¡hola!kat

Mein Katalonien: Zwillinge, Mittelmeer und andere Abenteuer

Das liebe Geld

Kindergeld, Elternzeit – man lässt sich als Auswandererin ganz schön viel durch die Lappen gehen. Je länger ich in Spanien lebe, desto wundersamer kommen mir all die deutschen staatlichen Geldquellen vor, die es für Familien gibt. 300 Euro pauschal aufs Elterngeld bei Zwillingen? Wow! Baukindergeld? Wahnsinn! Und überhaupt, insgesamt 14 Monate Elternzeit? Unglaublich, wenn man bedenkt, dass frau hier nach vier Monaten wieder arbeiten gehen muss, wenn sie nicht auf ihren Job und die dazugehörigen Einkünfte verzichten kann.

Kinder muss man sich leisten können

Und die spanischen Väter? Bekommen erst seit kurzem einen ganzen Monat frei – früher gab es nur zwei Wochen Vaterzeit. Die vier Monate Mutterschutz kann man gnädigerweise sogar zwischen beiden Elternteilen aufteilen – aber wie realistisch ist es bitte, als Mutter eines dreimonatigen Kindes wieder arbeiten zu gehen, währen der Mann noch einen Monat mit dem Säugling zu Hause bleibt? Immerhin: Für Zwillingseltern gibt es auch in Spanien nochmal eine pauschale Einmalzahlung von etwa 2000 Euro. Dazu bekommt man als arbeitende Mutter drei Jahre lang 100 Euro pro Kind und Monat. Danach war es das. Kein Kindergeld weit und breit, dafür Kindergarten- und Schulgebühren. Und das Studium muss später auch bezahlt werden! Dass Spanien eine ziemlich niedrige Geburtenrate hat, muss ich wohl nicht erwähnen? In Spanien muss man sich Kinder leisten können.

Überhaupt: Dass man hier für Bildung bezahlen muss, ärgert mich sehr. Es gibt einerseits staatliche Schulen, Unis und Kindergärten, für die man einen festen Preis bezahlt. Dazu gibt es noch teure private und weniger teure halb-private Schulen. Viele Eltern versuchen ihre Kinder auf halb-private Schulen zu schicken (colegios concertados), weil sie überzeugt sind, das Lehrniveau sei dort höher. Wer sich eine Privatschule leisten kann, schickt seine Kinder dorthin. Dann gibt es noch einige Eltern, die ihre Kinder aus Überzeugung auf öffentliche Schulen schicken – wegen der Realitätsnähe oder um das Schulsystem zu fördern.

Ein Platz im Kindergarten ist sicher!

Unsere Kinder sind in einem öffentlichen Kindergarten, der uns pro Kind mit Mittagessen etwa 350 Euro kostet. Die Erzieherinnen sind allesamt liebevoll und nett und den beiden gefällt es dort. Die Räume sind nicht besonders geschmückt und eher nüchtern, aber immer jahreszeitlich dekoriert. Außerdem lassen sich die Erzieherinnen oft etwas einfallen: Mal hängen Stoffbahnen von der Decke, in denen sich die Kinder verstecken können, mal gibt es Tobe-Spielwiesen oder Fühlkisten. Uns reicht das. Auf dem Weg zu unserem Kindergarten kommen wir an einem privaten vorbei. Ein Blick in den Eingangsbereich zeigt: Hier sieht es komplett anders aus! Alle Räume sind thematisch wie ein kleines weißes Holzhäuschen dekoriert, inklusive einem kleinen weißgestrichenen Lattenzaun. Es ist bunt und verspielt und alles irgendwie niedlich. So in etwa stelle ich mir den Unterschied zwischen privaten und öffentlich Schulen auch vor: Vor allem materiell wird in privaten Einrichtungen mehr geboten. Das Niveau, bin ich mir sicher, hängt wie überall von den jeweiligen Lehrern ab.

Was hier dafür besonders gut klappt: man bekommt wirklich schnell und unkompliziert einen Kindergartenplatz. Das läuft ähnlich wie in Deutschland bei der ZVS fürs Studium. Wir haben unsere im laufenden Semester auf eine Warteliste gesetzt (man durfte drei Favoriten angeben) und einen Anruf bekommen, sobald es zwei freie Plätze gab. Wir mussten also nur ja oder nein sagen. Das war schon toll, vor allem wenn ich mitbekomme, wie lang und kräftezehrend die Kindergartensuche in Deutschland abläuft.

Die Großeltern helfen aus

Aber natürlich: Wenn Mütter nach vier Monaten wieder arbeiten müssen, braucht es auch ein funktionierendes System. Wenn man es sich als Familie nicht leisten kann, länger zuhause zu bleiben, gibt es zwei Optionen: Die Säuglingsgruppe oder die Großeltern. Man sieht hier wirklich unglaublich viele Großeltern tagtäglich mit ihren Enkeln durch die Stadt spazieren, meine Schwiegermutter inklusive. Das wird hier als etwas ganz normales angesehen – obwohl es für die Yayos und Yayas ganz schön viel Arbeit ist. Dass die Großeltern mal aushelfen, finde ich auch wirklich toll – aber dass sie jeden Tag die Enkel betreuen müssen, weil die Eltern sonst nicht arbeiten gehen können, gefällt mir nicht.

Meine Kinder sind mit etwa 10 Monaten in den Kindergarten gekommen, erstmal nur halbtags. Als Selbstständige konnte ich recht entspannt stufenweise wieder in den Beruf zurück. In der Säuglingsgruppe gab es ein paar ältere und einige jüngere Kinder, sie waren relativ in der Mitte. Für die ganz Kleinen gab es Fläschchen, für unsere Gemüsebrei und ziemlich schnell feste Nahrung. Wer sein Kleines so früh abgeben muss und stillen möchte, steht vor einer Herausforderung. Man darf natürlich abgepumpte Milch mitbringen, aber das bedeutet auch, diese über Tag im Büro oder sonstwo am Arbeitsplatz abzupumpen…da gehört einiges an Ehrgeiz dazu. Zum Glück hatten wir genug Ersparnisse, um uns durch das erste Jahr zu tragen – das war es mir wirklich wert. So viel Zeit mit den Kindern verbringen zu können und sie wachsen zu sehen, ist etwas ganz besonderes.

In ein paar Jahren soll es in Spanien für Väter ebenfalls vier Monate Elternzeit geben – und zwar als Pflicht. Ich hoffe sehr, dass das klappt. Damit wäre auch ein großer Schritt in Richtung Gleichberechtigung getan. Bis dahin sorge ich mit meinen Erzählungen vom Wunderland Deutschland für große Augen: Hebammen, die zu einem nach Hause kommen, Kindergeld weit über das dritte Lebensjahr hinaus – und die vermaledeite Kitasuche!

Zwillinge oder der Verlust der Privatsphäre

Seit der Schwangerschaft haben sich unzählige Menschen in meine und unsere Privatsphäre eingemischt. Es wurde nachgeforscht, ob wir Zwillinge in der Familie haben oder gleich direkt gefragt, ob sie „natürlich“ entstanden sind. Die paar Male, an denen mir aufrichtig zu Zwillingen gratuliert wurde, kann ich an einer Hand abzählen – meistens waren das nette ältere Damen, die mir Alles Gute zu dem „doppelten Segen“ wünschten und für mich „Gesundheit, um die beiden aufzuziehen“.

Bei einer Zwillingsschwangerschaft gibt es zudem unzählige Arztkontrollen. Ständig mussten wir zur Vorsorge. Bei der Geburt wäre ich fast gestorben und war das Krankenhausgespräch. Wir waren eine Woche im Krankenhaus. Alle drei Stunden platzte eine Schwester herein mit den Milchfläschchen für die Babies. Dazwischen gab es Essen, die Babies wurden zum Baden geholt, ich wurde gewaschen, es gab Arztvisite und Schelte von der strengen Kinderkrankenschwester, wenn die Babies ihre Fläschchen nicht ausgetrunken hatten (obwohl ich ja zusätzlich stillte). Nach fünf Tagen konnte ich das erste Mal aufstehen. Wir hatten zwei Stunden lang eine Zimmernachbarin mit ihrem Neugeborenen, während mir gerade die Katheter gezogen wurden. Es gab Besuch von Menschen, die ich kaum kannte (dank der spanischen Familienverhältnisse) und die mich in einem ziemlich desolaten Zustand sahen. Alle wussten, was bei der Geburt passiert war. Gute Freunde hingegen ließen uns erstmal in Ruhe – aus Respekt, um uns Raum zu geben und anzukommen.

Als wir aus dem Krankenhaus kamen, gab es noch ein paar seltsame Besuche mehr bei uns zu Hause, dann war aber Gottseidank Schluss. Mit hatten schon genug fast fremde Leute beim Stillen zugeschaut. Dafür mussten wir bei jedem Spaziergang unsere Babies bewundern lassen. Ein älterer Herr hielt sogar mal im Vorbeigehen den Kinderwagen fest, um sie in Ruhe betrachten zu können. Manchmal wünsche ich mir, in solchen Moment nicht so perplex gewesen zu sein und schneller reagiert zu haben. Viel zu oft hatte ich Angst davor, eine Szene zu machen. Einmal hat eine Frau in „unserem“ Tante Emma-Laden ein Baby aus dem Kinderwagen abgeschnallt und in den Arm genommen, als ich gerade nicht hinsah. Da sie aber auch Stammkundin dort war, habe ich nichts gesagt, sondern ihr das Kind nur wieder aus dem Arm genommen. Noch heute ärgere ich mich darüber, meine Kleine da nicht besser „beschützt“ zu haben.

Als die beiden gerade laufen konnten, wollte eine Frau die beiden unbedingt ihrem Mann zeigen. Sie hatte selbst (etwa zehnjährige) Zwillinge. Wir waren in einem Straßencafé und die beiden taperten zwischen den Tischen herum. Schwupps, hatte die Frau mein Kind auf den Arm und rief ihrem Mann zu, „Schau mal wie süß! Unsere waren auch mal so!“ Wir hatten Freunde mit einem Einzelkind dabei und die waren ebenso verdattert wie wir. So viel Übergriffigkeit hatten sie bei ihrem Sohn nie erlebt. Sicherlich ist es schon so, dass in Spanien Kinder viel mehr getätschelt und gestreichelt werden, aber mit den beiden war es schon extrem. Und wir waren nach der schwierigen Geburt und als Erstlingseltern überhaupt nicht gewappnet dafür, so viel Aufmerksamkeit zu wecken.

Jetzt sind die beiden fast zwei. Die Standard-Frage „Sind das Zwillinge?“ beantworten wir nur noch mit einem müden Nicken und ziehen dann zügig von dannen. Wir erwecken weitaus weniger Aufsehen mit zwei Kleinkindern als mit zwei Neugeborenen und das ist wirklich entspannter. Dafür wird unsere Stillbeziehung jetzt gerne kommentiert („Ach, stillt ihr immer noch?“ oder „Na, bald stillst Du ja bestimmt ab, oder?“). Und es nervt mich schon wieder sehr. Denn es ist für mich immer noch ein großer Unterschied ob ich freiwillig etwas über mich erzähle (wie hier im Blog), oder man mir alles aus der Nase ziehen will. Ein offenes Gespräch kommt so nicht zustande. Nach zwei Jahren kommt es mir immer noch seltsam vor, dass man mit als Schwangere und Eltern von Zwillingen scheinbar Gegenstand öffentlichen Interesses wird. Aber ich nehme mit Erleichterung zur Kenntnis: Es wird besser.

Wie lange willst Du denn noch stillen?

Fast zwei Jahre Stillzeit sind herum und das Stillen hat sich gewandelt: Aus den zwei kleinen Hilflosen Wesen sind zwei selbstständige Persönchen mit einem sehr eigenen Willen geworden. Die Aufregung, das Gehampel und unzählige Versuche, endlich eine gute Position zum Tandemstillen zu finden haben sich in Routine, Geborgenheit und eine verkuschelte Wuselei verwandelt.

Ebenso hat sich die Position meiner Mitmenschen dazu verändert: wurde ich anfangs noch beklatscht (im wahrsten Sinne des Wortes), wird nun immer häufiger gefragt: „Wie lange willst Du denn noch Stillen?“. In den wenigsten Fällen steckt da aber ehrliches Interesse dahinter. Was der Fragende eigentlich sagen will, ist: „Still doch endlich mal ab!“. Und darum beginnt diese Frage mich langsam wirklich zu nerven. Und ich muss aufpassen, dass ich nicht nur aus Trotz weiterstille.

Warum, werte Damen und Herren, ist mein Stillen auf einmal so „interessant“, dass sich so viele Menschen einmischen müssen? Was sollen die hochgezogenen Augenbrauen, wenn ich sage: „Ich weiß nicht, wie lange ich Stillen möchte. So lange es uns gut dabei geht?“ Warum fühlte ich mich anfangs verpflichtet zu erklären, dass ich ja eigentlich nur drei Monate Stillen „geplant“ hatte, weil ich dachte, mit zweien schaffe ich das vielleicht nicht. Dass dann daraus sechs Monate wurden und dann ein Jahr und es immer einfacher wurde?

Dann versuche ich zu erklären, dass ich glaube, wir werden schon den richtigen Zeitpunkt finden. Wenn es mich anfängt zu nerven. Dass ich darauf vertraue, zu spüren, wann es uns gut tut, die Stillbeziehung zu beenden. „Tja, wenn es Dich nicht stört…musst Du ja wissen“ heisst es oft. Genau. Allerdings habe ich das Gefühl, dass es andere stört. Und ich verstehe wirklich nicht warum, für mich ist es etwas so natürliches, selbstverständliches…

Stillgeschichten

Meine spanische Schwiegeroma erzählte mir, ihre Mutter habe sie bei jedem Kind „ermahnt“, weiterzustillen, bis diese zwei Jahre alt waren. „Halte durch“, hieß es, wenn sie jammerte, „das ist das Beste, was Du deinem Kind geben kannst“. Es gibt vor allem im spanischen Bekannten- und Verwandtenkreis mehrere Anekdoten von bereits sprechenden Stillkindern aus verschiedenen Jahrzehnten. Vor meiner deutschen Omi habe ich großen Respekt, dass sie ihre vielen Kinder alle gestillt hat. Das hat bestimmt auch noch mit der damaligen Erziehung zu tun, eine „deutsche Mutter“ musste ja schließlich stillen, aber trotzdem: sie hat das gemeistert. In meiner Familie gibt es viele „Langzeitstillende“, von der Tante bis zur Cousine. Persönlich kenne ich wirklich viele Mütter, die mehr als ein Jahr stillen oder gestillt haben. Untereinander stellen wir uns die Frage nie – sondern hören einander zu, wenn es Probleme gibt, wenn die ersten Abstill-Versuche nicht geklappt haben oder wenn es doch mal wieder eine von diesen Nächten gab, an denen gefühlt dauergestillt wurde.

Unsere Stillgeschichte begann denkbar schwer: Noch auf der Intensivstation wurde mir Milch abgepumpt, als mein Mann erklärte, dass ich stillen wollte. Ob das klappen würde, war nicht sicher. Die Babies bekamen zwei Tage lang Fläschchen, bis ich auf dem Zimmer war und sie das erste Mal anlegen konnte. Dank der Hilfe der lieben Hebamme im Krankenhaus und trotz der unsäglichen Einmischungen der brummigen Nachtschwestern haben wir es geschafft. Immer habe ich den Moment im Kopf, als ich die zwei kleinen Wesen endlich kennenlernen durfte. Die Erstgeborene wich seitdem nicht mehr von meiner Seite. Bloß nicht zu weit weg von der Nahrungsquelle!

Nach zwei Monaten war ich schier verzweifelt, weil beide die Flaschenmilch in hohem Bogen wieder ausspuckten. Aus Mund und Nase kam alles wieder raus! Danach gab es Gebrüll und dann wieder die Brust. Ab und zu mal die Flasche geben zu können, wäre sowohl für mich als auch für meinen Mann eine Erleichterung gewesen.

Als die ersten drei Monate herum waren, wurde es einfacher: endlich konnten sie ihre Köpfchen etwas besser halten und rutschten nicht ständig weg. Wir stillten überall, in Cafés, am Strand, auf einer Bank sitzend. Mit sechs Monaten waren wir echte Stillprofis. Dann fing irgendwann die Beikost an und es wurde etwas weniger und unkomplizierter. Es gab Phasen, wo ich dachte, bald hören sie von selber auf.

Mit der Eingewöhnung im Kindergarten änderte sich wieder alles: Nach den langen Stunden ohne Mama wollten sie vor allem eins – Stillen. Das ist noch immer so. Manchmal nervt es mich, vor allem wenn die beiden meinen, sich das Essen sparen zu können. Manchmal hilft es mir aber auch sehr: Wenn sie krank sind, wenn sie zahnen, beim Einschlafen – Stillen ist immer noch die schnellste Einschlafhilfe.

Trotzdem frage ich mich in letzter Zeit immer häufiger: Vielleicht ist es doch gut, bald mal abzustillen? Brauchen die beiden das wirklich noch oder kann ich nur nicht loslassen? Der Gedanke, nie wieder Stillkinder haben zu können, tut mir weh. Aber das möchte ich nicht an den beiden „auslassen“. Sie werden nicht immer meine Babies sein können und sind es mit fast zwei schon längst nicht mehr. Dann gibt es uns wiederum Momente des zur-Ruhe-kommens und der Geborgenheit und ich habe Angst, ihnen das zu nehmen. Den richtigen Zeitpunkt zu finden scheint mir schwieriger als ich dachte.

 

Verschieden Kinderbücher nebeneinander gelegt

Wir lernen sprechen – in drei Sprachen!

Es ist so weit: Meine Töchter lernen ihre ersten Wörter und schnappen jeden Tag etwas neues auf. Und so sehr ich darauf achte, mit den beiden nur deutsch zu sprechen – die beiden Landessprachen sind auf dem Vormarsch. Vor allem der Kindergarten tut sein übriges: Jeden Tag kommen sie mit neuen katalanischen Wörtern nach Hause. So heisst Fisch nicht Fisch und nicht pescado sondern „peix“. Der kommt im Kindergarten häufig auf den Tisch, scheint´s, denn Hühnchen oder Fleisch nennen sie ebenso.

Angeblich sprechen mehrsprachige Kinder erst später. Ob das so ist kann ich allerdings noch nicht nicht einschätzen. Durch das katalanisch-spanisch gibt es hier ja sowieso eine Menge bilingualer Kinder. Im Kindergarten ist mir noch nicht aufgefallen ob einige Kinder besser oder schlechter sprechen. Allerdings wusste unser Nachbarsjunge im Gegensatz zu den beiden schon mit etwas über einem Jahr sehr viele Wörter, da waren die beiden noch bei „Ta-ta“ und „Mama-Papa-Nana“.

Ein Wort für Papa, ein Wort für Mama…

Im Moment lernen sie wirklich jedes Wort in Bezug zu einer Person: Schuhe heißen zum Beispiel auf spanisch „pato!“(zapato), weil es meistens der Papa ist, der mit ihnen morgens die Schuhe anzieht. Von mir haben sie den „Baum“ vom Spazierengehen, den „Tiiiiger“ aus unserem Einschlafbuch und natürlich die „Milch“. Sie haben „genug“, wenn sie satt sind und sagen sehr energisch „No!“ und nur selten „Nei“, wenn sie etwas nicht möchten. Einige Wörter wiederum klingen sehr ähnlich, zum Beispiel „aua“ und „agua“: Meine Schwiegermutter denkt jedesmal, wenn das Essen noch heiß ist („aua!“), sie möchten ein Glas Wasser trinken („agua“). So ein Kuddelmuddel!

Ein paar Wörter sagen sie sogar schon auf mehreren Sprachen: „¡Hola!“ und „Hallo!“, „Adéu“ und „Tschüss“. Außerdem gibt es die deutsche „Oma“ und die spanische „Yaya“, das ist natürlich praktisch. Katzen und Hunde heißen in beiden Sprachen „Miau“ und „Wau wau“.

Verstehen tun sie alle drei Sprachen. Sie wissen, dass die Hand auch „ma“ oder „mano“ heisst, der Kopf auch „cap“ oder „cabeza“ und zeigen ihre Füße her, auch wenn sie „pies“ oder „peus“ genannt werden. Nur für mich beginnt die Herausforderung Dreisprachigkeit jetzt erst recht – hoffentlich klappt das mit dem deutsch lernen auch! Da mache ich mir manchmal Gedanken, ob sie nicht doch auf die deutsche Schule sollten. Dagegen spricht, dass sie dann wiederum so wenig Kontakt mit den Kindern hier vor Ort hätten und wir sie immer mit dem Auto nach Barcelona bringen müssten. Bisher bin ich aber zuversichtlich, das es auch so geht. Es gibt genügend andere deutsche Mütter hier vor Ort und bei den Besuchen in Deutschland oder umgekehrt hören sie ja doch wieder viel deutsch.

Meine Sprache, meine Kultur

Gerade weil ich im Ausland lebe, ist es mir wichtig, den beiden meine Sprache und Kultur näher zu bringen – das wird sicher in den kommenden Jahren noch ein Thema. Ostereiersuche, Sankt Martin, Adventskalender und Weihnachtsmarkt gehören nun mal nicht zum spanischen Kulturgut. Hier gibt es natürlich auch viele für Kinder schöne Feste – aber etwas wehmütig werde ich schon, wenn ich daran denke, dass sie wohl nie im Kindergarten Laternen basteln. Und der Kölner Karneval wird sicher auch keinen großen Stellenwert in ihrem Leben haben. Wirklich schlimm ist das natürlich nicht, aber ich merke: Als Mama möchte ich den Kindern gerne meine eigenen schönen Kinderheitserlebnisse mitgeben – oder besser: Ich selber verbinde mit „Kindheit“ eben diese Feste und Feiern. Und nun habe ich da zwei kleine Spanierinnen, die wahrscheinlich eine hauptsächlich spanisch-katalanische Kindheit haben werden.

Sie lieben die katalanischen Lieder aus dem Kindergarten und wollen immer wieder zur „Castanyera“ tanzen, also lerne ich die Texte auswendig und singe sie ihnen vor. Wenn der Mann und ich miteinander reden und wir die Kinder ins Gespräch einbeziehen, wechseln wir auch nicht immer die Sprache, meistens wiederhole ich aber ein Wort oder einen Satz auf deutsch.

Ansonsten haben wir viele deutsche Kinderbücher und dank YouTube wird es sicher irgendwann mal Sendung mit der Maus oder ähnliches auf deutsch geben. Bisher haben wir noch viele Bücher ohne oder mit nur sehr wenig Text, die sich vor allem über die Bilder vermitteln – da erzählt dann jeder in seiner Sprache etwas dazu. Besonders toll geht das mit „Gute Nacht, Gorilla“, oder Wimmelbüchern. Seit langem beliebt und immer mal wieder aus dem Regal geholt werden „Piep, piep, piep“ und „This is not a book“. Außerdem singen wir uns kreuz und quer durch unsere deutschen Liederbücher (wirklich schön: Das Kinderlieder-Buch aus dem Liederprojekt – die Mädels lieben die Illustrationen!).

Jetzt stehen erstmal zwei Wochen Deutschlandbesuch auf dem Programm, mal sehen welche Worte die beiden dort aufschnappen 🙂

Steinige Landschaft mit Olivenbaum

Vamos al pueblo

„Wo fährst Du diesen Sommer hin?“, fragt man sich, wenn die Hitze zu schwer wird und die großen Ferien beginnen. „Vamos al pueblo“, antworten wir und schon wissen alle Bescheid.

El pueblo, das bedeutet vielen Menschen eine zweite Heimat. Hier kommen sie „eigentlich“ her, hier haben ihre Familien mehrere Generationen lang gelebt, bevor ihre Eltern und Großeltern in den 60er Jahren in die Städte zogen.

Die Enkel tragen das Dorf weiterhin im Herzen, in Erinnerung an endlos lange Sommerferien mit den Großeltern, in denen sie mit ihren Freunden den ganzen Tag durchs Dorf stromerten und in alten Ziegenställen Hütten bauten.

„Unser“ Dorf liegt am Ende einer Straße, inmitten einer steinigen Mondlandschaft. Nachts sieht man unzählige Sterne leuchten und der Wind trägt die Stimmen der Nachbarn zu uns ans Fenster. Im Morgengrauen und der Abenddämmerung kann man mit etwas Glück eine Herde wilder Ziegen auf den schotterigen Straßen entdecken, die in die Landschaft hineinführen. Geht man eine Weile darauf spazieren, sieht man irgendwann die Geier über sich am Himmel kreisen, manch einer sitzt auch, ganz Klischee, auf einem abgestorbenen Ast hoch oben am Hang und blickt auf Dich herab. Abseits der Wege knistern die trockenen Sträucher unter Deinen Füßen, ein staubiger Duft nach wildem Thymian und Lavendel steigt Dir in die Nase.

Je weiter Du dich in diese Landschaft hinein begibst, desto mehr verändert sich Dein Blick auf sie. Eine Distel leuchtet in grellem Violett, die lehmige Erde steckt voller kleiner Fossilien, Muscheln und Meeresschnecken aus Stein. Aus der wüsten Landschaft wird ein Meeresgrund, die Eintönigkeit wird zu einer Vielfalt an Farben, Gerüchen und Bildern.

Im Sommer wird das Dorf bevölkert von Enkeln, Großeltern, Tanten und Cousinen. Man könnte meinen, alle sind miteinander verwandt. Tatsächlich gibt es etwa vier große weitverzweigte Familien hier und mehrere „kleine“. Auf dem Friedhof wiederholen sich viele Namen auf den Grabsteinen. Ständig muss man Onkel und Tante so-und-so grüßen und die Anzahl an Cousins meines Mannes schien mir anfangs schier unüberschaubar. Nach und nach fand ich heraus, wer „primo hermano“ war (also ein direkter Cousin) oder „primo segundo“ (zum Beispiel der Enkel eines Cousins des Großvaters mütterlicherseits).

Zu Maria Himmelfahrt am 15. August wird es dann richtig voll: El pueblo en fiestas! Eine Woche lang herrscht Ausnahmezustand. Ein Auto nach dem anderen kommt auf den Platz gefahren, die Ankommenden werden begrüsst, später trifft man sich auf ein Bier oder einen Kaffee, erstmal auspacken. Abends verwandelt sich der Dorfplatz in das Festgelände, Bands mit mehr oder weniger spektakulären Kostümen und Bühnenshows covern (mal gut, mal schlecht) Bon Jovi und alle grölen mit: „It´s my Life!“ Irgendwann bleiben nur noch die „Jungen“ übrig. Um sechs Uhr morgens ist die Nacht offiziell vorbei und es wird zur „recena“ gerufen – es gibt belegte Brote für die hungrigen Feiernden. Dann, endlich, kann man ans Schlafen denken. Nach einer ereignisreichen Woche voller spanisch-aragonesischer Folklore und exzessiver Feierei endet das Fest. Erschöpft und verkatert finden sich alle auf dem Dorfplatz zum großen Abschlussessen zusammen, die ersten brechen auf, zurück in die Stadt.

Im Dorf gibt es keinen Laden: der Gemüsehändler, der Bäcker, der Haushaltswarenhändler und der Mann mit den Konserven und Tiefkühlprodukten kommen ein- bis mehrmals die Woche vorbei, wann und wie wissen die Omis und Opis, die hier den ganzen Sommer verbringen. Pünktlich finden sie sich morgens auf dem Platz ein, um ihr Brot zu kaufen. Wer erst kommt wenn er die Hupe des Händlers hört, kann auch mal eine Stunde warten. Also wird ein Stuhl aus der Bar geholt, man hat Zeit. Es wird geplauscht und gelästert. Geheimnisse halten sich nicht lange.

Im Winter liegt das Dorf fast verlassen da. Ein paar Wochenend-Besucher sind da, es riecht nach verbranntem Holz aus den Kaminfeuern. Richtig warm wird es in den alten Häusern nicht. In den Hängen werden Oliven geerntet. Die Bar hat geschlossen, nur an den Feiertagen wird geöffnet. Die Städter kommen und in der alten Dorfschule gibt es wieder Parties mit wilden Besäufnissen und lauter spanischer Schlagermusik.

Im Januar kommt die Stille wieder ins Dorf zurück. Die steilen Straßen gehören wieder den streunenden Katzen und die Steinchen unter deinen Füßen knirschen laut bei jedem Schritt. Das Dorf hält Winterschlaf.

Fettnäpfe

Spain is different hieß es in den sechziger Jahren auf Werbeanzeigen für Spanien. „So ein Quatsch“, meinte meine Mutter, als ich gerade frisch nach Spanien gezogen war und ihr erzählte: „Mama, hier ist alles ganz anders, ich kenne mich garnicht mehr aus“. „Wir sind alle Europäer, und alle Menschen sind gleich.“ Natürlich hatte sie Recht. Spanien gehört zu Europa und alle Menschen leben, lieben, essen, trinken, fühlen und müssen aufs Klo. Aber sie hat auch unrecht, denn seit ich hier lebe, bin ich die Deutsche, bin ich Ausländerin in einem mir fremden Land. Im ersten Jahr hier fiel mir das besonders auf, mittlerweile nur noch bei akuten Fettnäpfchen.

Je mehr ich Land und Leute kennenlernte, desto fremder fühlte ich mich in den ersten Monaten. Nichts konnte ich mehr: Nicht mehr auf die richtige Weise grüßen, den richtigen Tonfall in einer Unterhaltung treffen, über einen Witz lachen. Mir waren die Höflichkeit, der Humor, die Subtilität und mein großer Wortschatz abhanden gekommen. Ich hatte (und habe) einen Akzent der mich immer als Deutsche entlarvt, manche halten ihn für französisch, angeblich würde ich das R so komisch rollen wie die Franzosen, nun ja.

Denken spiegelt sich in der Sprache wieder, sagt man, sagte irgendwer, und je mehr ich von der Sprache lernte, desto mehr sah ich, was für unterschiedliche Konzepte verschiedene Kulturen von ein und derselben Idee haben können. Immer noch verwechsle ich hören und zuhören, aus dem Deutschen kommend reicht mir ein Verb und ein Präfix und in meinem Kopf bleibt auf ewig escuchar für hören eingespeichert. „Ich höre dir nicht zu!“ rufe ich meinem Mann aus dem Wohnzimmer in die Küche zu und unser Besuch lacht, weil das so unhöflich ist, aber das wollte ich ja garnicht sagen.

„Es ist nicht unhöflich, den anderen im Gespräch zu unterbrechen.“ musste ich mir ab und zu vorsagen, um überhaupt zu Wort zu kommen. Die politischen Sendungen im Fernsehen sind ein einziger Gesprächsbrei, alle werden immer lauter, meine eingeschalteten Untertitel sagen Alle reden gleichzeitig und irgendwann, kurz bevor man nichts mehr versteht, greift die Moderatorin ein und bricht alles ab und dann darf jemand einen Satz sagen und sofort fangen alle wieder an sich zu verteidigen, zu schimpfen und versuchen den anderen zu übertönen.

„Fall nicht immer mit der Tür ins Haus“, ermahne ich mich, wenn ich etwas von jemanden möchte. Erst muss man fragen, „Wie geht es Dir?“, und dann muss das Gespräch ein bißchen vor sich hin plänkeln und dann rückt man irgendwann mit seiner Frage raus. Was ich damals wollte, weiß ich nicht mehr. Mittlerweile habe ich zumindest eine Bekannte hier, die in dieser Hinsicht so garnicht spanisch ist, da kann man ohne Umstände gleich sagen, was Sache ist.

Oder wenn man jemanden auf der Straße trifft, stehenbleiben, nicht einfach winken. „Wie geht´s dir?“ muss man sagen und dann gibt es wieder ein kleines Gespräch. Wir leben in einer kleinen Stadt und man muss gut überlegen, ob man ins Zentrum geht, weil man da so viele Leute trifft. Wenn man in Eile ist, ist ein kleiner Umweg manchmal schneller. Wenn Du hingegen Zeit hast, gehst du mitten durch die Stadt und flanierst vor dich hin und an jeder Straßenecke bleibst Du stehen und erzählst von Dir und hörst, was die anderen so machen.

„Nicht so direkt“, erinnere ich mich, wenn mein Gegenüber vor mir zurückschreckt. „Sag der Verkäuferin doch nicht einfach so ins Gesicht, dass Dir die Schuhe nicht gefallen.“ Alle Sachen, die sie mir heranträgt, wollen gelobt werden: „Das ist sehr schön, aber leider steht mir so etwas nicht. Haben Sie vielleicht noch etwas in einem anderen Stil da?“ Manchmal wünschte ich, einfach in einen Schuhladen zu spazieren und mir die Schuhe an- und auszuziehen, wie ich mag und maximal nach der Größe zu fragen. Aber hier muss man auf die Verkäuferin warten, damit sie einem die Schuhe bringt, auf die man in der Auslage zeigt. Und nicht nur im Schuhladen, man wird fast überall ganz altmodisch bedient und manchmal kauft man was, nur weil sich die Verkäuferin solche Mühe gegeben hat. Bei der Wohnungssuche war ich empört, weil die Makler uns anlogen statt zu sagen, „die Wohnung hat jemand anderes bekommen“. Nein, es hieß, der „aktuelle Mieter hat es sich anders überlegt und bleibt doch drin.“ Hat er wohl alle Umzugskisten wieder ausgepackt? fragte ich mich damals.

Und auch nach Jahren noch stehen so viele Fettnäpfchen für mich bereit. Absolut garnicht kann ich mich an die hiesige Art und Weise, in der Schlange zu stehen, gewöhnen. Da bin ich deutsch geprägt, ganz automatisch stelle ich mich überall hinten irgendwo an oder da wo ich glaube, dass hinten ist. Manchmal ist es mir auch zu peinlich in einen Raum voller Leute zu kommen und zu fragen „El último?“. Als könnte ich es irgendwie nicht glauben, dass das wirklich so funktioniert. Gestern stand ich so da, in der Bank und wusste nicht, ist das eine Schlange? Und die da sitzen, haben die einen Termin? Also stellte ich mich „hinten“ an, bis mich eine der Mitarbeiterinnen fragte, was ich bräuchte und ich sagte es ihr. Und dann nahm sie mich mit zu ihrem Schreibtisch und sofort fing eine Frau an zu zetern, dass ich mich vorgedrängelt habe, schon zweimal, dabei wollte ich doch nur wissen, an wen ich mich wenden muss. Und das war mir wirklich noch peinlicher als zu fragen, wer vor mir gekommen ist, das nächste Mal frage ich also laut und deutlich.

Mein Mutter war im Sommer zu Besuch, wir waren im Dorf, im „pueblo“ (das ist nochmal so eine spanische Eigenart und eine andere Geschichte). Jedenfalls waren wir an einem Ort, an den sich niemals ein Tourist verirren würde. Jeder, der dort hinkommt, ist mit irgendjemanden verwandt oder bekannt, sonst hat er keinen Grund, sich dorthin zu verirren. Jedenfalls waren wir da, und alle sprachen sehr laut und bis spät in die Nacht, alle tätschelten die Babies oder nahmen sie gleich auf den Arm, man musste jeden immer grüßen und stehenbleiben und erklären wer man war: „Ich bin die Schwiegertochter von So-und-so, dem Sohn von X, die in der Y-Straße wohnen, ja genau, der Uropa war der Dorfbüttel“. Es war wirklich schwer, ein ruhiges Plätzchen zu finden. Und als wir dann irgendwann endlich mal in der Mittagshitze alleine am Pool saßen, während alle anderen Siesta machten, da sagte meine Mutter: „Du hast Recht, Kathi, in Spanien ist wirklich alles ganz anders.“

Wo die reichen Leute wohnen

Vor einiger Zeit hatten wir uns entschlossen, in die leerstehende Wohnung meiner Schwiegeroma zu ziehen. Eine Mischung aus Geldersparnis und Familiennähe hat uns schließlich dazu bewogen, unser Viertel zu verlassen und den Umzug mit Kind und Kegel in eine neue Umgebung zu wagen. Wenn wir vorher hier zu Besuch waren und die Leute fragten, „Wo wohnt ihr?“, hieß es auf unsere Antwort immer: „Ach, bei den Reichen.“ Bei den Reichen, das war im Zentrum, in Strandnähe, wo zwischen den 60er-Jahre Häuserblöcken immer noch ganze Straßenzüge aus den kleinen kastigen Einfamilienhäuschen gebaut sind, die für Spanien (oder Katalonien?) so typisch sind.

In so einem kleinen alten Häuschen wohnten wir. Genauer gesagt, in der oberen Hälfte, das Haus war nämlich irgendwann mal geteilt worden. Unten wohnte eine kleine Familie, links von uns lebte eine ältere Dame, rechts ein nettes Ehepaar mit ihrem Teenager-Sohn. Letzteren sahen wir in vier Jahren genau einmal. Dafür stand die alte Dame schnell auf ihrem Balkon, sobald sie uns auf ebensolchem hörte und war bereit für ein Schwätzchen.

Zu der Straße gehören noch zwei Brüder über achtzig, die gerne gegen fünf Uhr morgens in ihren Landrover steigen, um Wildschweine jagen zu gehen und wegen denen man immer etwas in Sorge war, dass sie sich oder jemand anders aus Versehen erschießen könnten. Wie gesagt, die beiden sind über achtzig. Des Weiteren gibt es noch den sehr alten Herrn L, der im Sommer den ganzen Tag auf einem Klappstuhl auf dem Bürgersteig sitzt und Sardanas aus einem kleinen tragbaren Radio hört. Mit einem kratzigen „Adéu“ grüßt er tagein, tagaus die Vorbeigehenden.

So idyllisch, so klein und teuer die Wohnung. Auf zweieinhalb Zimmern und ebensovielen Treppen wurde es uns mit den Mädels einfach zu eng. Also packte ich schweren Herzens des Nachts eine Menge Umzugskartons. Tagsüber machten wir uns daran, Abuelitas Wohnung etwas in Schuss zu bringen. Daraus wurde ein zweiwöchiger Gewaltakt: Die Familie des Mannes hat nämlich einen Hang zum Hamstern. Alles, was man „irgendwann sicher noch mal gebrauchen kann“, wird also verstaut, aufbewahrt und in unserem Fall erneut begutachtet. Je nach Befund durften die vielen vielen Kinkerlitzchen und die leicht ramponierten Oma-Möbel also entsorgt werden – oder sie wurden irgendwo anders wieder verstaut und warten seitdem vertrauensvoll auf ein zweites Leben. Aber irgendwann war die Wohnung tatsächlich leer (bis auf die paar Sachen, die wir behalten haben) und wir konnten endlich streichen und uns an den eigentlichen Umzug machen.

Seitdem könnte man meinen, wir wären in eine andere Stadt gezogen. Wir sind nicht mehr fünf Minuten vom Strand entfernt, sondern eine stramm spazierte halbe Stunde. Unsere Wohnung liegt nicht mehr in einem alten Häuschen, bei dem es bei starkem Regen durchs Dach tropft und eine Ameisenkolonie uns einmal im Jahr besucht. Die neue Wohnung ist in einem dieser (ähem, etwas häßlichen) 60er-Jahre-Wohnblocks. In der Nachbarschaft um uns herum leben vor allem Andalusier, Chinesen, Araber, Afrikaner und Gitanos. Wenn ich Samstags aus dem Fenster schaue, gibt es vielleicht eine Hochzeit im andalusischen Stil mit Sevillanas tanzenden Brautleuten, afrikanische Familien flanieren in wunderschöne traditionelle Stoffe gekleidet zum Park und von irgendwoher höre ich eine Gitana zur elektrischen Orgel Flamenco singen.

Rund um den Platz dekorieren sich jeden Nachmittag die älteren Herrschaften auf den Bänken und schauen und reden. Die Straße weiter runter streiten sich zwei Männer, und angeblich wurde sogar ein Messer gezückt, sagen die Kellner von der Bar an der Ecke. Bei religiösen Anlässen werden große Marienstatuen in unterschiedlich gut besuchten Prozessionen durch die Straßen getragen. Es gibt einen andalusischen Heimatverein, Halal-Fleischereien und einen chinesischen Supermarkt. Der nächste selbstbackende Bäcker ist zwanzig Gehminuten entfernt und im Mercadona gibt es kein einziges Bio-Produkt. Ein Glück wurde vor einer Woche Feta-Käse neu ins Sortiment aufgenommen, den hatte ich vorige Woche noch vergeblich gesucht.

Hier herrscht ein ständiges Stimmengewirr aus allen möglichen Sprachen und bis abends um zehn hört man die Kinder auf dem Spielplatz toben. Vom Balkon aus sehe ich riesige Brandschutzwände aus Asbest und niemand weiß, ob die jemals abgetragen werden, weil die Kosten in Spanien allein beim Eigentümer liegen. Also hoffe ich, dass die in den nächsten Jahren nicht irgendwie korrodieren und unterdrücke meine Sorge um eventuelle Partikelchen in der Luft.

Wie stark beeinflusst ein Wohnort das Leben? Viele Leute aus dem Barrio gehen nur selten ins Stadtzentrum, im Viertel hat es alles, was sie brauchen. Aber hier gibt es keine Bio-Windeln, kein Müsli oder Frühstücksflocken ohne Zucker und die meisten Säfte im Sortiment würden in Deutschland unter „Nektar“ laufen. Ein bißchen ist es, wie als wir damals nach Neukölln zogen, kurz vor der Gentrifizierung und ihren Burger-Bratereien, Bio-Produkten im Supermarkt, Galerien und Second-Hand-Läden. Es gibt viel frisches Gemüse, das meiste sicher aus Spanien, wenn auch aus dem Süden. Wenn man darauf achtet, kann man sicher auch hier sehr gut regional einkaufen. Die Kollegen meines Mannes sagen, ich wäre eine „pija“, also irgendwas zwischen Schnöselig und versnobt, wenn ich davon erzähle. Dabei ist ja garnicht mein Punkt, dass ich mich beschwere, was es hier nicht gibt, sondern dass den Menschen der Zugang zu bestimmten Produkten erschwert wird. Bio muss man sich natürlich auch leisten können. Trotzdem ist es schon etwas umständlich für ein paar Windeln einen Abstecher ins Zentrum zu machen. Als ich gestern mit den meinen zwei Paketen Windeln auf dem Arm nach Hause spazierte, hielt mich eine Schwangere an und fragte, wo ich die her hätte. „Vom Bio-Supermarkt im Zentrum“ seufzte ich. „Ach so…na immerhin gut zu wissen, sonst bringt mir meine Mutter immer welche aus der Nachbarstadt mit“, sagte sie. Und genau darum frage ich mich, wie sehr der Wohnort eine bestimmte Lebensweise unterstützt oder eben erschwert oder sogar die Gesundheit beeinträchtigt.

Wenn ich jetzt ins Zentrum spaziere, fällt mir vor allem auf, wie wenig Menschen auf den Straßen sind. Alles ist sauber und ordentlich. Abends werden die Bürgersteige hochgeklappt, außer auf den Terrassen der Bars sieht man kaum jemanden. Es ist ruhig, ein bißchen langweilig und beschaulich. Auf den Straßen hört man hauptsächlich katalanisch und zu den Festivitäten gibt es mehr Gegantadas zu sehen als Marienstatuen.

Wer weiß, wohin es uns in den nächsten Jahren verschlägt? Jetzt versuchen wir erstmal hier anzukommen, in dieser neuen alten Umgebung.

Die Babies übernachten auswärts. Ein Drama in drei Akten.

Erster Akt: Der gute Plan.

„So“, sagte der Mann, „wollen wir die Babies nicht bald mal eine Nacht bei den Großeltern lassen?“ Wir waren zu einer Hochzeit eingeladen und dachten, jetzt oder nie! – irgendwann ist immer das erste Mal. Schwiegermutter lag uns schon seit Bekanntgabe der Schwangerschaft (sic!) in den Ohren, dass sie die Kleinen auch mal eine Nacht nehmen könnte. Bei ihrer Schwester schlief die Enkeltochter schon, seit diese vier Monate alt war und allerorts sahen wir auf einmal zufriedene Eltern, die sich ab und zu mal eine Nacht alleine gönnten. Also dachten wir: Hey, die zwei sind jetzt über ein Jahr alt, sie stillen nicht mehr alle zwei Stunden und im Kindergarten schlafen sie mittags ja auch ohne Mama ein – lass uns auf der Hochzeit einen drauf machen, ins Hotel gehen und am nächsten morgen minimal verkatert die Babies abholen!

Natürlich mussten wir das vorher mal proben. So oft sehen die beiden ihre Yayos ja auch wieder nicht und falls was sein sollte, wären wir in der Nähe und innerhalb von einer halben Stunde da.

Gesagt, getan. Nach mehreren Monaten (Großeltern und Rentner, die haben ja nie Zeit, wa) hatten wir endlich einen Termin gefunden. Vor lauter Aufregung kabbelten der Mann und ich uns schon Tage vorher, wegen meiner Aussage, dass es mir nicht so leicht fiele, die beiden einfach so abzugeben. Spielte da ein kleiner Anflug von Eifersucht auf meine ungeteilte Aufmerksamkeit mit? Ich denke schon. Schließlich habe ich im Babytaumel den Mann zuweilen grob vernachlässigt, solange er mich beim Stillen nicht mit „Oh Gott, ich brauch Wasser, sofort!“ und „Haben wir noch Schokolade?“ versorgte. Er freute sich auf einen Abend als Paar, während ich mir Sorgen um die Babies machte?! Bei den Großeltern wären sie doch super aufgehoben. Ich hob meine Mama-Instinkt-Augenbraue und sagte nix. „Wenn was ist, können wir sie ja immer noch abholen“ sprach der Mann. Na gut. An besagtem Abend spazierten wir mit den Babies zu den Großeltern. Zufrieden zerspielten sie unter den begeisterten Blicken der Yayos die Wohnung und wir machten uns kurz vorm Abendessen auf den Weg zurück in die Stadt.

Zweiter Akt: Wir schlafen.

Auf dem Weg überlegten wir euphorisch, was wir alles machen könnten. Alle Ideen, die mit lange aufbleiben zu tun hatten, verwarfen wir sofort. Unsere Favoriten waren: Lecker essen gehen oder zu Hause aufs Sofa lümmeln und ein bißchen Eurovision gucken. Wir gingen essen, um die neugewonnene Freiheit auch wirklich gut auszunutzen. Ab und zu warf ich einen Blick aufs Handy. „Meine Eltern werden nicht anrufen, auch wenn sie kein Auge zumachen“, sprach der Mann.

Als wir nach Hause kamen, gab es noch die Punktevergabe von Eurovision im Fernsehen. Wir hielten tapfer durch, bis der Sieger bekannt war. Die Handys blieben still. Schien ja alles gut zu sein, ein Glück! Dann fielen wir todmüde ins Bett. Schön, mal wieder ganz entspannt neben dem Mann zu schlafen. Keine kleinen Tretfüßchen und keine Stillunterbrechungen. Trotzdem wachte ich mehrmals in der Nacht auf.

Am  nächsten Morgen schmerzen meine Brüste wie beim Milcheinschuss und wir haben vier Anrufe in Abwesenheit von den Schwiegereltern. Uhrzeit 2:26, 2:27, 2:32 und 2:38. Dazu eine WhatsApp gegen sechs Uhr morgens: „Allesgut“. Das hört sich genau nach dem Gegenteil an, denke ich und habe sofort ein schlechtes Gewissen. Mist. Wieso habe ich das nicht gehört? frage ich mich und dann fällt es mir ein: Im Restaurant hatte ich das Handy auf lautlos gestellt. Oh nein oh nein oh nein. Wir haben tief und fest geschlafen, und bei Schwiegerelters war Babydrama! Ein Foto von unseren zufrieden essenden Töchtern wird geschickt und beruhigt mich etwas. Puuuuh, das sieht ja ganz gut aus…trotzdem: Kaffee und los, die Babies holen. Mein Körper drängelt auch: Über Nacht hat sich mein Brustumfang verdoppelt und meine Brüste fühlen sich an wie beim Milcheinschuss.

Dritter Akt: Das Wiedersehen.

Unsere Babies sind also nicht diese Wunderkinder, die das erste Mal woanders übernachten und dann plötzlich durchschlafen. Nein, sie sind, wie ganz normale Stillbabies, irgendwann in der Nacht aufgewacht (abwechselnd, gleichzeitig, je nach Uhrzeit) und haben lautstark nach Mamas Brust verlangt. Als sie diese nicht gleich fanden, sind sie nur unter Tränen und Großmütterlichen herumgetrage wieder eingeschlafen, während Großvater das jeweils schlafende Kind bewachte. Auf die Aussagen der Großeltern, wer wann wieviel geschlafen hat, können wir uns nicht verlassen, da meine Schwiegereltern zum Typ: „Die ganze Wahrheit könnt ihr nicht vertragen“ gehören. Angeblich haben die Babies mindestens sechs Stunden geschlafen. Die Großeltern, man sieht es ihren Gesichtern an, gar nicht, auch wenn sie es nie zugeben würden. Wir wissen nur: Wenn es nicht wirklich dramatisch schwierig gewesen wäre, zwei schreiende Babies zu beruhigen, hätten sie niemals versucht nachts um halb drei anzurufen.

Nachdem ich zur Tür reinkam, stürzten sich meine beiden Mädchen erstmal auf mich und tranken, tranken, tranken. Dabei versprach ich ihnen hoch und heilig, sie erst wieder woanders übernachten zu lassen, wenn sie es wollen. Der Mann war etwas geknickt ob des Ausgangs dieses Experiments. Er hatte ja noch ein kleinen Funken Hoffnung gehabt, dass sie vielleicht einfach durchschlafen. Die Schwiegermutter hat sämtliche Übernachtungspläne aufgegeben und findet Stillen jetzt „ganz schrecklich“, mit Fläschchen wäre das ja nicht passiert. Mit dieser Aktion ist mir also gleich noch mein Vorzeige-Status als Stillmama abhanden gekommen. Immerhin weiß ich jetzt, dass ich mich weiterhin am besten auf meinen Instinkt verlasse, und wenn der mir sagt, die Babies sind noch nicht so weit für dieses oder jenes, dann lassen wir es einfach. Und wenn anderer Leute Wunderbabies problemlos irgendwo durchschlafen, dann bleibt mir nur eins übrig: Den Eltern von Herzen ein paar schöne Abende zu zweit zu wünschen.

Et hät noch immer jot jejange!

Diese kölsche Redensart hat mich als alte Rheinländerin das erste Babyjahr begleitet. Egal, durch wie viele schlaflose Nächte und vermurkste Tage wir schlidderten, tief in mir drin wusste ich: Irgendwann geht das auch vorbei. Und dann merken wir, das wir das alles eigentlich total gut hingekriegt haben, für einen ersten Versuch.

„Nach dem ersten Jahr wird alles besser“

Dieses uralte Mantra trugen uns Zwillingseltern (und eigentlich alle Eltern mit Kindern von über einem Jahr) aus dem Bekanntenkreis bereits in Zeiten vor, als wir noch übernächtigt und vollkommen überwältigt von unserem plötzlichen Elterndasein waren. Welterfahren und mit allen Wassern gewaschen standen sie vor uns und warfen uns so ein paar Bröckchen Mut und Durchhalteparolen hin, die wir uns in anstrengenden Momenten immer wieder vorsagten: Nach dem ersten Jahr wird alles besser! Und wenn sie dann erstmal Laufen können! Und sprechen! Und was, zur Schule gehen, ausziehen, zur Uni und eine eigene Familie gründen oder wie?

Aber ja, sie hatten recht. Die Babies hatten ihren ersten Geburtstag und es ist wirklich alles „besser“. Je nach Betrachtungsweise kann das allerdings alles und nichts bedeuten: Sobald eine anstrengende Phase vorbei ist, schaue ich schon mit Herzchen in den Augen zurück. „Ach, war das süß als sie drei (vier, fünf, sechs…) Monate alt waren!“ denke ich, wenn ich andere, kleinere, Babies sehe. Gleichzeitig sehe ich in einem Zustand der Dauerverliebtheit meinen Damen dabei zu, wie sie die Welt entdecken und jeden Tag etwas neues lernen. Wahnsinn, wie viel zwei so kleine Wesen abgucken, anschauen, anfassen (und essen) wollen!

Was soll dieses „besser“ denn nun sein? Erstens sind wir in unser Elternsein hineingewachsen. Sätze wie: „Das sind meine Kinder“ oder „Ich bin Mutter von zwei Kindern“ fühlten sich im ersten Jahr noch ganz fremd in meinem Mund an. Mittlerweile bin ich ganz selbstverständlich Mama und wir vier sind, wirklich und wahrhaftig, eine Familie.

Et bliev nix, wie et wor

Wir haben uns eingespielt, wissen meistens, was zu tun und einzukaufen ist, packen die Wickeltasche im Schlaf und haben immer meistens ein paar Bananen dabei. Wir wissen, durch welche Ladentüren der Doppelkinderwagen passt, wann wir Zeit für ´nen Kaffee haben (und wann besser nicht) und wo die Spielplätze mit den Babyschaukeln sind.

Zweitens lernen wir unsere Kinder jeden Tag ein bißchen besser kennen. Wir staunen darüber, daß so kleine Wesen jetzt schon so verschieden sein können. Wir kommunizieren mit ihnen über Mimik, Laute und Gestik und freuen uns mit ihnen gemeinsam, wenn sie sich uns verständlich machen können. Wir wissen, welche gerne wild herumgewirbelt wird und welche am liebsten allein auf Entdeckungsreise geht. Jeden Tag zeigen sie uns uns ein Stück mehr von sich und entwickeln sich zu willensstarken kleinen Persönlichkeiten.

Drittens haben wir gelernt loszulassen, die beiden machen zu lassen und sie auch mal vertrauensvoll in andere Hände abzugeben. Spätestens seit sie in den Kindergarten gehen, sind wir überzeugt, dass es uns allen gut tut, das Mutter-Vater-Kind-Universum um die liebevollen Erzieherinnen und liebestollen Großeltern zu erweitern. Das Wissen, dass die zwei es auch eine Weile ohne uns aushalten wird uns jeden Tag durch zwei zufriedene Kindergartenbabies bestätigt. Mitzubekommen, wie sie mit anderen Kindern und Erwachsenen interagieren, wie eigenständig sie schon sind und wie sie sich auch anderen verständlich machen können, macht mich wirklich stolz! Und dass sie im Kindergarten auch gleich noch eine dritte Sprache im Alltag meistern, ist etwas ganz besonderes. Unglaublich, dass sie jetzt schon deutsch, spanisch und katalanisch verstehen!

Viertens können sie sich auch mal ein paar Minuten selbst beschäftigen. Zu Hause wird konzentriert gehämmert, Bücher angeschaut, die Puppenkiste ausgeräumt und eifrig „Wäsche sortiert“. Sie sind mobil und holen sich das, was sie gerade interessiert. Sie suchen natürlich noch häufig meine Nähe, wollen gestillt werden oder möchten, dass ich mit ihnen spiele. Nach einer Weile ist es dann aber völlig in Ordnung für sie, wenn ich aufstehe, einen Kaffee trinke oder ein bißchen aufräume. Hinter dem großen oder kleinen Bildschirm zu verschwinden ist allerdings tabu, das mögen sie verständlicherweise garnicht. Laptop und Handy versuche ich aber sowieso so selten wie möglich in ihrer Gegenwart zu benutzen. Wie auch immer, in Punkto Selbstständigkeit hat uns das vollendete erste Lebensjahr ein großes Plus mitgegeben.

Das alles zusammen erleichtert unseren Alltag enorm. Weniger anstrengend ist es dadurch allerdings nicht – aber irgendwie wuppen wir das jetzt. Das wichtigste dabei: Wir müssen nicht alles richtig machen. Und die Kinder erst recht nicht. Wir haben uns von unrealistischen Idealen verabschiedet (vor allem am Esstisch) und lassen die Tage in einer Mischung aus Improvisation und überlebenswichtigen Ritualen auf uns zu kommen. Irgendwie geht´s immer.

Tage, an denen wir uns einfach nur so durchhangeln und versuchen, uns gegenseitig an Müdigkeit zu übertrumpfen, gibt es immer noch. Wenn die Kinder krank sind. Wenn einer von uns einfach nicht mehr kann. Dann kommen wir als Eltern und als Paar an unsere Grenzen. Wir haben uns schon mehrmals gegenseitig zum Teufel (und wieder zurück) gewünscht… Schlecht gelaunt murmeln wir uns dumme Ratschläge zu oder schachern wie zwei Marktweiber um ein paar freie Minuten. Der Mann hat mir schon gestanden, dass er früher nie verstehen konnte, wie sich zwei frischgebackene Eltern trennen können – jetzt könne er es zumindest nachvollziehen. Und auch in meinem Kopf meldet sich ab und zu eine verbiesterte Hexe zu Wort: „Wie, der kann jetzt nicht mehr?! Ha! Da komm ich doch als Alleinerziehende besser klar!“ (Käme ich sicherlich nicht, großer Respekt für alle alleinerziehenden Mütter und Väter!) Manchmal räumen wir auch nur mit grimmigen Gesicht schweigend gemeinsam auf und sparen uns jedes Wort, weil wir wissen: Eigentlich sind wir ja garnicht sauer aufeinander, sondern beide einfach nur todmüde. Dann reißen wir uns noch zu einem „Gute Nacht, mein Schatz“ zusammen und fallen ins Bett. Solche Tage vergehen zum Glück auch 🙂

Jetzt sind wir also selber mit allen Wassern gewaschene und erprobte Zwillingseltern und können allen, die da noch kommen, sagen: „Es wird nicht alles besser, aber alles wird gut!“.

Tschüss, Erwachsenenwelt!

Früher dachte ich großspurig: Also, ich werde sicher nicht zu den Eltern gehören, die spurlos verschwinden, sobald die Babies da sind. Na-ha-ha-hain, ich werde auch mit Babies Teil des Erwachsenenkosmos bleiben. Heute freue ich mich über Babies, die pünktlich im Bett sind – und meistens bleibe ich gleich daneben liegen. Wer hätte gedacht, dass es so verdammt schwierig ist, Kinder in den Alltag zu integrieren – oder eher, den Alltag mit Kindern irgendwie hinzubekommen.

Sobald die Babies da waren (und eigentlich schon in den letzten Schwangerschaftswochen) verließ ich die Erwachsenenwelt und trat ein ins Mama-Rentner-Hundeherrchen-Universum. Während ich die freie Zeit in den letzten Schwangerschaftswochen sehr genoss und voller Vorfreude auf die Babies war, hatte ich doch nicht damit gerechnet, als Mama mit zwei Babies so viel alleine zu sein. Auf einmal hockte ich den ganzen Tag mit den beiden zu Hause und zählte die Stunden, bis der Mann von der Arbeit kam. Nie waren die Tage zäher, dabei flogen die Wochen nur so dahin. Ab und an schielte ich neidisch auf die Einlingsmamis, die mit ihrem Tragebaby mal flugs aus dem Haus waren, während ich noch den Doppelkinderwagen die Treppe hinunterwuchtete.

Unser Leben als Höhlentierchen

Die ersten Wochen mit den Babies sind wir also, wie alle Eltern wahrscheinlich, erstmal untergetaucht. Der Mix aus Schlafmangel, Glückshormonen und Adrenalin hätten alle ernstzunehmenden Gespräche sowieso unmöglich gemacht. Jegliche Aufmerksamkeit wurde von unseren zwei neuen Mitbewohnerinnen absorbiert. Wie alle Säugetiere habe ich mich in dieser Zeit vor allem mit den Babies zu Hause eingemummelt und meine schützende Höhle eher selten verlassen. Der Mann streifte bisweilen auf der Jagd nach Essen durch die Straßen und lungerte übermüdet in Ämtern herum.

Als wir wieder zurechnungsfähig waren, haben wir uns dann mehr und mehr vor die Tür gewagt und zahlreiche sommerlich laue Nachmittage im Café zwei Straßen weiter verbracht. Weiter trauten wir uns am Anfang irgendwie nicht. Die schützende Höhle war im Zweifel durchdringenden Doppelgeschreis in drei Minuten Laufschritt zu erreichen, außerdem gab es dort andere Eltern. Die waren schon richtige Profis und nahmen mir meine anfängliche Still-Schüchternheit. Dank der anderen Stillmamis habe ich mich gleich viel wohler gefühlt. Gegen sieben Uhr abends klatschten wir mit den eintreffenden kinderlosen Freunden kurz ab und gingen nach Hause. Schön war das.

Danach gab es eine Phase, in der wir abends ziemlich oft draußen essen gingen, die Sommernächte waren so warm und die Babies hatten sowieso noch keinen richtigen Schlafrhythmus. So gab es wenigstens ab und zu etwas leckeres zu essen. Unsere Kochkünste haben ja, seit die Babies da sind, rapide abgenommen (es wird aber wieder besser).

Tja, und dann kam dieser ominöse Rhythmus und hat uns Abends nach Hause verbannt. Interaktionen mit anderen erwachsenen Menschen haben sich also weitestgehend auf tagsüber verlagert. Diese beschränkten sich für mich lange Zeit auf ein munteres Zunicken mit anderen Zwillingseltern und Zwillingsphrasendreschen mit „netten älteren Damen“ beim Spaziergang. Darum freue ich mich auf den Sommer, weil sich dann alles Leben wieder nach draußen verlagert und man sämtliche Freunde und Bekannte in den Bars und Cafés oder am Strand trifft, mit oder ohne Kinder.

Zeit für mich

Die Male, die ich während der Baby-Auszeit ohne Babies unterwegs war, kann ich an einer Hand abzählen: Einer Freundin am Computer geholfen, beim Supermarkt, beim Friseur, einmal sommerschön machen bei der Kosmetikerin und einmal duschen, ohne das jemand im Haus war. Jetzt sind die zwei nachmittags im Kindergarten und ich habe die ersten Tage wirklich genossen. Während der Eingewöhnung haben wir uns mit dem Laptop ins Café nebenan gesetzt und das erste Mal in Ruhe einen Kaffee getrunken, zu Mittag gegessen und uns dann auf die Babies gefreut.

Und damit ist diese besondere, ausschließliche Babyzeit auch schon wieder vorbei. Habe ich die Zeit genossen? Ja! Bin ich ein bißchen wehmütig? Ja! Gefühlt habe ich die beiden vorgestern geboren, gestern haben sie sich das erste Mal auf den Bauch gedreht und heute können sie schon fast laufen! Bin ich froh über meine wiedergewonnene Zeit für mich? Auch! Und ich genieße umso mehr die Momente, die ich mit den beiden zusammen bin ♥

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