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Mein Katalonien: Zwillinge, Mittelmeer und andere Abenteuer

Tag: Alltag mit Zwillingen

Zwillinge oder der Verlust der Privatsphäre

Seit der Schwangerschaft haben sich unzählige Menschen in meine und unsere Privatsphäre eingemischt. Es wurde nachgeforscht, ob wir Zwillinge in der Familie haben oder gleich direkt gefragt, ob sie „natürlich“ entstanden sind. Die paar Male, an denen mir aufrichtig zu Zwillingen gratuliert wurde, kann ich an einer Hand abzählen – meistens waren das nette ältere Damen, die mir Alles Gute zu dem „doppelten Segen“ wünschten und für mich „Gesundheit, um die beiden aufzuziehen“.

Bei einer Zwillingsschwangerschaft gibt es zudem unzählige Arztkontrollen. Ständig mussten wir zur Vorsorge. Bei der Geburt wäre ich fast gestorben und war das Krankenhausgespräch. Wir waren eine Woche im Krankenhaus. Alle drei Stunden platzte eine Schwester herein mit den Milchfläschchen für die Babies. Dazwischen gab es Essen, die Babies wurden zum Baden geholt, ich wurde gewaschen, es gab Arztvisite und Schelte von der strengen Kinderkrankenschwester, wenn die Babies ihre Fläschchen nicht ausgetrunken hatten (obwohl ich ja zusätzlich stillte). Nach fünf Tagen konnte ich das erste Mal aufstehen. Wir hatten zwei Stunden lang eine Zimmernachbarin mit ihrem Neugeborenen, während mir gerade die Katheter gezogen wurden. Es gab Besuch von Menschen, die ich kaum kannte (dank der spanischen Familienverhältnisse) und die mich in einem ziemlich desolaten Zustand sahen. Alle wussten, was bei der Geburt passiert war. Gute Freunde hingegen ließen uns erstmal in Ruhe – aus Respekt, um uns Raum zu geben und anzukommen.

Als wir aus dem Krankenhaus kamen, gab es noch ein paar seltsame Besuche mehr bei uns zu Hause, dann war aber Gottseidank Schluss. Mit hatten schon genug fast fremde Leute beim Stillen zugeschaut. Dafür mussten wir bei jedem Spaziergang unsere Babies bewundern lassen. Ein älterer Herr hielt sogar mal im Vorbeigehen den Kinderwagen fest, um sie in Ruhe betrachten zu können. Manchmal wünsche ich mir, in solchen Moment nicht so perplex gewesen zu sein und schneller reagiert zu haben. Viel zu oft hatte ich Angst davor, eine Szene zu machen. Einmal hat eine Frau in „unserem“ Tante Emma-Laden ein Baby aus dem Kinderwagen abgeschnallt und in den Arm genommen, als ich gerade nicht hinsah. Da sie aber auch Stammkundin dort war, habe ich nichts gesagt, sondern ihr das Kind nur wieder aus dem Arm genommen. Noch heute ärgere ich mich darüber, meine Kleine da nicht besser „beschützt“ zu haben.

Als die beiden gerade laufen konnten, wollte eine Frau die beiden unbedingt ihrem Mann zeigen. Sie hatte selbst (etwa zehnjährige) Zwillinge. Wir waren in einem Straßencafé und die beiden taperten zwischen den Tischen herum. Schwupps, hatte die Frau mein Kind auf den Arm und rief ihrem Mann zu, „Schau mal wie süß! Unsere waren auch mal so!“ Wir hatten Freunde mit einem Einzelkind dabei und die waren ebenso verdattert wie wir. So viel Übergriffigkeit hatten sie bei ihrem Sohn nie erlebt. Sicherlich ist es schon so, dass in Spanien Kinder viel mehr getätschelt und gestreichelt werden, aber mit den beiden war es schon extrem. Und wir waren nach der schwierigen Geburt und als Erstlingseltern überhaupt nicht gewappnet dafür, so viel Aufmerksamkeit zu wecken.

Jetzt sind die beiden fast zwei. Die Standard-Frage „Sind das Zwillinge?“ beantworten wir nur noch mit einem müden Nicken und ziehen dann zügig von dannen. Wir erwecken weitaus weniger Aufsehen mit zwei Kleinkindern als mit zwei Neugeborenen und das ist wirklich entspannter. Dafür wird unsere Stillbeziehung jetzt gerne kommentiert („Ach, stillt ihr immer noch?“ oder „Na, bald stillst Du ja bestimmt ab, oder?“). Und es nervt mich schon wieder sehr. Denn es ist für mich immer noch ein großer Unterschied ob ich freiwillig etwas über mich erzähle (wie hier im Blog), oder man mir alles aus der Nase ziehen will. Ein offenes Gespräch kommt so nicht zustande. Nach zwei Jahren kommt es mir immer noch seltsam vor, dass man mit als Schwangere und Eltern von Zwillingen scheinbar Gegenstand öffentlichen Interesses wird. Aber ich nehme mit Erleichterung zur Kenntnis: Es wird besser.

Die Babies übernachten auswärts. Ein Drama in drei Akten.

Erster Akt: Der gute Plan.

„So“, sagte der Mann, „wollen wir die Babies nicht bald mal eine Nacht bei den Großeltern lassen?“ Wir waren zu einer Hochzeit eingeladen und dachten, jetzt oder nie! – irgendwann ist immer das erste Mal. Schwiegermutter lag uns schon seit Bekanntgabe der Schwangerschaft (sic!) in den Ohren, dass sie die Kleinen auch mal eine Nacht nehmen könnte. Bei ihrer Schwester schlief die Enkeltochter schon, seit diese vier Monate alt war und allerorts sahen wir auf einmal zufriedene Eltern, die sich ab und zu mal eine Nacht alleine gönnten. Also dachten wir: Hey, die zwei sind jetzt über ein Jahr alt, sie stillen nicht mehr alle zwei Stunden und im Kindergarten schlafen sie mittags ja auch ohne Mama ein – lass uns auf der Hochzeit einen drauf machen, ins Hotel gehen und am nächsten morgen minimal verkatert die Babies abholen!

Natürlich mussten wir das vorher mal proben. So oft sehen die beiden ihre Yayos ja auch wieder nicht und falls was sein sollte, wären wir in der Nähe und innerhalb von einer halben Stunde da.

Gesagt, getan. Nach mehreren Monaten (Großeltern und Rentner, die haben ja nie Zeit, wa) hatten wir endlich einen Termin gefunden. Vor lauter Aufregung kabbelten der Mann und ich uns schon Tage vorher, wegen meiner Aussage, dass es mir nicht so leicht fiele, die beiden einfach so abzugeben. Spielte da ein kleiner Anflug von Eifersucht auf meine ungeteilte Aufmerksamkeit mit? Ich denke schon. Schließlich habe ich im Babytaumel den Mann zuweilen grob vernachlässigt, solange er mich beim Stillen nicht mit „Oh Gott, ich brauch Wasser, sofort!“ und „Haben wir noch Schokolade?“ versorgte. Er freute sich auf einen Abend als Paar, während ich mir Sorgen um die Babies machte?! Bei den Großeltern wären sie doch super aufgehoben. Ich hob meine Mama-Instinkt-Augenbraue und sagte nix. „Wenn was ist, können wir sie ja immer noch abholen“ sprach der Mann. Na gut. An besagtem Abend spazierten wir mit den Babies zu den Großeltern. Zufrieden zerspielten sie unter den begeisterten Blicken der Yayos die Wohnung und wir machten uns kurz vorm Abendessen auf den Weg zurück in die Stadt.

Zweiter Akt: Wir schlafen.

Auf dem Weg überlegten wir euphorisch, was wir alles machen könnten. Alle Ideen, die mit lange aufbleiben zu tun hatten, verwarfen wir sofort. Unsere Favoriten waren: Lecker essen gehen oder zu Hause aufs Sofa lümmeln und ein bißchen Eurovision gucken. Wir gingen essen, um die neugewonnene Freiheit auch wirklich gut auszunutzen. Ab und zu warf ich einen Blick aufs Handy. „Meine Eltern werden nicht anrufen, auch wenn sie kein Auge zumachen“, sprach der Mann.

Als wir nach Hause kamen, gab es noch die Punktevergabe von Eurovision im Fernsehen. Wir hielten tapfer durch, bis der Sieger bekannt war. Die Handys blieben still. Schien ja alles gut zu sein, ein Glück! Dann fielen wir todmüde ins Bett. Schön, mal wieder ganz entspannt neben dem Mann zu schlafen. Keine kleinen Tretfüßchen und keine Stillunterbrechungen. Trotzdem wachte ich mehrmals in der Nacht auf.

Am  nächsten Morgen schmerzen meine Brüste wie beim Milcheinschuss und wir haben vier Anrufe in Abwesenheit von den Schwiegereltern. Uhrzeit 2:26, 2:27, 2:32 und 2:38. Dazu eine WhatsApp gegen sechs Uhr morgens: „Allesgut“. Das hört sich genau nach dem Gegenteil an, denke ich und habe sofort ein schlechtes Gewissen. Mist. Wieso habe ich das nicht gehört? frage ich mich und dann fällt es mir ein: Im Restaurant hatte ich das Handy auf lautlos gestellt. Oh nein oh nein oh nein. Wir haben tief und fest geschlafen, und bei Schwiegerelters war Babydrama! Ein Foto von unseren zufrieden essenden Töchtern wird geschickt und beruhigt mich etwas. Puuuuh, das sieht ja ganz gut aus…trotzdem: Kaffee und los, die Babies holen. Mein Körper drängelt auch: Über Nacht hat sich mein Brustumfang verdoppelt und meine Brüste fühlen sich an wie beim Milcheinschuss.

Dritter Akt: Das Wiedersehen.

Unsere Babies sind also nicht diese Wunderkinder, die das erste Mal woanders übernachten und dann plötzlich durchschlafen. Nein, sie sind, wie ganz normale Stillbabies, irgendwann in der Nacht aufgewacht (abwechselnd, gleichzeitig, je nach Uhrzeit) und haben lautstark nach Mamas Brust verlangt. Als sie diese nicht gleich fanden, sind sie nur unter Tränen und Großmütterlichen herumgetrage wieder eingeschlafen, während Großvater das jeweils schlafende Kind bewachte. Auf die Aussagen der Großeltern, wer wann wieviel geschlafen hat, können wir uns nicht verlassen, da meine Schwiegereltern zum Typ: „Die ganze Wahrheit könnt ihr nicht vertragen“ gehören. Angeblich haben die Babies mindestens sechs Stunden geschlafen. Die Großeltern, man sieht es ihren Gesichtern an, gar nicht, auch wenn sie es nie zugeben würden. Wir wissen nur: Wenn es nicht wirklich dramatisch schwierig gewesen wäre, zwei schreiende Babies zu beruhigen, hätten sie niemals versucht nachts um halb drei anzurufen.

Nachdem ich zur Tür reinkam, stürzten sich meine beiden Mädchen erstmal auf mich und tranken, tranken, tranken. Dabei versprach ich ihnen hoch und heilig, sie erst wieder woanders übernachten zu lassen, wenn sie es wollen. Der Mann war etwas geknickt ob des Ausgangs dieses Experiments. Er hatte ja noch ein kleinen Funken Hoffnung gehabt, dass sie vielleicht einfach durchschlafen. Die Schwiegermutter hat sämtliche Übernachtungspläne aufgegeben und findet Stillen jetzt „ganz schrecklich“, mit Fläschchen wäre das ja nicht passiert. Mit dieser Aktion ist mir also gleich noch mein Vorzeige-Status als Stillmama abhanden gekommen. Immerhin weiß ich jetzt, dass ich mich weiterhin am besten auf meinen Instinkt verlasse, und wenn der mir sagt, die Babies sind noch nicht so weit für dieses oder jenes, dann lassen wir es einfach. Und wenn anderer Leute Wunderbabies problemlos irgendwo durchschlafen, dann bleibt mir nur eins übrig: Den Eltern von Herzen ein paar schöne Abende zu zweit zu wünschen.

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