Mit dem 1. Oktober, dem Referendum und den Bildern der Polizeigewalt ist Katalonien in den Schlagzeilen gelandet. Und ich sitze mittendrin.

Wenn ich die letzten Wochen Revue passieren lasse, fällt mir vor allem eines auf: Dass in einer schweren Regierungskrise wie dieser der ganz normale Alltag einfach weiter geht. Und ich verstehe, warum sich die Menschen bei anbahnenden Konflikten nicht gleich aus dem Staub machen. Du hoffst einfach immer, es wird nichts passieren. Du möchtest nicht aus einer vielleicht unbegründeten Angst heraus deine Lieblingsbücher, dein gemütliches Sofa, deine Arbeit und noch weniger deine Freunde und Familie hinter dir lassen, um wohin? zu gehen.

Das klingt im Zusammenhang mit dem aktuellen Konflikt zwischen der katalanischen und der spanischen Regierung vielleicht etwas zu schwarz. Noch ist ist es nämlich genau das: Ein politischer Konflikt, der zunächst einmal nichts an meinem Alltag ändert. Das einzige, was sich geändert hat, sind die Gespräche. Alle verfolgen hier die Nachrichten und fragen sich: Was ist da passiert? Was wird als nächstes passieren?

Die meisten Menschen hier haben keine „rein“ katalanische Familie. Viele haben Eltern oder Großeltern aus anderen Teilen Spaniens. Auch in unserer Straße ist nicht jeder Independentista, an einigen Balkons hängt die Estelada, an anderen nicht. Es gibt Viertel, in denen größtenteils spanisch gesprochen wird, weil die Mehrheit der Einwohner in den Sechzigern aus Südspanien hierhergezogen sind. Es gibt Viertel wie unseres, in denen der Alltag komplett auf katalanisch stattfindet. Viele sprechen zuhause spanisch und „auf der Straße“ katalanisch. Bisher haben alle miteinander, nebeneinander, gemeinsam gelebt. Jetzt droht der Konflikt diese Gemeinsamkeit zu spalten und die Menschen zu zwingen, eine Seite zu wählen.

Vor dem Referendum

Es wehen nicht mehr Esteladas als sonst an den Balkonen. Erst als die Wahlkampagne an Fahrt aufnimmt, gesellen sich weitere Flaggen dazu. Wir haben Besuch und werden gefragt, ob es um ein Fußballspiel gehe. Der Konflikt ist noch lange nicht in den Schlagzeilen gelandet.

Dann kommt der 11. September, der katalanische Nationalfeiertag. Es gibt eine große Demo der Independentistas in Barcelona. Wie in den letzten Jahren haben sie sich eine Art Choreografie für die Demo ausgedacht. Sie zu erklären, ist mir etwas zu kompliziert, jedenfalls soll sich ein großes Plus-Zeichen ergeben, welches im Laufe der Demo die Farbe wechselt. An Ständen in der Innenstadt und vor einzelnen Läden bilden sich Schlangen, um die diesjährigen T-Shirts zu ergattern. Die Stimmung ist gut, die Leute sind etwas aufgeregt und in freudiger Erwartung. Das ganze hat etwas von einem Volksfest.

Bei uns im Ort streben viele mit umgebundenen Esteladas und in den neongelben T-Shirts der Aktion dem Bahnhof Richtung Barcelona zu. Wir bleiben zu Hause und schauen uns das Spektakel im Fernsehen an. Beim abendlichen Spaziergang treffen wir auf die zurückkehrenden Demonstranten, viele sind sehr bewegt. Auch wenn die Choreografie nicht ganz geklappt hat, hat die Demo das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt.

Spätestens jetzt sind an vielen Häusern auch die „SÍ“-Flaggen zu sehen, welche für das Referendum und die Unabhängigkeit werben. Die Menschen wünschen sich ein legales Referendum mit einem bindenden Ergebnis. Aus Umfragen und den letzten Wahlen heraus wissen wir in etwa, dass die knappe Hälfte der Bevölkerung für die Unabhängigkeit ist. Wir sind uns sicher, dass es vor ein paar Jahren mit einem „Nein“ zur Unabhängigkeit geendet hätte. Dieser Tage glauben wir, dass die Gegner nur noch knapp in der Überzahl sind.

Währenddessen spitzt sich die Lage zu. Die spanische Regierung will das Referendum mit aller Macht verhindern. Das einzige Argument, was hier ankommt, ist: Es verstößt gegen die Verfassung und darf daher nicht stattfinden. Die starre Haltung von Rajoy bringt viele Menschen hier auf. Hat die spanische Regierung keine anderen Argumente, warum wir das Referendum nicht durchführen sollten? Gibt es keinen anderen Grund, ein Teil Spaniens zu bleiben, als eine veraltete Verfassung? Jetzt erst Recht! sagen sie sich. Das Referendum wird weiter vorbereitet, Wahlzettel werden gedruckt, Wahllokale ausgewiesen. Die Polizei macht sich auf die Suche nach den Wahlzetteln, begleitet vom höhnischen Gesang der Menge: „Dónde están les paperetes?“ (Wo sind die Papierchen?). Diese aufmüpfigen Katalanen!

Als wir eines Nachmittags mit den Babies spazieren gehen, treffen wir auf eine Freundin und ihre Mutter. Gemeinsam gehen wir mit ihnen zum Rathaus, dort gibt es eine kleine Demo. „Volem votar“ rufen die Demonstranten – sie wollen, dass der Bürgermeister die Schulen offiziell als Wahllokale zur Verfügung stellt.

Lärmdemo auf katalanisch: Nachts klappern die Töpfe

Am 20. September kippt die Stimmung: 14 katalanische Politiker werden festgenommen. In Barcelona wird demonstriert. Als es Abend wird, streben immer mehr Menschen dorthin. „Das ist Unterdrückung! Wir wollen doch nur wählen!“ Viele können kaum glauben, dass die spanische Regierung solche Maßnahmen ergreift.

Als ich die Babies abends ins Bett bringe, fängt es in unserer Straße an zu klimpern und zu klappern. Was ist das denn jetzt? Das ist eine cacerolada, erklärt mir der Mann und schliesst die Fenster. Mit Töpfen und Deckeln bewaffnet stellen sich die Nachbarn von nun an jeden Abend um zehn auf ihre Balkons und klappern damit eine Viertelstunde lang aus Protest gegen die Festnahmen. Das ganze wirkt etwas gespenstisch in der ansonsten ruhigen Stadt. Die Babies lässt es ungerührt. Klingt so eine Revolution?

Das Referendum

Die letzten Tage sind geprägt von großer Unsicherheit. Eine Bekannte hat ihren Kindern neue Ausweise machen lassen, höre ich. Auf die lachend gestellte Frage, ob sie die braucht, um im Zweifel abhauen zu können, kommt nur ein ernster Blick. Als ich das erzählt bekomme, müssen meine Freundin und ich schon fast wieder lachen. Das es so weit kommt, ist unvorstellbar. Aber die Angst der einen steckt die nächste Mutter an. Alle sind wir unsicher. Jede Unterhaltung dreht sich um das Referendum. Wie weit wird die spanische Regierung gehen, um es zu verhindern? Wir schwanken zwischen Zuversicht und Besorgnis, ungläubigem Lachen und Ernst: „Ich habe schonmal vollgetankt, Benzin ist ja bekanntlich das erste, was ausgeht.“ wird gewitzelt. Ein großes „was, wenn doch?“ hängt in der Luft.

Bei uns hat sich Besuch angekündigt, allerdings überlegen meine Freundin und ihr Mann jetzt ernsthaft, nicht zu kommen. Sie wollen abwarten, wie das mit dem Referendum ausgeht und dann entscheiden.

Die spanische Regierung chartert zwei Kreuzschiffe, um die nach Katalonien entsendeten Kräfte der Guardia Civil (die spanische Militärpolizei) dort unterzubringen. Wie ein Mahnmal liegen die beiden riesigen Schiffe im Hafen von Barcelona. Für einen kleinen Lacher am Rande sorgt der riesige Tweety (zu spanisch Piulín), der eines der Kreuzschiffe ziert.

In der Nacht vor dem Referendum finden in vielen Schulen Kinderaktionen und Leseabende statt. Ganze Familien harren in friedlichem Protest dort aus, um zu verhindern, dass die Polizei die als Wahllokale bestimmten Gebäude verschließt. Morgens um acht werden unter Jubel die vielgesuchten Wahlurnen gebracht. Sie sind schon Wochen vorher versteckt worden, in Lagerhallen oder bei Privatpersonen.

Wir sind seid sieben Uhr auf den Beinen, nach dem ersten Babyquaken am morgen hält uns die Aufregung wach. Wie wird dieser Tag wohl ausgehen? Auf twitter und im Fernsehen verfolgen wir den Wahlverlauf. Schon haben sich lange Schlagen vor den Wahllokalen gebildet. Über WhatsApp bekommen wir Wahlselfies. Ich telefoniere mit meiner Mutter, die sich ausnahmsweise mal überhaupt keine Sorgen macht. Wird schon alles, Kind.

Eine Freundin ist zu Besuch, wir schauen Nachrichten. Die spanische Guardia Civil geht hart gegen die Wähler vor, die Bilder von den prügelnden Polizisten gehen um die Welt. Die katalanische Regierung bittet die Bürger, ruhig zu bleiben und weiter wählen zu gehen. Alles soll friedlich ablaufen. Die Schläger, das sind die anderen.

Unsere Freunde, die schon vor den Wahllokalen Schlange stehen, sind nervös. Die Schlangen werden immer länger. Das Computersystem mit dem Wählerverzeichnis wird attackiert, darum gibt es immer wieder Wartezeiten. Per WhatsApp machen Gerüchte und Lageberichte die Runde: „Die Guardia Civil steht mit 60 Bussen am Hafen!“ Eine Freundin stand vor drei verschiedenen Wahllokalen, die nacheinander geschlossen wurden, bis sie eins fand, wo sie endlich wählen konnte. Einige fahren in den Nachbarort, in der Hoffnung, dass sie dort nicht so lange warten müssen.

Der Mann und seine Schwester gehen wählen und sind nach zwei Stunden zurück. Die Wahlhelfer baten sie, noch eine Weile zu bleiben, aus Angst vor der Polizei. Wir machen den Fernseher aus und spielen mit den Babies. Als wir später spazieren gehen, sehen wir am Hafen kein einziges Polizeiauto.