Meer und große Steine
Leben in Spanien

Leben, wo andere Urlaub machen

“Leben, wo andere Urlaub machen! Das wollte ich auch immer!” höre ich öfter auf meinen Heimatbesuchen. Ja, und warum hast Du es nicht gemacht? Weil wirklich auszuwandern, auf Zeit oder für immer, eben gar nicht so einfach ist…

Hätte mir das mal jemand vorher gesagt! Oder vielleicht besser nicht?

Leben, wo andere Urlaub machen, ist alles mögliche, aber kein Urlaub. Du hast keine Pause vom Alltag, sondern bist mittendrin. Du kannst dich nicht mit deiner besten Freundin auf einen Kaffee treffen, sondern ihr erwischt euch mit viel Glück am Telefon. Du schaffst es nicht jeden Tag ans Meer, wie du es dir vorgenommen hast, sondern eher mal am Wochenende. Da ist der Strand genauso voll wie euer örtliches Freibad im Hochsommer.

Leben, wo andere Urlaub machen, bedeutet, dass Du neben rotverbrannten halbnackten Touristen im Supermarkt stehst und überlegst, ob du noch Klopapier zu Hause hast.

Leben, wo andere Urlaub machen, heisst, vaya, seine Steuererklärung abzugeben, wo andere Urlaub machen. Müll runterbringen, schreiendes Kind beruhigen, Spülmaschine ausräumen – während andere durch die Stadt schlendern und das “mediterrane Leben” mit Tapas, Paella und Wein genießen. “Olé!” oder wie sagt man hier?

Alles nur Klischee?

Leben, wo andere Urlaub machen, ist anstrengend. Du musst neue Freunde finden, dich einleben und irgendwie integrieren (was auch immer das heißt). Du trittst in Fettnäpfchen, ohne es zu bemerken. Du musst deinen exotischen Vornamen buchstabieren und dir fehlt ein Nachname. Wenn Du in Deutschland eher klein warst, bist du hier eher groß. Du bist “die Deutsche” und deine direkte “nordeuropäische” Art kann die Menschen hier ganz schön irritieren. Ist das typisch deutsch oder ist das dein Charakter? Das weiß hier niemand so genau, nicht einmal du selbst.

Das deutsche Sonntagsfrühstück wird durch den Vermut auf einer Terrasse ersetzt, bis Du leicht angeduselt zum Mittagessen aufbrichst (du solltest endlich mal anfangen, Meeresfrüchte zu mögen). An den neuen Tagesrhythmus mit der Siesta am Mittag (und den entsprechend geschlossenen Läden in der Innenstadt) musst du dich erst gewöhnen, dann lernst du die zwei bis drei ruhigen Stunden am Mittag zu schätzen, sogar sehr. Du verabredest dich mit einer Freundin auf einen Kaffee und auf einmal seid ihr zu fünft. In der Gruppe ist einfach alles schöner, oder?

Ich kann spanisch! oder: Habe ich das gerade richtig gesagt?

Leben, wo andere Urlaub machen, schenkt dir neue Denkweisen. Du hast eine Sprache gelernt und bekommst eine zweite gratis dazu. Du merkst, wie präzise die deutsche Sprache mit ihren Wort-Aneinanderkettungen ist und wie anders eine Sprache funktioniert, die für jeden Begriff ein ganz eigenes Wort hat. Und dieses Wort kann dann mehrere Bedeutungen haben: Mit einem einfachen “te quiero” deckst du die gesamte Bandbreite von “Ich mag Dich” hin zu “ich liebe Dich” ab.

Dein Wortschatz ist nicht immer groß genug, um genau das auszurücken, was du möchtest. Deine Sprache verliert ihre Nuancen, das Subtile und vor allem der Humor ist häufig “Lost in Translation” (Ob die Deutschen deshalb in so vielen Ländern als humorlos gelten?). Nicht immer kannst du allen Gesprächen folgen. Mit deinem Akzent wirst du gleich als Ausländerin entlarvt, und du fragst dich, wie du mit dem gleichen Sprachniveau auf deutsch klingen würdest.

Was du für selbstverständlich hältst, wird hier ganz anders gemacht. Ein klares “Nein” wirkt fast wie eine Beleidigung. Bei der Wohnungssuche lernst Du, dass es höflicher ist, kleine Lügen loszulassen (“Oh, am Ende bleibt der bisherige Mieter doch in der Wohnung”) anstatt dich vor vollendete Tatsachen zu stellen (“Die Wohnung hat jemand anderes bekommen”). Bis du dich daran gewöhnst, dass man hier erst das dritte “Nein, danke” akzeptiert, hat man Dir schon dreimal den Teller wieder aufgefüllt und die Küche aufgeräumt. Sich ins Wort zu fallen gilt nicht als unhöflich. Und ja, man muss sehr laut sprechen, um gehört zu werden.

Palmen sind immergrün

Leben, wo andere Urlaub machen, lässt Dich aus dem Nichts Anfälle von Heimweh nach dem deutschen Wetter bekommen. Glaubt einem auch keiner, aber: In deinem Kopf wird aus diesem fisseligen deutschen Nieselregen ein kuscheliger Tag auf dem Sofa mit Tee und Waffeln; der Herbst ein einziges Drachensteigenlassen und buntes Blätterrascheln. Der Winter wird mit puderzuckrigem Schnee, Poffertjes und Weihnachtsmarkt garniert – und der Frühling?

Oh! Vom ersten Schneeglöckchen bis zu den Osterglocken und Krokussen auf dem taufrischen Gras ist der Frühling ein einziges Fest! Am ersten Frühlingstag liegt etwas ganz besonderes in der Luft, alle kommen aus ihren wintermuffigen Wohnungen gekrabbelt und halten das Gesicht in die Sonne: Aaaaah! Der deutsche Sommer mit seinen milden Temperaturen ist eine einzige lange Radtour zum See und wird gelegentlich durch einen lauen Sommerregen unterbrochen…hachja!

Zugegebenermaßen hält das Wetter-Heimweh nur so lange an, bis ich wieder in den wirklich fast jeden Tag blauen Himmel blicke und bemerke, dass ich im Oktober immer noch ohne Jacke und in Sandalen an der Strandpromenade entlang spaziere.

Menschen, die einem fehlen

Leben, wo andere Urlaub machen, ist: weit weg zu sein von geliebten Menschen. Die beste Freundin, mit der Du dich auch ohne viel Worte verstehst, ist weit weg. Deine Schwester und dein Bruder leben ihr eigenes Leben ganz ohne dich. Deine Babies lernen Oma und Opa, Tanten und Cousinen zunächst bei Skype, WhatsApp, Telefon oder E-Mail “kennen”. Und trotzdem verpassen wir so viel voneinander, weil wir ja auch leben müssen und nicht ständig am Handy hängen und dokumentieren können, wie es hier oder dort gerade ist. Seit die Babies da sind, erst recht nicht. Das ist nicht immer leicht, weder für dich, noch für die Daheimgebliebenen.

Schluss mit dem Gejammere!

Leben, wo andere Urlaub machen, macht Dich um eine Erfahrung reicher. Du siehst, lebst, denkst anders. Du nimmst dich mit in eine neue Umgebung und schaust was sie mit dir macht. Du bleibst Du und wirst doch jemand anders.

Du begegnest vielen neuen Menschen. Dadurch, dass der Mann von hier ist, haben wir schnell Anschluss gefunden und wurden mit offenen Armen und einem herzlichen Lächeln empfangen. Das hat es uns leichter gemacht, hier anzukommen. Gracies, nois!

Auch wenn Du jeden Tag das Meer siehst, der Himmel fast jeden Tag strahlend blau ist und es scheint, dass Du dich daran gewöhnt hast: Ab und zu schaust du dich auf einmal um, auf die Wellen, die Palmen und den Strand und dein Kopf macht Urlaub. Du merkst bei jedem Besuch aus Deutschland, wie sehr du dich schon eingelebt hast, und kannst immer wieder darüber staunen. An manchen Tagen erwischt es dich aus heiterem Himmel: Das ist wirklich wahr, dass ich jetzt hier lebe.

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