und plötzlich in diesem Örtchen am Mittelmeer gelandet. Mein Freund ist von hier, ich habe also eine spanische Schwiegerfamilie und wir haben einige Freunde und Bekannte. Aber natürlich würde ich diese besondere Zeit gerne mit meinen Freundinnen und meiner Familie in Deutschland teilen.

Den Babies meiner Freundinnen sehe ich also per Skype beim wachsen zu und über WhatsApp werden eifrig Bauchfotos und Ultraschallbilder verschickt. Deutschlandbesuche sind eingeplant, sobald wir reisefertig sind und uns das zutrauen. Meine deutsche Familie und Freunde kommen vor allem im Sommer gerne hierher.

Mein Bauch gehört mir?

Ob es an der Mentalität der Menschen hier liegt, dass ich mich dennoch so fühle, als wäre ich von zahlreichen zukünftigen Tanten und Omas umgeben? Anfangs hatte ich ein bißchen Angst: Würden alle meinen Bauch anfassen oder kommentieren? Tja, mein Bauch ist vor allem in den letzten Wochen Anlass zur Bewunderung (und Schrecken) – ich bin in Schwangerschaftswoche 38 mit Zwillingen und er ist entsprechend beeindruckend.

Allen Ängsten zum Trotz habe ich jedoch die Aufmerksamkeit der Menschen hier genossen – und angefasst haben den Bauch eigentlich nur Freunde oder meine Schwiegerfamilie (und natürlich Hebammen und Ärzte). Ausnahme war die begeisterte Verkäuferin im Wäscheladen, die mir beim Aussuchen des Still-BHs geholfen hat, und es hat mich dann doch nicht gestört.

Mir gefällt die familiäre Atmosphäre: Die Frau an der Gemüsetheke im Supermarkt fragt meinen Freund, wenn sie ihn ohne mich sieht, ob die beiden schon da sind. Die nette Besitzerin des Tante-Emma-Lädchens bei uns um die Ecke kann kaum glauben, dass mein Bauch und ich immer noch bei ihr ein- und ausgehen. Jedes Mal verabschiedet sie sich mit guten Wünschen für die Geburt und wartet ebenso gespannt auf die Babys wie wir. Das gleiche gilt für den Babymarkt unseres Vertrauens: dort sind wir mittlerweile so oft gewesen, dass ein Besuch einem Kaffeeklatsch gleicht. Entsprechend haben wir jetzt schon eine kleine Tour mit den Babys vor uns, wenn wir wieder präsentabel sind, schließlich wollen alle die beiden kennenlernen.

Bald ist es hoffentlich so weit – wir werden langsam ungeduldig. Das Gefühl, dass da zwei Wesen in meinem Bauch heranwachsen ist sehr schön, aber so gemütlich es für die beiden ist – für mich wird es mit jedem Tag ungemütlicher.

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