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Mein Katalonien: Zwillinge, Mittelmeer und andere Abenteuer

Tag: Familie (Page 1 of 2)

Zwillinge oder der Verlust der Privatsphäre

Seit der Schwangerschaft haben sich unzählige Menschen in meine und unsere Privatsphäre eingemischt. Es wurde nachgeforscht, ob wir Zwillinge in der Familie haben oder gleich direkt gefragt, ob sie “natürlich” entstanden sind. Die paar Male, an denen mir aufrichtig zu Zwillingen gratuliert wurde, kann ich an einer Hand abzählen – meistens waren das nette ältere Damen, die mir Alles Gute zu dem “doppelten Segen” wünschten und für mich “Gesundheit, um die beiden aufzuziehen”.

Bei einer Zwillingsschwangerschaft gibt es zudem unzählige Arztkontrollen. Ständig mussten wir zur Vorsorge. Bei der Geburt wäre ich fast gestorben und war das Krankenhausgespräch. Wir waren eine Woche im Krankenhaus. Alle drei Stunden platzte eine Schwester herein mit den Milchfläschchen für die Babies. Dazwischen gab es Essen, die Babies wurden zum Baden geholt, ich wurde gewaschen, es gab Arztvisite und Schelte von der strengen Kinderkrankenschwester, wenn die Babies ihre Fläschchen nicht ausgetrunken hatten (obwohl ich ja zusätzlich stillte). Nach fünf Tagen konnte ich das erste Mal aufstehen. Wir hatten zwei Stunden lang eine Zimmernachbarin mit ihrem Neugeborenen, während mir gerade die Katheter gezogen wurden. Es gab Besuch von Menschen, die ich kaum kannte (dank der spanischen Familienverhältnisse) und die mich in einem ziemlich desolaten Zustand sahen. Alle wussten, was bei der Geburt passiert war. Gute Freunde hingegen ließen uns erstmal in Ruhe – aus Respekt, um uns Raum zu geben und anzukommen.

Als wir aus dem Krankenhaus kamen, gab es noch ein paar seltsame Besuche mehr bei uns zu Hause, dann war aber Gottseidank Schluss. Mit hatten schon genug fast fremde Leute beim Stillen zugeschaut. Dafür mussten wir bei jedem Spaziergang unsere Babies bewundern lassen. Ein älterer Herr hielt sogar mal im Vorbeigehen den Kinderwagen fest, um sie in Ruhe betrachten zu können. Manchmal wünsche ich mir, in solchen Moment nicht so perplex gewesen zu sein und schneller reagiert zu haben. Viel zu oft hatte ich Angst davor, eine Szene zu machen. Einmal hat eine Frau in “unserem” Tante Emma-Laden ein Baby aus dem Kinderwagen abgeschnallt und in den Arm genommen, als ich gerade nicht hinsah. Da sie aber auch Stammkundin dort war, habe ich nichts gesagt, sondern ihr das Kind nur wieder aus dem Arm genommen. Noch heute ärgere ich mich darüber, meine Kleine da nicht besser “beschützt” zu haben.

Als die beiden gerade laufen konnten, wollte eine Frau die beiden unbedingt ihrem Mann zeigen. Sie hatte selbst (etwa zehnjährige) Zwillinge. Wir waren in einem Straßencafé und die beiden taperten zwischen den Tischen herum. Schwupps, hatte die Frau mein Kind auf den Arm und rief ihrem Mann zu, “Schau mal wie süß! Unsere waren auch mal so!” Wir hatten Freunde mit einem Einzelkind dabei und die waren ebenso verdattert wie wir. So viel Übergriffigkeit hatten sie bei ihrem Sohn nie erlebt. Sicherlich ist es schon so, dass in Spanien Kinder viel mehr getätschelt und gestreichelt werden, aber mit den beiden war es schon extrem. Und wir waren nach der schwierigen Geburt und als Erstlingseltern überhaupt nicht gewappnet dafür, so viel Aufmerksamkeit zu wecken.

Jetzt sind die beiden fast zwei. Die Standard-Frage “Sind das Zwillinge?” beantworten wir nur noch mit einem müden Nicken und ziehen dann zügig von dannen. Wir erwecken weitaus weniger Aufsehen mit zwei Kleinkindern als mit zwei Neugeborenen und das ist wirklich entspannter. Dafür wird unsere Stillbeziehung jetzt gerne kommentiert (“Ach, stillt ihr immer noch?” oder “Na, bald stillst Du ja bestimmt ab, oder?”). Und es nervt mich schon wieder sehr. Denn es ist für mich immer noch ein großer Unterschied ob ich freiwillig etwas über mich erzähle (wie hier im Blog), oder man mir alles aus der Nase ziehen will. Ein offenes Gespräch kommt so nicht zustande. Nach zwei Jahren kommt es mir immer noch seltsam vor, dass man mit als Schwangere und Eltern von Zwillingen scheinbar Gegenstand öffentlichen Interesses wird. Aber ich nehme mit Erleichterung zur Kenntnis: Es wird besser.

Wie lange willst Du denn noch stillen?

Fast zwei Jahre Stillzeit sind herum und das Stillen hat sich gewandelt: Aus den zwei kleinen Hilflosen Wesen sind zwei selbstständige Persönchen mit einem sehr eigenen Willen geworden. Die Aufregung, das Gehampel und unzählige Versuche, endlich eine gute Position zum Tandemstillen zu finden haben sich in Routine, Geborgenheit und eine verkuschelte Wuselei verwandelt.

Ebenso hat sich die Position meiner Mitmenschen dazu verändert: wurde ich anfangs noch beklatscht (im wahrsten Sinne des Wortes), wird nun immer häufiger gefragt: “Wie lange willst Du denn noch Stillen?”. In den wenigsten Fällen steckt da aber ehrliches Interesse dahinter. Was der Fragende eigentlich sagen will, ist: “Still doch endlich mal ab!”. Und darum beginnt diese Frage mich langsam wirklich zu nerven. Und ich muss aufpassen, dass ich nicht nur aus Trotz weiterstille.

Warum, werte Damen und Herren, ist mein Stillen auf einmal so “interessant”, dass sich so viele Menschen einmischen müssen? Was sollen die hochgezogenen Augenbrauen, wenn ich sage: “Ich weiß nicht, wie lange ich Stillen möchte. So lange es uns gut dabei geht?” Warum fühlte ich mich anfangs verpflichtet zu erklären, dass ich ja eigentlich nur drei Monate Stillen “geplant” hatte, weil ich dachte, mit zweien schaffe ich das vielleicht nicht. Dass dann daraus sechs Monate wurden und dann ein Jahr und es immer einfacher wurde?

Dann versuche ich zu erklären, dass ich glaube, wir werden schon den richtigen Zeitpunkt finden. Wenn es mich anfängt zu nerven. Dass ich darauf vertraue, zu spüren, wann es uns gut tut, die Stillbeziehung zu beenden. “Tja, wenn es Dich nicht stört…musst Du ja wissen” heisst es oft. Genau. Allerdings habe ich das Gefühl, dass es andere stört. Und ich verstehe wirklich nicht warum, für mich ist es etwas so natürliches, selbstverständliches…

Stillgeschichten

Meine spanische Schwiegeroma erzählte mir, ihre Mutter habe sie bei jedem Kind “ermahnt”, weiterzustillen, bis diese zwei Jahre alt waren. “Halte durch”, hieß es, wenn sie jammerte, “das ist das Beste, was Du deinem Kind geben kannst”. Es gibt vor allem im spanischen Bekannten- und Verwandtenkreis mehrere Anekdoten von bereits sprechenden Stillkindern aus verschiedenen Jahrzehnten. Vor meiner deutschen Omi habe ich großen Respekt, dass sie ihre vielen Kinder alle gestillt hat. Das hat bestimmt auch noch mit der damaligen Erziehung zu tun, eine “deutsche Mutter” musste ja schließlich stillen, aber trotzdem: sie hat das gemeistert. In meiner Familie gibt es viele “Langzeitstillende”, von der Tante bis zur Cousine. Persönlich kenne ich wirklich viele Mütter, die mehr als ein Jahr stillen oder gestillt haben. Untereinander stellen wir uns die Frage nie – sondern hören einander zu, wenn es Probleme gibt, wenn die ersten Abstill-Versuche nicht geklappt haben oder wenn es doch mal wieder eine von diesen Nächten gab, an denen gefühlt dauergestillt wurde.

Unsere Stillgeschichte begann denkbar schwer: Noch auf der Intensivstation wurde mir Milch abgepumpt, als mein Mann erklärte, dass ich stillen wollte. Ob das klappen würde, war nicht sicher. Die Babies bekamen zwei Tage lang Fläschchen, bis ich auf dem Zimmer war und sie das erste Mal anlegen konnte. Dank der Hilfe der lieben Hebamme im Krankenhaus und trotz der unsäglichen Einmischungen der brummigen Nachtschwestern haben wir es geschafft. Immer habe ich den Moment im Kopf, als ich die zwei kleinen Wesen endlich kennenlernen durfte. Die Erstgeborene wich seitdem nicht mehr von meiner Seite. Bloß nicht zu weit weg von der Nahrungsquelle!

Nach zwei Monaten war ich schier verzweifelt, weil beide die Flaschenmilch in hohem Bogen wieder ausspuckten. Aus Mund und Nase kam alles wieder raus! Danach gab es Gebrüll und dann wieder die Brust. Ab und zu mal die Flasche geben zu können, wäre sowohl für mich als auch für meinen Mann eine Erleichterung gewesen.

Als die ersten drei Monate herum waren, wurde es einfacher: endlich konnten sie ihre Köpfchen etwas besser halten und rutschten nicht ständig weg. Wir stillten überall, in Cafés, am Strand, auf einer Bank sitzend. Mit sechs Monaten waren wir echte Stillprofis. Dann fing irgendwann die Beikost an und es wurde etwas weniger und unkomplizierter. Es gab Phasen, wo ich dachte, bald hören sie von selber auf.

Mit der Eingewöhnung im Kindergarten änderte sich wieder alles: Nach den langen Stunden ohne Mama wollten sie vor allem eins – Stillen. Das ist noch immer so. Manchmal nervt es mich, vor allem wenn die beiden meinen, sich das Essen sparen zu können. Manchmal hilft es mir aber auch sehr: Wenn sie krank sind, wenn sie zahnen, beim Einschlafen – Stillen ist immer noch die schnellste Einschlafhilfe.

Trotzdem frage ich mich in letzter Zeit immer häufiger: Vielleicht ist es doch gut, bald mal abzustillen? Brauchen die beiden das wirklich noch oder kann ich nur nicht loslassen? Der Gedanke, nie wieder Stillkinder haben zu können, tut mir weh. Aber das möchte ich nicht an den beiden “auslassen”. Sie werden nicht immer meine Babies sein können und sind es mit fast zwei schon längst nicht mehr. Dann gibt es uns wiederum Momente des zur-Ruhe-kommens und der Geborgenheit und ich habe Angst, ihnen das zu nehmen. Den richtigen Zeitpunkt zu finden scheint mir schwieriger als ich dachte.

 

Die Babies übernachten auswärts. Ein Drama in drei Akten.

Erster Akt: Der gute Plan.

“So”, sagte der Mann, “wollen wir die Babies nicht bald mal eine Nacht bei den Großeltern lassen?” Wir waren zu einer Hochzeit eingeladen und dachten, jetzt oder nie! – irgendwann ist immer das erste Mal. Schwiegermutter lag uns schon seit Bekanntgabe der Schwangerschaft (sic!) in den Ohren, dass sie die Kleinen auch mal eine Nacht nehmen könnte. Bei ihrer Schwester schlief die Enkeltochter schon, seit diese vier Monate alt war und allerorts sahen wir auf einmal zufriedene Eltern, die sich ab und zu mal eine Nacht alleine gönnten. Also dachten wir: Hey, die zwei sind jetzt über ein Jahr alt, sie stillen nicht mehr alle zwei Stunden und im Kindergarten schlafen sie mittags ja auch ohne Mama ein – lass uns auf der Hochzeit einen drauf machen, ins Hotel gehen und am nächsten morgen minimal verkatert die Babies abholen!

Natürlich mussten wir das vorher mal proben. So oft sehen die beiden ihre Yayos ja auch wieder nicht und falls was sein sollte, wären wir in der Nähe und innerhalb von einer halben Stunde da.

Gesagt, getan. Nach mehreren Monaten (Großeltern und Rentner, die haben ja nie Zeit, wa) hatten wir endlich einen Termin gefunden. Vor lauter Aufregung kabbelten der Mann und ich uns schon Tage vorher, wegen meiner Aussage, dass es mir nicht so leicht fiele, die beiden einfach so abzugeben. Spielte da ein kleiner Anflug von Eifersucht auf meine ungeteilte Aufmerksamkeit mit? Ich denke schon. Schließlich habe ich im Babytaumel den Mann zuweilen grob vernachlässigt, solange er mich beim Stillen nicht mit “Oh Gott, ich brauch Wasser, sofort!” und “Haben wir noch Schokolade?” versorgte. Er freute sich auf einen Abend als Paar, während ich mir Sorgen um die Babies machte?! Bei den Großeltern wären sie doch super aufgehoben. Ich hob meine Mama-Instinkt-Augenbraue und sagte nix. “Wenn was ist, können wir sie ja immer noch abholen” sprach der Mann. Na gut. An besagtem Abend spazierten wir mit den Babies zu den Großeltern. Zufrieden zerspielten sie unter den begeisterten Blicken der Yayos die Wohnung und wir machten uns kurz vorm Abendessen auf den Weg zurück in die Stadt.

Zweiter Akt: Wir schlafen.

Auf dem Weg überlegten wir euphorisch, was wir alles machen könnten. Alle Ideen, die mit lange aufbleiben zu tun hatten, verwarfen wir sofort. Unsere Favoriten waren: Lecker essen gehen oder zu Hause aufs Sofa lümmeln und ein bißchen Eurovision gucken. Wir gingen essen, um die neugewonnene Freiheit auch wirklich gut auszunutzen. Ab und zu warf ich einen Blick aufs Handy. “Meine Eltern werden nicht anrufen, auch wenn sie kein Auge zumachen”, sprach der Mann.

Als wir nach Hause kamen, gab es noch die Punktevergabe von Eurovision im Fernsehen. Wir hielten tapfer durch, bis der Sieger bekannt war. Die Handys blieben still. Schien ja alles gut zu sein, ein Glück! Dann fielen wir todmüde ins Bett. Schön, mal wieder ganz entspannt neben dem Mann zu schlafen. Keine kleinen Tretfüßchen und keine Stillunterbrechungen. Trotzdem wachte ich mehrmals in der Nacht auf.

Am  nächsten Morgen schmerzen meine Brüste wie beim Milcheinschuss und wir haben vier Anrufe in Abwesenheit von den Schwiegereltern. Uhrzeit 2:26, 2:27, 2:32 und 2:38. Dazu eine WhatsApp gegen sechs Uhr morgens: “Allesgut”. Das hört sich genau nach dem Gegenteil an, denke ich und habe sofort ein schlechtes Gewissen. Mist. Wieso habe ich das nicht gehört? frage ich mich und dann fällt es mir ein: Im Restaurant hatte ich das Handy auf lautlos gestellt. Oh nein oh nein oh nein. Wir haben tief und fest geschlafen, und bei Schwiegerelters war Babydrama! Ein Foto von unseren zufrieden essenden Töchtern wird geschickt und beruhigt mich etwas. Puuuuh, das sieht ja ganz gut aus…trotzdem: Kaffee und los, die Babies holen. Mein Körper drängelt auch: Über Nacht hat sich mein Brustumfang verdoppelt und meine Brüste fühlen sich an wie beim Milcheinschuss.

Dritter Akt: Das Wiedersehen.

Unsere Babies sind also nicht diese Wunderkinder, die das erste Mal woanders übernachten und dann plötzlich durchschlafen. Nein, sie sind, wie ganz normale Stillbabies, irgendwann in der Nacht aufgewacht (abwechselnd, gleichzeitig, je nach Uhrzeit) und haben lautstark nach Mamas Brust verlangt. Als sie diese nicht gleich fanden, sind sie nur unter Tränen und Großmütterlichen herumgetrage wieder eingeschlafen, während Großvater das jeweils schlafende Kind bewachte. Auf die Aussagen der Großeltern, wer wann wieviel geschlafen hat, können wir uns nicht verlassen, da meine Schwiegereltern zum Typ: “Die ganze Wahrheit könnt ihr nicht vertragen” gehören. Angeblich haben die Babies mindestens sechs Stunden geschlafen. Die Großeltern, man sieht es ihren Gesichtern an, gar nicht, auch wenn sie es nie zugeben würden. Wir wissen nur: Wenn es nicht wirklich dramatisch schwierig gewesen wäre, zwei schreiende Babies zu beruhigen, hätten sie niemals versucht nachts um halb drei anzurufen.

Nachdem ich zur Tür reinkam, stürzten sich meine beiden Mädchen erstmal auf mich und tranken, tranken, tranken. Dabei versprach ich ihnen hoch und heilig, sie erst wieder woanders übernachten zu lassen, wenn sie es wollen. Der Mann war etwas geknickt ob des Ausgangs dieses Experiments. Er hatte ja noch ein kleinen Funken Hoffnung gehabt, dass sie vielleicht einfach durchschlafen. Die Schwiegermutter hat sämtliche Übernachtungspläne aufgegeben und findet Stillen jetzt “ganz schrecklich”, mit Fläschchen wäre das ja nicht passiert. Mit dieser Aktion ist mir also gleich noch mein Vorzeige-Status als Stillmama abhanden gekommen. Immerhin weiß ich jetzt, dass ich mich weiterhin am besten auf meinen Instinkt verlasse, und wenn der mir sagt, die Babies sind noch nicht so weit für dieses oder jenes, dann lassen wir es einfach. Und wenn anderer Leute Wunderbabies problemlos irgendwo durchschlafen, dann bleibt mir nur eins übrig: Den Eltern von Herzen ein paar schöne Abende zu zweit zu wünschen.

Et hät noch immer jot jejange!

Diese kölsche Redensart hat mich als alte Rheinländerin das erste Babyjahr begleitet. Egal, durch wie viele schlaflose Nächte und vermurkste Tage wir schlidderten, tief in mir drin wusste ich: Irgendwann geht das auch vorbei. Und dann merken wir, das wir das alles eigentlich total gut hingekriegt haben, für einen ersten Versuch.

“Nach dem ersten Jahr wird alles besser”

Dieses uralte Mantra trugen uns Zwillingseltern (und eigentlich alle Eltern mit Kindern von über einem Jahr) aus dem Bekanntenkreis bereits in Zeiten vor, als wir noch übernächtigt und vollkommen überwältigt von unserem plötzlichen Elterndasein waren. Welterfahren und mit allen Wassern gewaschen standen sie vor uns und warfen uns so ein paar Bröckchen Mut und Durchhalteparolen hin, die wir uns in anstrengenden Momenten immer wieder vorsagten: Nach dem ersten Jahr wird alles besser! Und wenn sie dann erstmal Laufen können! Und sprechen! Und was, zur Schule gehen, ausziehen, zur Uni und eine eigene Familie gründen oder wie?

Aber ja, sie hatten recht. Die Babies hatten ihren ersten Geburtstag und es ist wirklich alles “besser”. Je nach Betrachtungsweise kann das allerdings alles und nichts bedeuten: Sobald eine anstrengende Phase vorbei ist, schaue ich schon mit Herzchen in den Augen zurück. “Ach, war das süß als sie drei (vier, fünf, sechs…) Monate alt waren!” denke ich, wenn ich andere, kleinere, Babies sehe. Gleichzeitig sehe ich in einem Zustand der Dauerverliebtheit meinen Damen dabei zu, wie sie die Welt entdecken und jeden Tag etwas neues lernen. Wahnsinn, wie viel zwei so kleine Wesen abgucken, anschauen, anfassen (und essen) wollen!

Was soll dieses “besser” denn nun sein? Erstens sind wir in unser Elternsein hineingewachsen. Sätze wie: “Das sind meine Kinder” oder “Ich bin Mutter von zwei Kindern” fühlten sich im ersten Jahr noch ganz fremd in meinem Mund an. Mittlerweile bin ich ganz selbstverständlich Mama und wir vier sind, wirklich und wahrhaftig, eine Familie.

Et bliev nix, wie et wor

Wir haben uns eingespielt, wissen meistens, was zu tun und einzukaufen ist, packen die Wickeltasche im Schlaf und haben immer meistens ein paar Bananen dabei. Wir wissen, durch welche Ladentüren der Doppelkinderwagen passt, wann wir Zeit für ´nen Kaffee haben (und wann besser nicht) und wo die Spielplätze mit den Babyschaukeln sind.

Zweitens lernen wir unsere Kinder jeden Tag ein bißchen besser kennen. Wir staunen darüber, daß so kleine Wesen jetzt schon so verschieden sein können. Wir kommunizieren mit ihnen über Mimik, Laute und Gestik und freuen uns mit ihnen gemeinsam, wenn sie sich uns verständlich machen können. Wir wissen, welche gerne wild herumgewirbelt wird und welche am liebsten allein auf Entdeckungsreise geht. Jeden Tag zeigen sie uns uns ein Stück mehr von sich und entwickeln sich zu willensstarken kleinen Persönlichkeiten.

Drittens haben wir gelernt loszulassen, die beiden machen zu lassen und sie auch mal vertrauensvoll in andere Hände abzugeben. Spätestens seit sie in den Kindergarten gehen, sind wir überzeugt, dass es uns allen gut tut, das Mutter-Vater-Kind-Universum um die liebevollen Erzieherinnen und liebestollen Großeltern zu erweitern. Das Wissen, dass die zwei es auch eine Weile ohne uns aushalten wird uns jeden Tag durch zwei zufriedene Kindergartenbabies bestätigt. Mitzubekommen, wie sie mit anderen Kindern und Erwachsenen interagieren, wie eigenständig sie schon sind und wie sie sich auch anderen verständlich machen können, macht mich wirklich stolz! Und dass sie im Kindergarten auch gleich noch eine dritte Sprache im Alltag meistern, ist etwas ganz besonderes. Unglaublich, dass sie jetzt schon deutsch, spanisch und katalanisch verstehen!

Viertens können sie sich auch mal ein paar Minuten selbst beschäftigen. Zu Hause wird konzentriert gehämmert, Bücher angeschaut, die Puppenkiste ausgeräumt und eifrig “Wäsche sortiert”. Sie sind mobil und holen sich das, was sie gerade interessiert. Sie suchen natürlich noch häufig meine Nähe, wollen gestillt werden oder möchten, dass ich mit ihnen spiele. Nach einer Weile ist es dann aber völlig in Ordnung für sie, wenn ich aufstehe, einen Kaffee trinke oder ein bißchen aufräume. Hinter dem großen oder kleinen Bildschirm zu verschwinden ist allerdings tabu, das mögen sie verständlicherweise garnicht. Laptop und Handy versuche ich aber sowieso so selten wie möglich in ihrer Gegenwart zu benutzen. Wie auch immer, in Punkto Selbstständigkeit hat uns das vollendete erste Lebensjahr ein großes Plus mitgegeben.

Das alles zusammen erleichtert unseren Alltag enorm. Weniger anstrengend ist es dadurch allerdings nicht – aber irgendwie wuppen wir das jetzt. Das wichtigste dabei: Wir müssen nicht alles richtig machen. Und die Kinder erst recht nicht. Wir haben uns von unrealistischen Idealen verabschiedet (vor allem am Esstisch) und lassen die Tage in einer Mischung aus Improvisation und überlebenswichtigen Ritualen auf uns zu kommen. Irgendwie geht´s immer.

Tage, an denen wir uns einfach nur so durchhangeln und versuchen, uns gegenseitig an Müdigkeit zu übertrumpfen, gibt es immer noch. Wenn die Kinder krank sind. Wenn einer von uns einfach nicht mehr kann. Dann kommen wir als Eltern und als Paar an unsere Grenzen. Wir haben uns schon mehrmals gegenseitig zum Teufel (und wieder zurück) gewünscht… Schlecht gelaunt murmeln wir uns dumme Ratschläge zu oder schachern wie zwei Marktweiber um ein paar freie Minuten. Der Mann hat mir schon gestanden, dass er früher nie verstehen konnte, wie sich zwei frischgebackene Eltern trennen können – jetzt könne er es zumindest nachvollziehen. Und auch in meinem Kopf meldet sich ab und zu eine verbiesterte Hexe zu Wort: “Wie, der kann jetzt nicht mehr?! Ha! Da komm ich doch als Alleinerziehende besser klar!” (Käme ich sicherlich nicht, großer Respekt für alle alleinerziehenden Mütter und Väter!) Manchmal räumen wir auch nur mit grimmigen Gesicht schweigend gemeinsam auf und sparen uns jedes Wort, weil wir wissen: Eigentlich sind wir ja garnicht sauer aufeinander, sondern beide einfach nur todmüde. Dann reißen wir uns noch zu einem “Gute Nacht, mein Schatz” zusammen und fallen ins Bett. Solche Tage vergehen zum Glück auch 🙂

Jetzt sind wir also selber mit allen Wassern gewaschene und erprobte Zwillingseltern und können allen, die da noch kommen, sagen: “Es wird nicht alles besser, aber alles wird gut!”.

Zehn Gebote aus zehn Monaten Zwillingsmama-Dasein

1. Du sollst nicht duschen!

Und wenn, dann kannst Du froh sein, wenn du die Spülung ansatzweise wieder aus den Haaren waschen konntest. Kämmen is jedenfalls nicht mehr, schließlich musst Du zwei Babies mit akuter Mamitis betüdeln.

2. Du sollst neben uns keine anderen Interessen haben

Das ist einfach, weil deine Aufmerksamkeitsspanne vor lauter Hormonen und Stilldemenz sowieso nicht mehr für wirkliche Gespräche oder andere anspruchsvolle Tätigkeiten reicht. Die ständige Müdigkeit tut ihr übriges dazu. Instinkt, übernehmen sie!

3. Gedenke des Schlafes: Halte ihn heilig

Vor allem deinen. Dann den deiner Babies. Der Mann schläft sowieso durch, auch wenn ein schreiender Winzling neben ihm liegt.

4. Fünf Tage wirst Du alleine mit den Babies deine Arbeit tun.

Dann kommen zwei wunderbare Tage, an denen der Mann da ist und alles wird etwas fluffiger. Vor allem kannst Du in Ruhe duschen.

5. Ehre deine Eltern, deine Schwiegereltern, Verwandte, Freunde und Bekannte.

Denn sie bringen sie Dir Essen, Geschenke, helfen beim Wäsche waschen und bestaunen Deine Babies. Längeren Besuch kann man gut für eine Dusche nutzen (mit Spülung UND eincremen!).

6. Du sollst nicht begehren deines nächsten Eis.

Hol dir selber eins. Oder nach was auch immer Dein Stillhunger verlangt. Nie wieder konnte ich so viel essen und dabei abnehmen. Nach zehn Monaten wurden die (saubequemen) Schwangerschaftshosen wieder gegen meine “normalen” Jeans ausgetauscht.

7. Du sollst deinem Mann hin und wieder ein Lächeln schenken.

Es bricht mir immer noch das Herz, wenn ich daran denke, wie mein Mann mich einmal glücklich anlachte, weil er dachte ER sei gemeint als ich liebevoll in seine Richtung schielte. Er hatte ein Baby auf dem Arm.

8. Sei lieb zu deinem Mann ( nur lächeln reicht nicht).

Er bringt Dir jeden morgen ein Croissant zum Frühstück, hat sich die ersten vier Wochen aufopferungsvoll um dich und zwei Babies gekümmert, bringt den Müll raus, räumt das alltägliche Chaos auf und kocht Dir leckere Tiefkühlpizza. Und selbst wenn er noch so toll mit einem Baby spielt, ist Mama zur Stelle, wird er gnadenlos ignoriert.

9. Du sollst dich an falsche Empfehlungen, dumme Sprüche und nervige Kommentare gewöhnen.

Du wirst sie alle hören, mehrmals: Von “Oh, Zwillinge!” über “Schlafen sie schon durch?” bis hin zu “wenn Du sie immer gleich auf den Arm nimmst, gewöhnt sie sich noch dran!” oder “lass sie im Kinderwagen ruhig mal schreien, sonst nutzen sie das aus und wollen immer gleich wieder raus” oder oder oder oder oder *augenverdreh

10. Du sollst nicht nach dem verlangen, was Du nicht hast. Sondern genießen, was Du bist.

Eine Zwillingsmama, die das Privileg hat, zwei kleine Wesen gleichzeitig aufwachsen zu sehen. Manchmal denkt man, “jupp, nur ein Baby zu haben muss ja extrem entspannend sein”, vor allem wenn gerade eines schläft. Mütter von Einzelbabies haben mir aber glaubhaft versichert, dass es auch nicht viel flauschiger zugeht als bei uns. Und die bekommen kein doppeltes Lächeln zurück! <3

Vereinbarkeitsbrei

Es gibt Tage, an denen es mich einfach erwischt. Tage, an denen alles super gelaufen ist, auch wenn der Mann mal länger arbeiten musste. Wir waren draußen (die Babies und ich), wir hatten Spaß (die Babies und ich) und es gab Essen zu den richtigen Essenszeiten (vor allem für die Babies). Tage, an denen alles gepasst hat und ich ein bißchen stolz auf mich war, den Zwillingsalltag so gut zu meistern.

Dann liegen die Babies friedlich schlafend im Bett, das Wohnzimmer sieht nicht mehr nach Kindergarten aus, der Mann und ich genießen beim Abendessen die ersten ruhigen Minuten und wusch! öffnen sich die Schleusen und ich sitze schniefend am Tisch und finde alles doof.

Naja, alles nicht. Aber die Unvereinbarkeit von Berufsleben, Alltag, Familie und Ich-Sein. Das hätte ich gerne alles gleichzeitig. Überraschenderweise bin ich durch das Mama-Sein nicht zu einer Frau mutiert, deren Lebensglück einzig und allein in der Aufzucht ihrer Kinder liegt. Auch wenn mich die Zeit, die ich mit den Babies verbringe, ausgesprochen glücklich macht. Trotzdem mag ich meinen Beruf, würde gerne mal ein paar Freunde treffen und träume von echter Arbeitsteilung. Und davon, dass Kinder in den Berufsalltag aller Beteiligten integriert werden können.

Die letzten Monate hat der Mann Vollzeit gearbeitet (bis auf die ersten fünf Wochen nach der Geburt), während ich Vollzeit mit den Babies zu blieb. Weil ich Stillen wollte, hielten wir das für eine gute Idee. Und solange ich noch voll gestillt habe, war es das auch. Mit zehn Monaten schaffen es die Babies es aber auch mal eine Weile ohne mich und ein kleiner Ausflug in die Erwachsenenwelt ab und an wäre schon fein…

Arbeiten? Ja, gerne!

Vor der Babyzeit hätte ich nie gedacht, dass mir meine Arbeit fehlen würde. Ein Jahr Auszeit wollte ich bitte haben und mich ganz bewusst meinen Babies widmen. So wie in Deutschland. Das habe ich auch gemacht und sehr genossen. Jetzt denke ich, ab und zu ein kleiner Ausflug in die Arbeitswelt hätte mir sicher nicht geschadet (und unserem Geldbeutel auch nicht). Wie auch immer, zwischen allgemeiner Müdigkeit, Baby-Spaß und Wochenende-Aktionen hat es dazu nicht gereicht. Auch, weil es mir nie darum ging, die Kinder irgendwie wegzuorganisieren, um vorm Rechner hocken zu können.

Als Ganztags-Babybeauftragte erscheint mir jedoch der Gedanke, einfach so aus dem Haus zu gehen und nicht ständig von zwei Augenpaaren beobachtet zu werden, manchmal geradezu himmlisch. Dann bin ich neidisch auf des Mannes Arbeitszeiten: Alleine! Nein, mit Kollegen in einem Büro vorm Computer zu sitzen und Stunden (!) konzentriert (!!) zu arbeiten, ein Traum… Natürlich weiß ich, dass das so überhaupt nicht stimmt und die Bilder in meinem Kopf höchstens drittklassige Arbeitswelt-Stockfotos sind.

In meinen Tagträumen arbeiten der Mann und ich Teilzeit und unser Leben ist gleichwertig zwischen Arbeit, Babies und Erwachsenenalltag aufgeteilt. Ja, haha, ich weiß, das ist utopisch. Gerade hier in Spanien, wo der Mutterschutz so kurz ist und Väter erst seit 2017 einen ganzen Monat zur Geburt freibekommen. Da kann ich froh sein, dass ich die Babies nicht mit vier Monaten abstillen und in die Kinderkrippe geben musste.

Mama einsam

Eine so lange Babyzeit zu haben, sehe ich durchaus als Privileg. Fast alle anderen Mütter, die ich hier vor Ort kenne, haben spätestens nach einem halben Jahr ihre Babies bei den Großeltern gelassen oder in die Krippe gegeben.

Wenn ich den Kinderwagen samt Babies aus dem Haus habe, treffe ich auf meinen Spaziergängen an der Strandpromenade entweder joggende Mütter mit Babies unter drei Monaten, kinderwagenschiebende Großeltern oder Rentner mit und ohne Hund. Ähnliches spielt sich in den leeren Supermärkten ab. Der Kontakt zu anderen Erwachsenen ist entsprechend selten.

Zum Glück gibt es “das Internet”, wo ich auf diversen Blogs herumlesen kann und sehe, dass ich nicht alleine mit meinen Gedanken bin. Schön, dass es so viele Frauen gibt, denen es ähnlich geht, die schreiben, die twittern, die für einen da sind. Irgendwie seltsam aber auch, dass wir alle da so einzeln in unseren Wohnungen sitzen und vor uns hin schreiben.

Richtig getroffen hat mich die Mama-Einsamkeit das erste Mal nach drei Monaten, als die Babies so wahnsinnig abhängig von mir waren. Da hängt man da und kommt zu nichts, schafft es kaum zu duschen und ist quasi am dauerstillen oder so doof mit den eingeschlafenen Babies verwurschtelt, dass man da nicht wieder raus kommt ohne mindestens ein Baby zu wecken. Da dachte ich immer: Wie zur Hölle haben die das früher gemacht? Schon geistert einem der afrikanische-Dorf-Spruch durch den Kopf. Oder die steinzeitlichen vier Stunden “Arbeitszeit”, die angeblich reichen sollen, um genug Wild zu erlegen und Beeren zu sammeln. Da konnte man ja sogar noch in Ruhe Höhlenwände bemalen UND sich um die Babies kümmern!

Seit wann gibt es diese Aufteilung, seit wann wird Familie so gelebt wie heute? Unsere Lebensweise gibt es ja noch garnicht so lange. In Städten, Dörfern, auf Bauernhöfen? Wer hat sich da alles um Kinder gekümmert? Da gab es ja sicher auch Standesunterschiede. Wie haben sich Familien früher organisiert? Sollte ich irgendwann mal wieder Langeweile haben, werde ich das mal recherchieren. Bis dahin denke ich mir eine Mischung aus Großfamilie, Bullerbü und Stammesleben. So in etwa wird´s wohl gewesen sein.

Oder ich stelle mir vor, eine rotbackige Bäuerin auf Lönnerberga zu sein. Meine Kinder würden den ganzen Tag barfuss dem Knecht Wie-hieß-der-noch? hinterherrennen. Wenn sie dann endlich rennen können. Zugegebenermaßen müsste ich als Bäuerin ziemlich früh aufstehen, aber immerhin hat Michels Mama auf Lönnerberga jeden Abend Zeit, seine Streiche aufzuschreiben, also wird das schon passen (so gesehen hat sie ja quasi den Mama-Blog erfunden).

Jetzt ist meine Babyzeit bald vorbei, und ich werde langsam aber sicher wieder am Erwachsenenleben teilnehmen können. Darauf freue ich mich: Mit erwachsenen Menschen zu sprechen, in Ruhe vorm Computer zu sitzen und Pixel hin und her zu schieben. Und meine Babies machen ihre ersten Schritte in Richtung Selbstständigkeit – die Zeit, die Zeit, wie sie vergeht!

Es wäre so schön, wenn man das mit der Arbeit und den Kindern und dem Leben irgendwie unter einen Hut bekäme. Dann würde ich die Babies mit ins Büro nehmen, wo es eine Spielwiese gäbe und jeder würde sich mal ein paar Minuten mit ihnen beschäftigen. Vielleicht wäre das ja auch eine gute Methode zur Entschleunigung? Niemand müsste seine Kinder abgeben, damit er acht Stunden vorm Rechner sitzen kann, sondern alle kümmern sich gemeinsam um sie.

Und, wovon träumt ihr so?

Mein Wochenbett in Spanien

Ungeachtet der schwierigen Geburt und meines Ruhebedürfnisses hatten wir in den ersten Wochen immer wieder Besucher bei uns. Auch wenn mein Schamgefühl schon im Krankenhaus weit unter meine eigentliche Schmerzgrenze gerutscht war, so richtig gelegen kam mir der Besuch fast nie. Irgendwie hatte ich mir das Wochenbett so gemütlich vorgestellt, man wird umsorgt und behütet, aber weitestgehend mit seinen Babies in Ruhe gelassen. Ich hatte ein heimeliges Bild im Kopf, wo alle um einen herumhuschen und man ansonsten ausgiebig mit seinen Babies kuschelt und vor allem viel schläft.

Als soziales Völkchen, dass die Spanier nunmal sind, scheinen diese eine vollkommen andere Idee davon zu haben. Zur engeren Verwandtschaft zählen hier jedenfalls nicht nur direkte Onkel und Tanten, sondern auch Cousins zweiten oder dritten Grades oder gute Freunde meiner Schwiegereltern. Alle fühlen sich verpflichtet, vorbeizukommen. Sogar die Eltern, die Schwester und der Cousin meines angeheirateten Schwagers kamen vorbei, um die Babies zu bestaunen.

Manchmal habe ich versucht, im Kopf den Verwandtschaftsgrad auf meine deutsche Familie zu übersetzen und festgestellt, dass ich niemanden davon kenne – geschweige denn, dass diejenigen sich verpflichtet fühlen würden, vorbeizukommen und dazu noch ein Geschenk dazulassen. Die Tochter des Cousins meines Vaters? Kenne ich nicht. Von meiner Schwester deren Freund dessen Eltern? Die kämen sicher nicht spontan vorbei.

Manchmal kam es mir absurd vor, hier ist es anscheinend vollkommen normal. Zumindest bei meiner andalusisch-aragonesisch-katalanischen Schwiegerfamilie. Man verfällt ja schnell dazu, zu verallgemeinern: Sind die alle hier so, oder ist das eine spezifische Eigenart meiner spanischen Anverwandten? Vom Hörensagen weiß ich, dass nicht alle Familien hier so …familiär? sind. Andererseits sehe ich bei unseren Freunden und Bekannten viel mehr Kontakt innerhalb der Familien, als es bei uns in Deutschland (oder ist das auch wieder nur in meiner Familie so?) üblich ist.

Jedenfalls kamen diese und jene Menschen bei uns vorbei und schenkten und schauten. Für mich war es anstrengend, aber ich will auch nicht undankbar sein. Schließlich ist es ja auch schön, dass so viel Anteil genommen wird und die Geschenke wurden vorher oft mit uns abgesprochen. Oder wir bekamen direkt Geld geschenkt. Alles, was wir bekommen haben, konnten wir gebrauchen und benutzen, das war schön.

Das sind wohl die zwei Seiten der Medaille – einerseits denke ich oft, in Deutschland geht uns einiges verloren damit, dass Familie häufig nur bedeutet: Vater-Mutter-Kind, dazu vielleicht noch Großeltern und Tanten. Andererseits war ich auf den Besucherandrang doch nicht gefasst. Dabei hatte ich schon in der Schwangerschaft eine Vorahnung und trichterte dem Mann ein: Wenn jemand vorbeikommen will und das in dem Moment nicht möchte, musst du hart sein und absagen.

An Tag eins nach Entlassung aus dem Krankenhaus besuchten uns (gleichzeitig):
zwei Omas,
ein Opa,
eine Tante,
ein Onkel,
eine Großtante,
eine Uroma,
und eine Urgroßtante der Babies.

Danach war ich so platt, dass der Mann die liebe Freundin, die kurz reinkommen wollte, wegschicken musste, weil ich sonst in Tränen ausgebrochen wäre. Dabei hätte ich gerade sie gerne gesehen. Nur halt nicht direkt nachdem acht Menschen bei uns waren, die alle gleichzeitig redeten und lachten und mir beim Stillen zuguckten.

Von Freunden in Deutschland habe ich gehört, dass der ein oder andere beleidigt war, weil er nicht eingelassen wurde oder die einfache Bitte um Ruhe auf Unverständnis stieß. Mir scheint es manchmal, als wäre die Mutter plötzlich nebensächlich, sobald sie ein Kind im Bauch hat, und erst recht wenn das oder die Kinder da sind. Dabei weiß niemand, wie die letzten Wochen der Schwangerschaft waren, wie die Geburt war (in meinem Fall waren allerdings alle bestens unterrichtet) und ich wünschte, es würde einfach akzeptiert, dass man gerade am Anfang vielleicht einfach ein bißchen unter sich sein möchte und sich als Familie beschnuppern will.

Nach ein paar Wochen war der Spuk vorbei. Es wurde Sommer und die erste Hitzewelle trieb uns abends aus dem Haus. Endlich konnte ich mich wieder halbwegs schmerzfrei bewegen. Unser Ausflugsradius blieb anfangs recht klein; einerseits waren wir noch blutige Anfänger als Zwillingseltern und trauten uns nicht weit weg, andererseits gab es da dieses nette kleine Café um die Ecke. Dort gab es das stadtbeste Eis, Pizzastücke und Horchata – alles was ich als stillende Zwillingsmama begehrte. Einen Großteil des Sommers verbrachten wir so, bis im August die Bürgersteige hochgeklappt wurden und alle Welt in Urlaub fuhr. Doch das ist eine andere Geschichte.

Und, wie ist es so mit Zwillingen?

Wenn ich das letzte Jahr Revue passieren lasse, fällt mir auf: Das hört sich  unglaublich anstrengend an! Und ja, das war es auch. Vor allem aber ist es ein ganz besonderes Geschenk, zwei Menschen beim Wachsen zusehen zu dürfen. Soviel vorweg.

Als ausgeprägter Morgenmuffel und spontaner Mensch konnte ich mir während der Schwangerschaft kaum vorstellen, dass ich im Babyalltag nichts so sehr begrüßen würde wie einen festen Tagesrhythmus. Der hat sich in den letzten drei Monaten  herauskristallisiert und verschafft mir mehrmals täglich kleine Verschnaufpausen. Den Rhythmus haben sich Babies übrigens selbst ausgesucht – die Idee, “einfach” mit den Babies unseren bisherigen Alltag fortzuführen, hat sich schon mit Einsetzen der Wehen klammheimlich davongemacht.

Und sonst? Nun jut, man kommt zu nix. Okay, fast nix. Irgendwas bleibt immer auf der Strecke. Duschen oder Schlafen oder Schreiben oder Kochen oder Rausgehen oder nach Hause telefonieren oder Wäsche waschen, falten, wegräumen… Was auch immer im Alltag erledigt werden muss, mehr als zwei Aufgaben nehme ich mir nicht vor. Der Rest vergeht mit Stillen, Babybrei machen (seit neuestem), Wickeln, in den Schlaf begleiten, Babys bespielen und bespaßen. Und dann ist es, zack, fünf Uhr. Und man wollte doch noch. Aber die Babies müssen raus (und ich auch).

Zwei so kleine Wesen brauchen ganz schön viel Aufmerksamkeit. In meinem Kopf sah ich immer zwei satte zufrieden spielende oder vor sich hin staunende Babies vor mir, die eigentlich nur weinen, wenn sie hungrig oder müde sind. Ha. Ha. Ha.

Wenn ich “zu lange” etwas anderes mache, melden sie sich. Das kann nach fünf oder 25 Minuten so weit sein. Dann ist ihnen langweilig oder sie lernen gerade sich umzudrehen und schaffen es nicht zurück auf den Rücken. Auf einmal dreht man den ganzen Tag Babies auf den Bauch oder auf den Rücken, reicht diese Rassel oder jene und fängt so spontan an zu singen wie ein Hauptdarsteller im Musical. Währenddessen hofft man, beiden in etwa die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken und die Kuscheleinheiten gerecht zu verteilen – puuuuuh.

Ein Höllenritt oder Die ersten zwei Monate mit Zwillingen

Zum Glück hat die Natur es so eingerichtet, dass man nach der Geburt noch ziemlich lange auf einer Welle von Glückshormonen und Adrenalin dahinrauscht. Keine Ahnung, wie man die erste Zeit mit den Babies sonst überleben soll. So in etwa stelle ich mir vor, einen Marathon zu laufen und zu gewinnen. Jeden Tag.

Durch den Kaiserschnitt und den hohen Blutverlust war ich die ersten Wochen ziemlich wackelig auf den Beinen. Meistens lag ich mit ein bis zwei nuckelnden Babies auf dem Sofa. Ab und an schliefen sie in ihrem Stubenwagen (a.k.a. Kinderbett auf Rädern, weil da beide reinpassten), aber am liebsten lagen sie auf oder an mir.

Als wir frisch zu Hause waren, behielten sie zunächst ihren Krankenhaus-Rhythmus bei. Das hieß alle drei Stunden wickeln, trinken, weiterschlafen. Das Vertrauen, dass die Babies schon selber wissen, wann sie Hunger haben, kam erst mit der Zeit. Auch die Schlafgewohnheiten änderten sich nur langsam. Anfangs legten wir sie jede Nacht zusammen in ihr Bettchen. Sie zum Stillen jedesmal herauszuholen, hat mich schnell genervt und uns alle viel Schlaf gekostet. Also haben wir nach einiger Zeit eine Seite vom Kinderbett entfernt und es hochprofessionell mit Kabelbindern an unserem Bett befestigt. Bis heute liege ich so nachts zwischen den beiden und muss mich zum Stillen nur in die eine oder andere Richtung drehen.

Der Mann ging nach fünf Wochen wieder voll arbeiten. Also googelte ich tagsüber verzweifelt Dinge wie “Alleine mit Zwillingen, wie organisiere ich mich?”. Das Internet schwieg. Durch die Anfangszeit muss man wohl einfach durch. Oft blieb ich mit den beiden einfach so lange es ging im Bett und stümperte mich dann irgendwie durch den Nachmittag.

Von anderen Eltern bekamen wir Mut zugesprochen: “Jetzt seit ihr im Auge des Sturms. Noch ein bißchen durchhalten und alles wird besser.” Und das wurde es. Wöchentlich! Anfangs zogen sich die Tage unendlich – und die Monate flogen nur so dahin. Wir spielten uns als Familie ein und aus den Säuglingen wurden Babies. Sie fingen an zu lächeln, zu schauen, das Köpfchen zu heben, zu greifen und sich zu drehen.

Helfer willkommen!

Die erste Woche zuhause war meine Mutter da und half, wo sie konnte. Essen kochen, aufräumen, einkaufen. Nicht sehr dankbare Aufgaben für eine frischgebackene Omi, aber ich und die Babies waren nach der anstrengenden Zeit im Krankenhaus im Dauerkuschel-Schlaf-Still-Modus und wollten nichts außer Zusammensein.

In den folgenden Monaten hatten unsere Besucher mehr Babyspaß, nichtsdestotrotz war die beste Hilfe ein frisch gekochtes Essen. Nie haben wir schlechter gekocht und gegessen als in den ersten Babymonaten. Gemeinsam zu essen war am Anfang fast unmöglich. Wie oft war das Essen fertig und die Babies hungrig! Abendessen nachts um zwölf? Mehr als einmal passiert. Bis heute schlafe ich oft mit den Babies ein und werde vom Mann zum Abendessen geweckt.

So tagträumte ich bisweilen von einem täglich frischen Häppchen-Buffet im Wohnzimmer, wo ich mir nur im Vorbeigehen was schnappen müsste. Leider lief es viel zu oft auf halbverbrannte Tiefkühlpizza und lasche Pasta mit Tomatensauce hinaus.

Mittlerweile sind aus den beiden zwei sehr soziale Wesen geworden, die sich gerne von Omas und Opas, Tanten und Onkeln beknuddeln und bespaßen lassen. Auch für die Kinderwagengucker bei unseren täglichen Spaziergängen ist oft ein Lächeln drin. Diese Kontaktfreudigkeit nutzen wir natürlich schamlos aus und überreichem dem glücklichen Gegenüber gerne ein Baby, um in aller Ruhe einen Kaffee zu trinken oder zu essen.

Mit Zwillingen allein zu Haus

Als Zwillingsmama habe ich eines sehr schnell gelernt: Gelassenheit. Das bedeutet, mich nicht von jedem Quaken aus dem Konzept bringen zu lassen. Sich einzugestehen, dass ich nicht immer beiden gerecht werden kann. Auszuhalten, dass ein Baby weiter weint, während das andere gestillt wird oder gerade einschläft. Zu lernen, beide gleichzeitig zu beruhigen (oder zumindest abzulenken). Ein selig schlafendes Baby aus dem Arm zu legen, weil das andere auch hungrig ist. Im Zwillingsalltag gibt es Unmengen solcher Momente. Das kann einem das Herz brechen. Am liebsten würde man sich zweiteilen, statt sich ständig zu fragen: Welches Baby braucht mich jetzt mehr?

Es gibt Tage, an denen ich mittags im Pyjama auf dem Boden sitze und die Babies auf meinem Schoß wippe. Es gibt Tage, an denen sie ein kleines Nickerchen machen und ich duschen kann. Und dann gehen wir eine Runde raus, weil das Wetter so schön ist. Dann gibt es Brei und irgendwie ist es schon wieder so spät und ich habe selber noch nichts gegessen. Es gibt Tage, an denen sie einfach nicht einschlafen wollen, obwohl sie selbstverständlich todmüde sind. Das einzige was mir hilft, ist ein fester Rhythmus – und die Disziplin, diesen einzuhalten. Angefangen haben wir damit etwa ab dem vierten/fünften Monat, wirklich rund läuft es hier erst seit ein paar Wochen. Und immer noch kann ein zu spät gemachter Brei mir den ganzen Tagesablauf durcheinander bringen.

Dazu muss ich sagen, die Babies sind jetzt acht Monate alt und in einer für mich sehr komfortablen Phase. Sie sind groß genug, um sich eine Weile selbst zu beschäftigen und beweglich genug, um an ihr Spielzeug heranzukommen. Und auch wenn eine mittlerweile kreuz und quer durchs Wohnzimmer wuselt, bin ich zum Glück immer noch schneller. Für mich bedeutet das, ich kann in Ruhe meinen Kaffee trinken. Naja, fast. Es wird sicher nicht mehr lange dauern, bis ich hier mit zwei in verschiedene Richtungen krabbelnde Babies sitze, die ich vor ungeahnten Gefahren bewahren muss.

Allen zukünftigen Zwillingseltern möchte ich an dieser Stelle herzlich gratulieren (das machen viel zu wenige)! Das schafft ihr!

Tagebuch: Morgen Kinder, wird´s was geben…

Heute war so ein Nachdenke-Tag. Weihnachten nähert sich mit Riesenschritten, es steht im wahrsten Sinne vor der Tür und die Woche ist viel zu schnell vergangen, wie immer. Vor ein paar Tagen haben wir einen neuen kleinen Menschen in unserer Familie willkommen geheißen. Und zack, da war sie, die Nachdenklichkeit. Was mir heute alles durch den Kopf geschwirrt ist!

Erstens habe ich daran gedacht, dass ich mir früher immer ausgemalt habe, wie meine Kinder und die meiner besten Freundin und Cousinen genau wie wir als Nachbarskinderbande die Gegend unsicher machen. Jetzt sind wir alle in anderen Städten und Ländern und es stellt sich die Frage, ob sie überhaupt jemals wirklich befreundet miteinander sein werden.

Die Babies sind heute wie immer so gegen acht aufgewacht, der Mann hatte noch Zeit, sie zu wickeln (juhu!) und ich konnte fünf Minuten weiter dösen. In den letzten Tagen ist Junibaby plötzlich nachts um vier aufgewacht und war eine Stunde wild am wippen, da half nichts außer aufstehen und im Arm herumtragen, bis sie einschlief. Wir sind also etwas müder als sonst und schieben es, wie alle unerklärlichen Nöligkeiten der Babies, auf das Zahnen. Naja, Zahnen oder Wachstumsschub, wobei sie so gesehen schon seit Monaten dauerzahnen und dauerschuben, das ist ja auch nicht realistisch, aber was soll´s, irgendwas wird´s schon sein.

Erstmal Kaffee und ein bißchen spielen, was im Moment bedeutet, die Babies aus womöglichen Gefahrenzonen wegtragen und Papierfetzen aus dem Mund holen. Dann gibt es Obst, welches unter mäßiger Begeisterung zermatscht und gegessen wird. Bei den kleinen Mengen fragt man sich ja schon, ob das auch wirklich reicht an Essen. Also google ich ein bißchen zu BLW und Beikost herum und bin wieder beruhigt. Solange ich weiterhin stille, scheint alles in Ordnung zu sein.

Nach einem kurzen Nickerchen gehen wir duschen, also ich, und die zwei staunen dazu. Für meine tägliche One-Man-Show sind die beiden sowieso ein sehr dankbares Publikum. Aber bloß nicht trödeln, sonst werden sie ungehalten! Ein abwechslungsreiches Programm wird gewünscht! Haare kämmen wird mit großen Augen beobachtet, außerdem gibt es heute “Das große Wäscheaufhängen” und “Fegen” im Programm.

Danach gibt es Mittagessen für alle und Siesta im Kinderwagen. Jacken anziehen ist blöd, aber sobald ich die Haustür aufmache, freuen sich beide und schlafen sogar bald ein. Wir drehen eine Runde am Strand. Bei Palmen und Meer kommt mir das letzte Fitzelchen Weihnachtstimmung abhanden, dabei ist in der Stadt fein dekoriert, aber es ist einfach nicht kalt und dunkel genug. Außerdem fehlen mir Poffertjes, Glühwein und gebrannte Mandeln. Eigentlich komisch, dass sich das mit der weißen Weihnacht so durchgesetzt hat, schließlich ist Bethlehem ja auch kein verschneites kleines Bergdorf. Die Krippen hier sind so gesehen viel realistischer, da reiten die heiligen drei Könige durch eine Art Wüste und Palmen gibt es auch.

Der Tag rast so vorbei, ich bin aufgeregt, weil wir noch packen müssen, die Geschenke sind natürlich noch nicht fertig gebastelt und morgen früh geht es schon zum Flughafen. Wie immer läuft kurz vor den Feiertagen das Handy heiß und ich verabschiede mich gedanklich von einer besinnlichen Weihnachtszeit. Es wird wie jedesmal der Versuch werden, alle lieben Menschen unter einen Hut zu bringen und am Ende hat man das Gefühl, für keinen so richtig Zeit gehabt zu haben. Oder man hat sich wirklich Zeit genommen und dafür nicht jeden getroffen, den man das Jahr über so vermisst hat. Man kennt das ja.

Dazu kommt noch der ganz normale Weihnachtskoller, den ich jedes Jahr bekomme. Wer und was sich da alles immer zusammenrauft und zusammenbraut ist filmreif. Muss das so? Ist das einfach der ganz normale Wahnsinn?

Die Babies schreien und nörgeln sich durch den Nachmittag, heute ist es wirklich ein Zahn, da ist was spitziges zu ertasten. Die andere heult empathischerweise gleich mit, beide sind anhänglich und wollen auf den Arm, also verbringe ich wertvolle Koffer-Pack-Stunden kinderliedersingend auf dem Boden sitzend.

Schwägerin und Schwager kommen noch zum Verabschieden vorbei, der Mann ist das erste Mal über Weihnachten mit in Deutschland, was mich sehr freut – aber auch sehr nervös macht. Ich hoffe, er fühlt sich wohl. An den eigenen Familienwahnsinn ist man ja gewöhnt, aber so ein Schwiegerfamilienwahnsinn in einem anderen Land ist eine ganz andere Nummer (ich spreche da aus Erfahrung). Zwischendurch frage ich mich, ob die Option “einsame Berghütte zu viert” noch umzusetzen ist, dann denke ich: Augen zu und durch. Wie jedes Jahr wird es schon werden, das Essen wird schmecken, der Baum fachgerecht aufgebaut, geschmückt und beleuchtet sein und die Weihnachtslieder lassen sich wunderbar schief singen.

Und dann schlafen die Babies endlich, wir essen Tiefkühlpizza und packen zu viel Zeugs ein und tja, irgendwie musste ich diesen Tag noch loswerden. Jetzt aber ins Bett, morgen früh um sechs geht es los und Fliegen mit zwei siebenmonatigen Babies ist eine weitere Herausforderung. Also, gute Nacht und Frohes Fest!

Die erste Woche mit Zwillingen – ein Rückblick

Als die Zwillinge gerade geboren waren, und alles neu, schlaflos und aufregend war, hat es uns jeder gesagt: Die Zeit vergeht so schnell, genießt es! Wir haben es genossen und genießen es noch immer, aber ich muss sagen: Die ersten zwei Monate waren verdammt anstrengend. Wir mussten uns aneinander gewöhnen und versuchen, den Alltag zu meistern.

Irgendwann um den dritten Monat herum wurde es auf einmal leichter: Mehr Schlaf, mehr Routine, mehr Gespür füreinander. Jetzt sind die Zwillinge längst keine winzigen Säuglinge mehr, sondern richtige Babies. Und ja, die Zeit ist so! schnell vergangen! Wie immer, wenn die Babies einen kleinen Geburtstag haben, erinnere ich mich an die erste Woche zu viert…

“La Bessonada”

Auf die schwierige Geburt folgten anstrengende Wochen. Davon war die erste sicher die schwierigste. Zwei Tage lag ich auf der Intensivstation und konnte meine Babies nur auf den Fotos sehen, die der Mann mir zeigte. Die ersten zwei Tage in ihrem Leben habe ich verpasst. Es gab keinen kuscheligen Stillbeginn mit Haut-an-Haut-Kontakt, sondern Fläschchen für sie und Milchpumpe für mich. Der Mann pendelte zwischen mir und den Babies hin und her und hielt meine Familie und die beste Freundin in Deutschland auf dem Laufenden. Erst nach 36 Stunden, als er wusste, dass ich außer Gefahr war, konnte er etwas schlafen.

Aber die Babies mussten ja auch versorgt werden! Alle drei Stunden kamen die Kinderkrankenschwestern und brachten die Fläschchen. Die Großeltern und Tanten kamen, um zu helfen. Währenddessen wartete ich darauf, endlich meine Mädchen in die Arme zu schließen.

Bekannt als “La Bessonada” waren wir fester Bestandteil des Krankenhaustratsches (das katalanische Wort für Zwillinge ist bessons, also könnte man den Begriff grob mit “die Zwillingerei” übersetzen). So eine dramatische Geburt, die Mutter immer noch auf der Intensiv und die zwei Neugeborenen mit dem Vater auf der Kinderstation, das spricht sich herum.

Alle nahmen Anteil, von der Putzfrau bis zum Oberarzt. Die Kinderkrankenschwester kam zu mir, um nach der “Mami von den zwei Schönen” zu schauen und zu sagen, dass es ihnen gut geht und sie auf mich warten. Die Hebamme, welche mich bei der Geburt begleitet hatte, schickte eine Freundin vorbei, die gerade Dienst hatte (sie selbst kam bei ihrem nächsten Dienst natürlich auch). Die Ärztin, die den Kaiserschnitt gemacht hatte und der Arzt, der mich durch die letzten Wochen der Schwangerschaft betreut hatte, kamen natürlich. Alle waren sehr herzlich und liebevoll und machten uns Mut.

Eine schrecklich schöne Woche

“Ein Mann hätte das nicht geschafft. Aber diese frischgebackenen Mütter haben etwas in sich…” sagt der Arzt, als er mich endlich von der Intensivstation entlässt. Ob es wirklich geholfen hat, dass ich meine Babies noch einmal kurz sehen konnte, bevor die Narkose wirkte? Am Nachmittag des zweiten Tages darf ich jedenfalls endlich zu ihnen. Ein Pfleger schiebt mich im kollernden Bett durch die Flure zum Aufzug. Ich bin aufgeregt und nervös. Als wir ins Zimmer kommen, wartet mein Mann auf mich. Die Babies werden gerade gewogen und gebadet. Im ersten Moment bin ich etwas enttäuscht und unruhig, dann hören wir schon Geschrei und die klappernden Bettchen im Flur.

Kamen beide gleichzeitig herein oder nacheinander? Ich weiß nur noch, daß ich ziemlich schnell beide an der Brust hatte und meine kleine Erstgeborene seit dem Moment nicht mehr von meiner Seite wich. Die erste Nacht mit den beiden habe ich fast nicht geschlafen, so aufgeregt war ich. Ständig musste ich diese kleinen Wunderwesen betrachten und bestaunen.

Die weiteren Tage im Krankenhaus waren irgendwie schrecklich, absurd und wunderschön. Schrecklich, weil ich überall Schläuche hatte, die Narbe schmerzte und ich mich kaum bewegen konnte. Ständig musste mir jemand die Babies anreichen und mir helfen, mich in Stillposition zu bringen. Mich schmerzte, dass ich nicht die Kraft hatte, die beiden selber zu wickeln, auch wenn das Papa, die Krankenschwester oder die Tante super erledigt haben.

Eigentlich wollte ich nur mit den beiden alleine sein, stattdessen gab es im Krankenhaus-Alltag kaum Ruhepausen. Alle drei Stunden Fläschchen, dazwischen Visite für mich, für die Babies, Frühstück, Babies wiegen und baden, waschen und Medikamente für mich, netter (und weniger netter) Besuch, Mittagessen, wickeln…so ging es Tag und Nacht weiter. Dazu schwitzte ich vor mich hin, die Sonne knallte ins Zimmer und man konnte die Fenster nicht öffnen. Also alles andere als schön.

Absurd, weil einige Situationen so doof waren, dass wir nur noch ungläubig lachen konnten. Es gab sehr nette Kinderkrankenschwestern (meistens die jungen) und die abgebrühten Nachtschwestern alter Schule mit ruppigem Griff und strengem Gesicht. Mit letzteren stritten wir uns, wenn die Babies ihre Fläschchen nicht ausgetrunken hatten – obwohl ich ja bereits stillte. Die andere Mutter, die für zwei Stunden das Zimmer mit uns teilte: Drei Neugeborene und zwei Elternpaare in einem Raum, dazu mein desolater Zustand und Besuchszeit. Grauenhaft! Am Nachbarbett eine frischgebackene Oma und eine von der Geburt erschöpfte Mama, während ich noch nichtmal alleine auf Toilette gehen kann. Stichwort Bettpfanne. Mehr muss man nicht sagen. Sämtliches Pflegepersonal hat sich bei uns (und sicher auch bei ihr) entschuldigt, als sie später auf ein freies Zimmer verlegt wurde. Das war definitiv der Tiefpunkt. Es war so dermaßen blöd alles, dass wir irgendwann nur noch darüber lachen konnten.

Wunderschön. Da waren meine Babies, der Mann und ich, alle vier. Gesund und froh, zusammen zu sein. Trotz des ganzen Trubels um uns herum hatten wir ab und zu Momente, in denen die Zeit kurz still stand. Ein leises Gespräch mit den schlafenden Babies auf dem Arm. Die Stunde am frühen Morgen, bevor der Tag losging. Der Mann, der jede Nacht auf dem unbequemen Krankenhaussessel neben mir schlief. Das hat uns durch die ganze Woche getragen und begleitet mich noch heute.

Home sweet Home

Und dann, ganz plötzlich wurde ich entlassen, wirklich, von einem Tag auf den anderen. Erst einen Tag vorher hatte ich das erste Mal wieder geduscht und ein paar Schritte gemacht. Und dann hieß es: Wenn du bereit bist, könnt ihr nach Hause. Nichts wollte ich lieber. Endlich raus aus dem Krankenhausbett mit der Plastikmatratze, dem muffigem Zimmer und bloß weg von den Nachtschwestern mit ihren Alle-drei-Stunden-Fläschchen. Trotzdem ergriff uns Panik: Hatten wir alles zu Hause, was wir brauchten?

Während meine Schwägerin mir half, unsere Sachen zu packen, raste der Mann in die Stadt um den Windelvorrat aufzustocken und unsere Ankunft vorzubereiten. Den Weg zum Auto und nach Hause schaffte ich nur mithilfe von drei zuckerigen Limonaden und vielen Pausen, so wackelig war ich auf den Beinen. Im Nachhinein betrachtet klingt es etwas irre, aber in dem Moment wollten wir so schnell es geht heim. Dort erwartete uns das Chaos. Eine Woche vorher waren wir stürmisch Richtung Krankenhaus aufgebrochen und hatten alles stehen und liegen lassen. Dazwischen war der Mann nur zum Duschen und Babysachen holen hergekommen.

Tja, da saßen wir nun, zwischen Windelpaketen und Krankenhaustasche, mit den beiden winzigen Babies im Arm. Und atmeten auf.

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