¡hola!kat

Mein Katalonien: Zwillinge, Mittelmeer und andere Abenteuer

Tag: Alles nur Klischee?

Steinige Landschaft mit Olivenbaum

Vamos al pueblo

“Wo fährst Du diesen Sommer hin?”, fragt man sich, wenn die Hitze zu schwer wird und die großen Ferien beginnen. “Vamos al pueblo”, antworten wir und schon wissen alle Bescheid.

El pueblo, das bedeutet vielen Menschen eine zweite Heimat. Hier kommen sie “eigentlich” her, hier haben ihre Familien mehrere Generationen lang gelebt, bevor ihre Eltern und Großeltern in den 60er Jahren in die Städte zogen.

Die Enkel tragen das Dorf weiterhin im Herzen, in Erinnerung an endlos lange Sommerferien mit den Großeltern, in denen sie mit ihren Freunden den ganzen Tag durchs Dorf stromerten und in alten Ziegenställen Hütten bauten.

“Unser” Dorf liegt am Ende einer Straße, inmitten einer steinigen Mondlandschaft. Nachts sieht man unzählige Sterne leuchten und der Wind trägt die Stimmen der Nachbarn zu uns ans Fenster. Im Morgengrauen und der Abenddämmerung kann man mit etwas Glück eine Herde wilder Ziegen auf den schotterigen Straßen entdecken, die in die Landschaft hineinführen. Geht man eine Weile darauf spazieren, sieht man irgendwann die Geier über sich am Himmel kreisen, manch einer sitzt auch, ganz Klischee, auf einem abgestorbenen Ast hoch oben am Hang und blickt auf Dich herab. Abseits der Wege knistern die trockenen Sträucher unter Deinen Füßen, ein staubiger Duft nach wildem Thymian und Lavendel steigt Dir in die Nase.

Je weiter Du dich in diese Landschaft hinein begibst, desto mehr verändert sich Dein Blick auf sie. Eine Distel leuchtet in grellem Violett, die lehmige Erde steckt voller kleiner Fossilien, Muscheln und Meeresschnecken aus Stein. Aus der wüsten Landschaft wird ein Meeresgrund, die Eintönigkeit wird zu einer Vielfalt an Farben, Gerüchen und Bildern.

Im Sommer wird das Dorf bevölkert von Enkeln, Großeltern, Tanten und Cousinen. Man könnte meinen, alle sind miteinander verwandt. Tatsächlich gibt es etwa vier große weitverzweigte Familien hier und mehrere “kleine”. Auf dem Friedhof wiederholen sich viele Namen auf den Grabsteinen. Ständig muss man Onkel und Tante so-und-so grüßen und die Anzahl an Cousins meines Mannes schien mir anfangs schier unüberschaubar. Nach und nach fand ich heraus, wer “primo hermano” war (also ein direkter Cousin) oder “primo segundo” (zum Beispiel der Enkel eines Cousins des Großvaters mütterlicherseits).

Zu Maria Himmelfahrt am 15. August wird es dann richtig voll: El pueblo en fiestas! Eine Woche lang herrscht Ausnahmezustand. Ein Auto nach dem anderen kommt auf den Platz gefahren, die Ankommenden werden begrüsst, später trifft man sich auf ein Bier oder einen Kaffee, erstmal auspacken. Abends verwandelt sich der Dorfplatz in das Festgelände, Bands mit mehr oder weniger spektakulären Kostümen und Bühnenshows covern (mal gut, mal schlecht) Bon Jovi und alle grölen mit: “It´s my Life!” Irgendwann bleiben nur noch die “Jungen” übrig. Um sechs Uhr morgens ist die Nacht offiziell vorbei und es wird zur “recena” gerufen – es gibt belegte Brote für die hungrigen Feiernden. Dann, endlich, kann man ans Schlafen denken. Nach einer ereignisreichen Woche voller spanisch-aragonesischer Folklore und exzessiver Feierei endet das Fest. Erschöpft und verkatert finden sich alle auf dem Dorfplatz zum großen Abschlussessen zusammen, die ersten brechen auf, zurück in die Stadt.

Im Dorf gibt es keinen Laden: der Gemüsehändler, der Bäcker, der Haushaltswarenhändler und der Mann mit den Konserven und Tiefkühlprodukten kommen ein- bis mehrmals die Woche vorbei, wann und wie wissen die Omis und Opis, die hier den ganzen Sommer verbringen. Pünktlich finden sie sich morgens auf dem Platz ein, um ihr Brot zu kaufen. Wer erst kommt wenn er die Hupe des Händlers hört, kann auch mal eine Stunde warten. Also wird ein Stuhl aus der Bar geholt, man hat Zeit. Es wird geplauscht und gelästert. Geheimnisse halten sich nicht lange.

Im Winter liegt das Dorf fast verlassen da. Ein paar Wochenend-Besucher sind da, es riecht nach verbranntem Holz aus den Kaminfeuern. Richtig warm wird es in den alten Häusern nicht. In den Hängen werden Oliven geerntet. Die Bar hat geschlossen, nur an den Feiertagen wird geöffnet. Die Städter kommen und in der alten Dorfschule gibt es wieder Parties mit wilden Besäufnissen und lauter spanischer Schlagermusik.

Im Januar kommt die Stille wieder ins Dorf zurück. Die steilen Straßen gehören wieder den streunenden Katzen und die Steinchen unter deinen Füßen knirschen laut bei jedem Schritt. Das Dorf hält Winterschlaf.

Mein Wochenbett in Spanien

Ungeachtet der schwierigen Geburt und meines Ruhebedürfnisses hatten wir in den ersten Wochen immer wieder Besucher bei uns. Auch wenn mein Schamgefühl schon im Krankenhaus weit unter meine eigentliche Schmerzgrenze gerutscht war, so richtig gelegen kam mir der Besuch fast nie. Irgendwie hatte ich mir das Wochenbett so gemütlich vorgestellt, man wird umsorgt und behütet, aber weitestgehend mit seinen Babies in Ruhe gelassen. Ich hatte ein heimeliges Bild im Kopf, wo alle um einen herumhuschen und man ansonsten ausgiebig mit seinen Babies kuschelt und vor allem viel schläft.

Als soziales Völkchen, dass die Spanier nunmal sind, scheinen diese eine vollkommen andere Idee davon zu haben. Zur engeren Verwandtschaft zählen hier jedenfalls nicht nur direkte Onkel und Tanten, sondern auch Cousins zweiten oder dritten Grades oder gute Freunde meiner Schwiegereltern. Alle fühlen sich verpflichtet, vorbeizukommen. Sogar die Eltern, die Schwester und der Cousin meines angeheirateten Schwagers kamen vorbei, um die Babies zu bestaunen.

Manchmal habe ich versucht, im Kopf den Verwandtschaftsgrad auf meine deutsche Familie zu übersetzen und festgestellt, dass ich niemanden davon kenne – geschweige denn, dass diejenigen sich verpflichtet fühlen würden, vorbeizukommen und dazu noch ein Geschenk dazulassen. Die Tochter des Cousins meines Vaters? Kenne ich nicht. Von meiner Schwester deren Freund dessen Eltern? Die kämen sicher nicht spontan vorbei.

Manchmal kam es mir absurd vor, hier ist es anscheinend vollkommen normal. Zumindest bei meiner andalusisch-aragonesisch-katalanischen Schwiegerfamilie. Man verfällt ja schnell dazu, zu verallgemeinern: Sind die alle hier so, oder ist das eine spezifische Eigenart meiner spanischen Anverwandten? Vom Hörensagen weiß ich, dass nicht alle Familien hier so …familiär? sind. Andererseits sehe ich bei unseren Freunden und Bekannten viel mehr Kontakt innerhalb der Familien, als es bei uns in Deutschland (oder ist das auch wieder nur in meiner Familie so?) üblich ist.

Jedenfalls kamen diese und jene Menschen bei uns vorbei und schenkten und schauten. Für mich war es anstrengend, aber ich will auch nicht undankbar sein. Schließlich ist es ja auch schön, dass so viel Anteil genommen wird und die Geschenke wurden vorher oft mit uns abgesprochen. Oder wir bekamen direkt Geld geschenkt. Alles, was wir bekommen haben, konnten wir gebrauchen und benutzen, das war schön.

Das sind wohl die zwei Seiten der Medaille – einerseits denke ich oft, in Deutschland geht uns einiges verloren damit, dass Familie häufig nur bedeutet: Vater-Mutter-Kind, dazu vielleicht noch Großeltern und Tanten. Andererseits war ich auf den Besucherandrang doch nicht gefasst. Dabei hatte ich schon in der Schwangerschaft eine Vorahnung und trichterte dem Mann ein: Wenn jemand vorbeikommen will und das in dem Moment nicht möchte, musst du hart sein und absagen.

An Tag eins nach Entlassung aus dem Krankenhaus besuchten uns (gleichzeitig):
zwei Omas,
ein Opa,
eine Tante,
ein Onkel,
eine Großtante,
eine Uroma,
und eine Urgroßtante der Babies.

Danach war ich so platt, dass der Mann die liebe Freundin, die kurz reinkommen wollte, wegschicken musste, weil ich sonst in Tränen ausgebrochen wäre. Dabei hätte ich gerade sie gerne gesehen. Nur halt nicht direkt nachdem acht Menschen bei uns waren, die alle gleichzeitig redeten und lachten und mir beim Stillen zuguckten.

Von Freunden in Deutschland habe ich gehört, dass der ein oder andere beleidigt war, weil er nicht eingelassen wurde oder die einfache Bitte um Ruhe auf Unverständnis stieß. Mir scheint es manchmal, als wäre die Mutter plötzlich nebensächlich, sobald sie ein Kind im Bauch hat, und erst recht wenn das oder die Kinder da sind. Dabei weiß niemand, wie die letzten Wochen der Schwangerschaft waren, wie die Geburt war (in meinem Fall waren allerdings alle bestens unterrichtet) und ich wünschte, es würde einfach akzeptiert, dass man gerade am Anfang vielleicht einfach ein bißchen unter sich sein möchte und sich als Familie beschnuppern will.

Nach ein paar Wochen war der Spuk vorbei. Es wurde Sommer und die erste Hitzewelle trieb uns abends aus dem Haus. Endlich konnte ich mich wieder halbwegs schmerzfrei bewegen. Unser Ausflugsradius blieb anfangs recht klein; einerseits waren wir noch blutige Anfänger als Zwillingseltern und trauten uns nicht weit weg, andererseits gab es da dieses nette kleine Café um die Ecke. Dort gab es das stadtbeste Eis, Pizzastücke und Horchata – alles was ich als stillende Zwillingsmama begehrte. Einen Großteil des Sommers verbrachten wir so, bis im August die Bürgersteige hochgeklappt wurden und alle Welt in Urlaub fuhr. Doch das ist eine andere Geschichte.

Essen essen

Es gibt Tage, da fehlen mir die Deutschtürken im Straßenbild, überhaupt der ganze Mulitkulti-Mischmasch, und dazu gehören sinnbildlich ein wirklich leckerer Döner, Spaghetti-Eis und Baklava. Liebe geht durch den Magen, sagt man. Und ich bin mir sicher: Gemeinsames Essen trägt zur Völkerverständigung bei!

Hier wird hauptsächlich spanisch-katalanisch gegessen, es gibt trotz der vielen arabischen, afrikanischen, chinesischen oder indisch/pakistanischen Einwanderer wenig Restaurants oder Imbisse mit deren Landesküche. In Barcelona selbst ist die Essensvielfalt natürlich größer, aber außerhalb gibt es wenig “ausländische” Restaurants.

Während in Deutschland fast jeder einen “Lieblings-Italiener” hat, bleibt es hier traditionell. Das war für mich als Neuankömmling erstmal in Ordnung so, es gab genug Neues zu entdecken. Mittlerweile freue ich mich über den ein oder anderen kulinarischen Abstecher.

Das kommt euch spanisch vor

Wenn wir Besuch bekommen, möchten natürlich alle gerne “spanisch” essen, was für viele gleichbedeutend mit Tapas und Paella ist. Meistens gehen wir also Tapas essen, weil Paella mit den Meeresfrüchten dann doch nicht jedem schmeckt.

Also Tapas essen. Dazu geht man am besten nicht ins Restaurant, sondern in eine Tapas-Bar, wo sie zum Bier gereicht werden. Man zieht von Bar zu Bar und isst die Tapas dort im Stehen direkt an der Theke. So richtig schön kann man das vor allem in Andalusien oder im Baskenland machen. Beide Regionen sind bekannt dafür und ich konnte mich in Sevilla und San Sebastián/Donostia selbst davon überzeugen.

Bei uns im Ort gibt es natürlich auch Tapas-Bars und Restaurants. Die Auswahl ist groß, unsere deutschen Besucher essen jedoch am liebsten Patatas Bravas und Pimientos de Padrón. Das wird als Gastgeber auf Dauer etwas langweilig, aber ich muss zugeben: Am Anfang habe ich mich auch fast ausschließlich davon ernährt.

Wir gehen mittlerweile ziemlich selten Tapas essen, fast nur noch mit Besuch. Ein paar Bravas sind aber immer drin und werden oft für alle gemeinsam zu einem frühabendlichen Bier bestellt. Wenn der Abend nett ist und keiner Lust hat, nach Hause zu gehen, wird daraus auch mal ein Abendessen mit noch mehr Tapas, bis alle satt sind.

Zur Paella sei so viel gesagt: Ich bin kein großer Fan von Meeresfrüchten und die sind da nun mal drin. Im Restaurant kann man sie oft erst ab zwei Personen bestellen, deswegen erbarme ich mich ab und zu meinem Mann zuliebe. Wie sich das für einen Spanier gehört, ist Paella sein Lieblingsessen. Ein paar Klischees müssen ja auch erfüllt werden 🙂

Bei uns schmeckt´s am besten!

Besonders am Anfang wurde ich oft gefragt, wie ich denn das Essen hier finde und ob es mir schmeckt. Meistens schon mit einem freudig-erwartungsvollen Unterton, weil, hier ist das Essen einfach am besten! Aus Höflichkeit hatte ich mir schon zu Beginn ein entsprechend überzeugendes “Ja, super!” angewöhnt, dass leider im Verlauf eines längeren Gespräches an Glaubwürdigkeit verlor, denn: Ich mag keine Meeresfrüchte. Und Fisch auch nicht so gerne. Na gut, ich esse beides, wenn ich muss. Aber ich würde es mir nie bestellen. Da ein Großteil des Essens hier aus Fisch und Meeresfrüchten besteht, ging meinem Gegenüber dann immer irgendwann auf, dass ich seine Begeisterung für die heimische Küche nicht unbedingt teile.

Verhungert bin ich hier trotzdem nicht, erstens habe ich etwas an meiner Abneigung gegen allerlei Meergetier gearbeitet und zweitens gibt es auch so noch genug Leckereien. Vieles kannte ich nicht, bevor ich hierher gezogen bin oder habe es erst hier lieben gelernt (siehe Paella, obwohl ich da vom Lieben noch weit entfernt bin). Einige Gerichte sind dagegen garnicht so anders als “zu Hause”: Der Linseneintopf wird mit zwar mit Chorizo statt mit Mettwurst gemacht, aber hey, irgendwie ist es doch das gleiche.

Was ich an deutschem Essen vermisse? Im Frühjahr fehlt mir die Spargelzeit, weißen Spargel bekommt hier fast nur eingemacht im Glas. Im Sommer sind es Pellkartoffeln mit Kräuterquark – in den hiesigen Supermärkten ist Quark äußerst selten aufzutreiben. Außerdem sind Brombeeren hier Mangelware und genauso teuer wie ein Schälchen Himbeeren. Herbst und Winter überstehe ich dagegen gut, was sicher am weihnachtlichen Deutschlandbesuch liegt, da gibt es ja sowieso immer von allem zu viel. Viele Kleinigkeiten bringen mir außerdem Besucher mit, zugegebenermaßen ist das meistens Lakritze.

In dem Sinne: ¡Que approveche! und Bon Profit!

Kinder, Kinder!

Ohne allzusehr verallgemeinern zu wollen: Die Menschen hier sind sehr kinderfreundlich. Schon in der Schwangerschaft gab es allerorts Anteilnahme, jetzt sind die Babies da und wir kommen uns manchmal vor wie eine Jahrmarktsattraktion. Es braucht keinen Mäusezirkus oder Schellenäffchen, es reicht der Doppelkinderwagen!

Das kam nicht überraschend, davon haben schon mehrere Zwillingseltern berichtet. Und ich denke, dass auch in Deutschland der Gesprächsbedarf netter älterer Damen beim Anblick eines Zwillingskinderwagens deutlich steigt.

Mittlerweile habe ich schon trilliardenmal das gleiche Gespräch geführt (“Oh, Zwillinge! – Ja – Eineiig oder zweieiig? – Zweieiig – Die sehen sich aber nicht ähnlich – Nein – Ach und sie hier ist viel größer! – Ja, die wiegt fast ein Kilo mehr – Das ist aber viel Arbeit, ne? – Jepp – Aber schön! – Jaa – Alles Gute – Danke”) und freue mich trotzdem noch über die Aufmerksamkeit, die meinen Babies hier geschenkt wird.

In einem halben Jahr habe ich noch keinen Laden betreten, in dem nicht ein Augenzwinkern oder ein Späßchen für die beiden drin war. Es gibt Bauchgrabbler, Wangenkneifer und Tragetuch-Zurechtzupfer. Es gibt Teenagerjungs, die die beiden zum Lachen bringen und Verkäuferinnen, die hinter der Ladentheke hervorkommen. Es gibt Glückwünsche von anderen Zwillingseltern, Beileid von Einlingseltern und Segenssprüche von Großeltern. Von überallher hört man ein “Qué guapas!” und fröhliches Hallo.

Als wir eine Woche zu Besuch in Deutschland waren, wurden die beiden genau dreimal angelacht. Zweimal von älteren Damen und einmal von drei deutschtürkischen (kann man das politisch korrekt so sagen?) Jugendlichen. Dabei lachen meine kontaktfreudigen Babies gerne mal zuerst…In Spanien dagegen empfinde ich, dass Kinder und auch alte Menschen viel mehr Teil der Gesellschaft sind. Sie stören nicht und sie werden auch nicht ignoriert. Sie gehören einfach dazu.

Alte treffen sich nachmittags auf “ihrer” Bank in der Innenstadt, an ihrem Platz oder zum Petanca (=Boule) spielen. Außerdem werden die Großeltern viel mehr in den Familienalltag eingebunden: Opas und Omas holen ihre Enkelkinder von der Schule ab. Auf meinen Spaziergängen sehe ich stolze kinderwagenschiebende Großeltern. Es ist in vielen Familien selbstverständlich, dass beide Eltern arbeiten und abends die frisch gebadeten und satten Kinder von Oma und Opa in Empfang nehmen.

Elternzeitneid

Und da sind wir auch schon bei der anderen Seite der Medaille: Die Elternzeit beträgt nur vier Monate und die meisten Familien können sich überhaupt nicht leisten, dass nur einer arbeiten geht. Nach vier Monaten wird also abgestillt (falls überhaupt gestillt wurde) und das Baby schweren Herzens an die Omi übergeben. Wer länger Stillen möchte, muss abpumpen. Auch wenn Anfangs einige Tränen fließen, bestätigen mir fast alle Mütter: Es hat durchaus etwas für sich, ein paar eigene Stunden am Tag zu haben, und sei es auch “nur” am Arbeitsplatz. Für mich klingt das zwar plausibel, aber ich bin heilfroh, dass wir uns ein volles Babyjahr leisten können.

Mit Ablauf der vier Monate Mutterschutz (bei Zwillingen viereinhalb, also zwei Wochen mehr) gibt es kein Elterngeld mehr. Die monatlichen 100 Euro Kindergeld werden bis zum dritten Lebensjahr ausgezahlt. Für Zwillingseltern gibt es außerdem noch eine einmalige Zahlung von etwa 2000 Euro zur Unterstützung. Da schaue ich in Sinnkrisen schonmal neidisch auf meine Mädels in Deutschland mit ihrer Elternzeit und den tollen Reisen mit Mann und Baby nach Neuseeland oder sonstwohin und denke: Hätte hätte, Fahradkette…das haste jetzt davon!

Ein Jahr Auszeit ist hier ein Luxus, der bei manchen auf Unverständnis stösst. Allen voran bei der spanischen Yaya (= Omi), die ganz scharf auf “ihre Mädels” ist und mir gerne beiläufig erzählt, der Enkel ihrer Schwester hätte ja schon mit vier Monaten bei Oma übernachtet und die Mama geht schon wieder arbeiten und überhaupt, dem Baby geht es ja soo gut bei Omi…ähnlich subtil antworte ich dann, dass ich das ja nicht könnte – bei dem Thema stoßen immer wieder unsere Kulturen und Mentalitäten aufeinander.

Ein Glück wurden dieses Jahr in Spanien vier Wochen Vaterzeit eingeführt (bis letztes Jahr waren es nur zwei). Die gingen zwar wie im Flug vorbei, aber immerhin. Kein Wunder, dass die Geburtenrate in Spanien so niedrig ist. Ohne eine funktionierende Familienstruktur im Hintergrund oder als Geringverdiener ist Kinderhaben hier eine schwierige Sache. Schon komisch, dass man hier trotzdem oft den Eindruck hat, hier wimmelt es überall von Kindern.

Das liegt sicher auch am guten Wetter, das Leben findet einfach viel mehr auf der Straße statt. Aber bestimmt auch daran, dass Kinder eben keine Störenfriede sind. Wenn um fünf Schule aus ist, sieht man die Eltern auf einer Terrasse Kaffee trinken während nebendran so ein Wirrwarr aus Rollern, rennenden Kindern und fliegenden Bällen herrscht, dass ich mich manchmal kaum mit dem Kinderwagen über den Platz traue. Niemand weist die laut rufenden Kinder zurecht, sondern alle laufen kreuz und quer einfach drumherum. So ist das hier. Und so komme ich auch jeden Tag ein bißchen mehr hier an, seit meine Mädels da sind. Weil sie so wunderbar auf dieser Welt willkommen geheißen werden.

Meer und große Steine

Leben, wo andere Urlaub machen

“Leben, wo andere Urlaub machen! Das wollte ich auch immer!” höre ich öfter auf meinen Heimatbesuchen. Ja, und warum hast Du es nicht gemacht? Weil wirklich auszuwandern, auf Zeit oder für immer, eben gar nicht so einfach ist…

Hätte mir das mal jemand vorher gesagt! Oder vielleicht besser nicht?

Leben, wo andere Urlaub machen, ist alles mögliche, aber kein Urlaub. Du hast keine Pause vom Alltag, sondern bist mittendrin. Du kannst dich nicht mit deiner besten Freundin auf einen Kaffee treffen, sondern ihr erwischt euch mit viel Glück am Telefon. Du schaffst es nicht jeden Tag ans Meer, wie du es dir vorgenommen hast, sondern eher mal am Wochenende. Da ist der Strand genauso voll wie euer örtliches Freibad im Hochsommer.

Leben, wo andere Urlaub machen, bedeutet, dass Du neben rotverbrannten halbnackten Touristen im Supermarkt stehst und überlegst, ob du noch Klopapier zu Hause hast.

Leben, wo andere Urlaub machen, heisst, vaya, seine Steuererklärung abzugeben, wo andere Urlaub machen. Müll runterbringen, schreiendes Kind beruhigen, Spülmaschine ausräumen – während andere durch die Stadt schlendern und das “mediterrane Leben” mit Tapas, Paella und Wein genießen. “Olé!” oder wie sagt man hier?

Alles nur Klischee?

Leben, wo andere Urlaub machen, ist anstrengend. Du musst neue Freunde finden, dich einleben und irgendwie integrieren (was auch immer das heißt). Du trittst in Fettnäpfchen, ohne es zu bemerken. Du musst deinen exotischen Vornamen buchstabieren und dir fehlt ein Nachname. Wenn Du in Deutschland eher klein warst, bist du hier eher groß. Du bist “die Deutsche” und deine direkte “nordeuropäische” Art kann die Menschen hier ganz schön irritieren. Ist das typisch deutsch oder ist das dein Charakter? Das weiß hier niemand so genau, nicht einmal du selbst.

Das deutsche Sonntagsfrühstück wird durch den Vermut auf einer Terrasse ersetzt, bis Du leicht angeduselt zum Mittagessen aufbrichst (du solltest endlich mal anfangen, Meeresfrüchte zu mögen). An den neuen Tagesrhythmus mit der Siesta am Mittag (und den entsprechend geschlossenen Läden in der Innenstadt) musst du dich erst gewöhnen, dann lernst du die zwei bis drei ruhigen Stunden am Mittag zu schätzen, sogar sehr. Du verabredest dich mit einer Freundin auf einen Kaffee und auf einmal seid ihr zu fünft. In der Gruppe ist einfach alles schöner, oder?

Ich kann spanisch! oder: Habe ich das gerade richtig gesagt?

Leben, wo andere Urlaub machen, schenkt dir neue Denkweisen. Du hast eine Sprache gelernt und bekommst eine zweite gratis dazu. Du merkst, wie präzise die deutsche Sprache mit ihren Wort-Aneinanderkettungen ist und wie anders eine Sprache funktioniert, die für jeden Begriff ein ganz eigenes Wort hat. Und dieses Wort kann dann mehrere Bedeutungen haben: Mit einem einfachen “te quiero” deckst du die gesamte Bandbreite von “Ich mag Dich” hin zu “ich liebe Dich” ab.

Dein Wortschatz ist nicht immer groß genug, um genau das auszurücken, was du möchtest. Deine Sprache verliert ihre Nuancen, das Subtile und vor allem der Humor ist häufig “Lost in Translation” (Ob die Deutschen deshalb in so vielen Ländern als humorlos gelten?). Nicht immer kannst du allen Gesprächen folgen. Mit deinem Akzent wirst du gleich als Ausländerin entlarvt, und du fragst dich, wie du mit dem gleichen Sprachniveau auf deutsch klingen würdest.

Was du für selbstverständlich hältst, wird hier ganz anders gemacht. Ein klares “Nein” wirkt fast wie eine Beleidigung. Bei der Wohnungssuche lernst Du, dass es höflicher ist, kleine Lügen loszulassen (“Oh, am Ende bleibt der bisherige Mieter doch in der Wohnung”) anstatt dich vor vollendete Tatsachen zu stellen (“Die Wohnung hat jemand anderes bekommen”). Bis du dich daran gewöhnst, dass man hier erst das dritte “Nein, danke” akzeptiert, hat man Dir schon dreimal den Teller wieder aufgefüllt und die Küche aufgeräumt. Sich ins Wort zu fallen gilt nicht als unhöflich. Und ja, man muss sehr laut sprechen, um gehört zu werden.

Palmen sind immergrün

Leben, wo andere Urlaub machen, lässt Dich aus dem Nichts Anfälle von Heimweh nach dem deutschen Wetter bekommen. Glaubt einem auch keiner, aber: In deinem Kopf wird aus diesem fisseligen deutschen Nieselregen ein kuscheliger Tag auf dem Sofa mit Tee und Waffeln; der Herbst ein einziges Drachensteigenlassen und buntes Blätterrascheln. Der Winter wird mit puderzuckrigem Schnee, Poffertjes und Weihnachtsmarkt garniert – und der Frühling?

Oh! Vom ersten Schneeglöckchen bis zu den Osterglocken und Krokussen auf dem taufrischen Gras ist der Frühling ein einziges Fest! Am ersten Frühlingstag liegt etwas ganz besonderes in der Luft, alle kommen aus ihren wintermuffigen Wohnungen gekrabbelt und halten das Gesicht in die Sonne: Aaaaah! Der deutsche Sommer mit seinen milden Temperaturen ist eine einzige lange Radtour zum See und wird gelegentlich durch einen lauen Sommerregen unterbrochen…hachja!

Zugegebenermaßen hält das Wetter-Heimweh nur so lange an, bis ich wieder in den wirklich fast jeden Tag blauen Himmel blicke und bemerke, dass ich im Oktober immer noch ohne Jacke und in Sandalen an der Strandpromenade entlang spaziere.

Menschen, die einem fehlen

Leben, wo andere Urlaub machen, ist: weit weg zu sein von geliebten Menschen. Die beste Freundin, mit der Du dich auch ohne viel Worte verstehst, ist weit weg. Deine Schwester und dein Bruder leben ihr eigenes Leben ganz ohne dich. Deine Babies lernen Oma und Opa, Tanten und Cousinen zunächst bei Skype, WhatsApp, Telefon oder E-Mail “kennen”. Und trotzdem verpassen wir so viel voneinander, weil wir ja auch leben müssen und nicht ständig am Handy hängen und dokumentieren können, wie es hier oder dort gerade ist. Seit die Babies da sind, erst recht nicht. Das ist nicht immer leicht, weder für dich, noch für die Daheimgebliebenen.

Schluss mit dem Gejammere!

Leben, wo andere Urlaub machen, macht Dich um eine Erfahrung reicher. Du siehst, lebst, denkst anders. Du nimmst dich mit in eine neue Umgebung und schaust was sie mit dir macht. Du bleibst Du und wirst doch jemand anders.

Du begegnest vielen neuen Menschen. Dadurch, dass der Mann von hier ist, haben wir schnell Anschluss gefunden und wurden mit offenen Armen und einem herzlichen Lächeln empfangen. Das hat es uns leichter gemacht, hier anzukommen. Gracies, nois!

Auch wenn Du jeden Tag das Meer siehst, der Himmel fast jeden Tag strahlend blau ist und es scheint, dass Du dich daran gewöhnt hast: Ab und zu schaust du dich auf einmal um, auf die Wellen, die Palmen und den Strand und dein Kopf macht Urlaub. Du merkst bei jedem Besuch aus Deutschland, wie sehr du dich schon eingelebt hast, und kannst immer wieder darüber staunen. An manchen Tagen erwischt es dich aus heiterem Himmel: Das ist wirklich wahr, dass ich jetzt hier lebe.

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