¡hola!kat

Mein Katalonien: Zwillinge, Mittelmeer und andere Abenteuer

Tag: Auswandern

Verschieden Kinderbücher nebeneinander gelegt

Wir lernen sprechen – in drei Sprachen!

Es ist so weit: Meine Töchter lernen ihre ersten Wörter und schnappen jeden Tag etwas neues auf. Und so sehr ich darauf achte, mit den beiden nur deutsch zu sprechen – die beiden Landessprachen sind auf dem Vormarsch. Vor allem der Kindergarten tut sein übriges: Jeden Tag kommen sie mit neuen katalanischen Wörtern nach Hause. So heisst Fisch nicht Fisch und nicht pescado sondern „peix“. Der kommt im Kindergarten häufig auf den Tisch, scheint´s, denn Hühnchen oder Fleisch nennen sie ebenso.

Angeblich sprechen mehrsprachige Kinder erst später. Ob das so ist kann ich allerdings noch nicht nicht einschätzen. Durch das katalanisch-spanisch gibt es hier ja sowieso eine Menge bilingualer Kinder. Im Kindergarten ist mir noch nicht aufgefallen ob einige Kinder besser oder schlechter sprechen. Allerdings wusste unser Nachbarsjunge im Gegensatz zu den beiden schon mit etwas über einem Jahr sehr viele Wörter, da waren die beiden noch bei „Ta-ta“ und „Mama-Papa-Nana“.

Ein Wort für Papa, ein Wort für Mama…

Im Moment lernen sie wirklich jedes Wort in Bezug zu einer Person: Schuhe heißen zum Beispiel auf spanisch „pato!“(zapato), weil es meistens der Papa ist, der mit ihnen morgens die Schuhe anzieht. Von mir haben sie den „Baum“ vom Spazierengehen, den „Tiiiiger“ aus unserem Einschlafbuch und natürlich die „Milch“. Sie haben „genug“, wenn sie satt sind und sagen sehr energisch „No!“ und nur selten „Nei“, wenn sie etwas nicht möchten. Einige Wörter wiederum klingen sehr ähnlich, zum Beispiel „aua“ und „agua“: Meine Schwiegermutter denkt jedesmal, wenn das Essen noch heiß ist („aua!“), sie möchten ein Glas Wasser trinken („agua“). So ein Kuddelmuddel!

Ein paar Wörter sagen sie sogar schon auf mehreren Sprachen: „¡Hola!“ und „Hallo!“, „Adéu“ und „Tschüss“. Außerdem gibt es die deutsche „Oma“ und die spanische „Yaya“, das ist natürlich praktisch. Katzen und Hunde heißen in beiden Sprachen „Miau“ und „Wau wau“.

Verstehen tun sie alle drei Sprachen. Sie wissen, dass die Hand auch „ma“ oder „mano“ heisst, der Kopf auch „cap“ oder „cabeza“ und zeigen ihre Füße her, auch wenn sie „pies“ oder „peus“ genannt werden. Nur für mich beginnt die Herausforderung Dreisprachigkeit jetzt erst recht – hoffentlich klappt das mit dem deutsch lernen auch! Da mache ich mir manchmal Gedanken, ob sie nicht doch auf die deutsche Schule sollten. Dagegen spricht, dass sie dann wiederum so wenig Kontakt mit den Kindern hier vor Ort hätten und wir sie immer mit dem Auto nach Barcelona bringen müssten. Bisher bin ich aber zuversichtlich, das es auch so geht. Es gibt genügend andere deutsche Mütter hier vor Ort und bei den Besuchen in Deutschland oder umgekehrt hören sie ja doch wieder viel deutsch.

Meine Sprache, meine Kultur

Gerade weil ich im Ausland lebe, ist es mir wichtig, den beiden meine Sprache und Kultur näher zu bringen – das wird sicher in den kommenden Jahren noch ein Thema. Ostereiersuche, Sankt Martin, Adventskalender und Weihnachtsmarkt gehören nun mal nicht zum spanischen Kulturgut. Hier gibt es natürlich auch viele für Kinder schöne Feste – aber etwas wehmütig werde ich schon, wenn ich daran denke, dass sie wohl nie im Kindergarten Laternen basteln. Und der Kölner Karneval wird sicher auch keinen großen Stellenwert in ihrem Leben haben. Wirklich schlimm ist das natürlich nicht, aber ich merke: Als Mama möchte ich den Kindern gerne meine eigenen schönen Kinderheitserlebnisse mitgeben – oder besser: Ich selber verbinde mit „Kindheit“ eben diese Feste und Feiern. Und nun habe ich da zwei kleine Spanierinnen, die wahrscheinlich eine hauptsächlich spanisch-katalanische Kindheit haben werden.

Sie lieben die katalanischen Lieder aus dem Kindergarten und wollen immer wieder zur „Castanyera“ tanzen, also lerne ich die Texte auswendig und singe sie ihnen vor. Wenn der Mann und ich miteinander reden und wir die Kinder ins Gespräch einbeziehen, wechseln wir auch nicht immer die Sprache, meistens wiederhole ich aber ein Wort oder einen Satz auf deutsch.

Ansonsten haben wir viele deutsche Kinderbücher und dank YouTube wird es sicher irgendwann mal Sendung mit der Maus oder ähnliches auf deutsch geben. Bisher haben wir noch viele Bücher ohne oder mit nur sehr wenig Text, die sich vor allem über die Bilder vermitteln – da erzählt dann jeder in seiner Sprache etwas dazu. Besonders toll geht das mit „Gute Nacht, Gorilla“, oder Wimmelbüchern. Seit langem beliebt und immer mal wieder aus dem Regal geholt werden „Piep, piep, piep“ und „This is not a book“. Außerdem singen wir uns kreuz und quer durch unsere deutschen Liederbücher (wirklich schön: Das Kinderlieder-Buch aus dem Liederprojekt – die Mädels lieben die Illustrationen!).

Jetzt stehen erstmal zwei Wochen Deutschlandbesuch auf dem Programm, mal sehen welche Worte die beiden dort aufschnappen 🙂

Fettnäpfe

Spain is different hieß es in den sechziger Jahren auf Werbeanzeigen für Spanien. „So ein Quatsch“, meinte meine Mutter, als ich gerade frisch nach Spanien gezogen war und ihr erzählte: „Mama, hier ist alles ganz anders, ich kenne mich garnicht mehr aus“. „Wir sind alle Europäer, und alle Menschen sind gleich.“ Natürlich hatte sie Recht. Spanien gehört zu Europa und alle Menschen leben, lieben, essen, trinken, fühlen und müssen aufs Klo. Aber sie hat auch unrecht, denn seit ich hier lebe, bin ich die Deutsche, bin ich Ausländerin in einem mir fremden Land. Im ersten Jahr hier fiel mir das besonders auf, mittlerweile nur noch bei akuten Fettnäpfchen.

Je mehr ich Land und Leute kennenlernte, desto fremder fühlte ich mich in den ersten Monaten. Nichts konnte ich mehr: Nicht mehr auf die richtige Weise grüßen, den richtigen Tonfall in einer Unterhaltung treffen, über einen Witz lachen. Mir waren die Höflichkeit, der Humor, die Subtilität und mein großer Wortschatz abhanden gekommen. Ich hatte (und habe) einen Akzent der mich immer als Deutsche entlarvt, manche halten ihn für französisch, angeblich würde ich das R so komisch rollen wie die Franzosen, nun ja.

Denken spiegelt sich in der Sprache wieder, sagt man, sagte irgendwer, und je mehr ich von der Sprache lernte, desto mehr sah ich, was für unterschiedliche Konzepte verschiedene Kulturen von ein und derselben Idee haben können. Immer noch verwechsle ich hören und zuhören, aus dem Deutschen kommend reicht mir ein Verb und ein Präfix und in meinem Kopf bleibt auf ewig escuchar für hören eingespeichert. „Ich höre dir nicht zu!“ rufe ich meinem Mann aus dem Wohnzimmer in die Küche zu und unser Besuch lacht, weil das so unhöflich ist, aber das wollte ich ja garnicht sagen.

„Es ist nicht unhöflich, den anderen im Gespräch zu unterbrechen.“ musste ich mir ab und zu vorsagen, um überhaupt zu Wort zu kommen. Die politischen Sendungen im Fernsehen sind ein einziger Gesprächsbrei, alle werden immer lauter, meine eingeschalteten Untertitel sagen Alle reden gleichzeitig und irgendwann, kurz bevor man nichts mehr versteht, greift die Moderatorin ein und bricht alles ab und dann darf jemand einen Satz sagen und sofort fangen alle wieder an sich zu verteidigen, zu schimpfen und versuchen den anderen zu übertönen.

„Fall nicht immer mit der Tür ins Haus“, ermahne ich mich, wenn ich etwas von jemanden möchte. Erst muss man fragen, „Wie geht es Dir?“, und dann muss das Gespräch ein bißchen vor sich hin plänkeln und dann rückt man irgendwann mit seiner Frage raus. Was ich damals wollte, weiß ich nicht mehr. Mittlerweile habe ich zumindest eine Bekannte hier, die in dieser Hinsicht so garnicht spanisch ist, da kann man ohne Umstände gleich sagen, was Sache ist.

Oder wenn man jemanden auf der Straße trifft, stehenbleiben, nicht einfach winken. „Wie geht´s dir?“ muss man sagen und dann gibt es wieder ein kleines Gespräch. Wir leben in einer kleinen Stadt und man muss gut überlegen, ob man ins Zentrum geht, weil man da so viele Leute trifft. Wenn man in Eile ist, ist ein kleiner Umweg manchmal schneller. Wenn Du hingegen Zeit hast, gehst du mitten durch die Stadt und flanierst vor dich hin und an jeder Straßenecke bleibst Du stehen und erzählst von Dir und hörst, was die anderen so machen.

„Nicht so direkt“, erinnere ich mich, wenn mein Gegenüber vor mir zurückschreckt. „Sag der Verkäuferin doch nicht einfach so ins Gesicht, dass Dir die Schuhe nicht gefallen.“ Alle Sachen, die sie mir heranträgt, wollen gelobt werden: „Das ist sehr schön, aber leider steht mir so etwas nicht. Haben Sie vielleicht noch etwas in einem anderen Stil da?“ Manchmal wünschte ich, einfach in einen Schuhladen zu spazieren und mir die Schuhe an- und auszuziehen, wie ich mag und maximal nach der Größe zu fragen. Aber hier muss man auf die Verkäuferin warten, damit sie einem die Schuhe bringt, auf die man in der Auslage zeigt. Und nicht nur im Schuhladen, man wird fast überall ganz altmodisch bedient und manchmal kauft man was, nur weil sich die Verkäuferin solche Mühe gegeben hat. Bei der Wohnungssuche war ich empört, weil die Makler uns anlogen statt zu sagen, „die Wohnung hat jemand anderes bekommen“. Nein, es hieß, der „aktuelle Mieter hat es sich anders überlegt und bleibt doch drin.“ Hat er wohl alle Umzugskisten wieder ausgepackt? fragte ich mich damals.

Und auch nach Jahren noch stehen so viele Fettnäpfchen für mich bereit. Absolut garnicht kann ich mich an die hiesige Art und Weise, in der Schlange zu stehen, gewöhnen. Da bin ich deutsch geprägt, ganz automatisch stelle ich mich überall hinten irgendwo an oder da wo ich glaube, dass hinten ist. Manchmal ist es mir auch zu peinlich in einen Raum voller Leute zu kommen und zu fragen „El último?“. Als könnte ich es irgendwie nicht glauben, dass das wirklich so funktioniert. Gestern stand ich so da, in der Bank und wusste nicht, ist das eine Schlange? Und die da sitzen, haben die einen Termin? Also stellte ich mich „hinten“ an, bis mich eine der Mitarbeiterinnen fragte, was ich bräuchte und ich sagte es ihr. Und dann nahm sie mich mit zu ihrem Schreibtisch und sofort fing eine Frau an zu zetern, dass ich mich vorgedrängelt habe, schon zweimal, dabei wollte ich doch nur wissen, an wen ich mich wenden muss. Und das war mir wirklich noch peinlicher als zu fragen, wer vor mir gekommen ist, das nächste Mal frage ich also laut und deutlich.

Mein Mutter war im Sommer zu Besuch, wir waren im Dorf, im „pueblo“ (das ist nochmal so eine spanische Eigenart und eine andere Geschichte). Jedenfalls waren wir an einem Ort, an den sich niemals ein Tourist verirren würde. Jeder, der dort hinkommt, ist mit irgendjemanden verwandt oder bekannt, sonst hat er keinen Grund, sich dorthin zu verirren. Jedenfalls waren wir da, und alle sprachen sehr laut und bis spät in die Nacht, alle tätschelten die Babies oder nahmen sie gleich auf den Arm, man musste jeden immer grüßen und stehenbleiben und erklären wer man war: „Ich bin die Schwiegertochter von So-und-so, dem Sohn von X, die in der Y-Straße wohnen, ja genau, der Uropa war der Dorfbüttel“. Es war wirklich schwer, ein ruhiges Plätzchen zu finden. Und als wir dann irgendwann endlich mal in der Mittagshitze alleine am Pool saßen, während alle anderen Siesta machten, da sagte meine Mutter: „Du hast Recht, Kathi, in Spanien ist wirklich alles ganz anders.“

Wo die reichen Leute wohnen

Vor einiger Zeit hatten wir uns entschlossen, in die leerstehende Wohnung meiner Schwiegeroma zu ziehen. Eine Mischung aus Geldersparnis und Familiennähe hat uns schließlich dazu bewogen, unser Viertel zu verlassen und den Umzug mit Kind und Kegel in eine neue Umgebung zu wagen. Wenn wir vorher hier zu Besuch waren und die Leute fragten, „Wo wohnt ihr?“, hieß es auf unsere Antwort immer: „Ach, bei den Reichen.“ Bei den Reichen, das war im Zentrum, in Strandnähe, wo zwischen den 60er-Jahre Häuserblöcken immer noch ganze Straßenzüge aus den kleinen kastigen Einfamilienhäuschen gebaut sind, die für Spanien (oder Katalonien?) so typisch sind.

In so einem kleinen alten Häuschen wohnten wir. Genauer gesagt, in der oberen Hälfte, das Haus war nämlich irgendwann mal geteilt worden. Unten wohnte eine kleine Familie, links von uns lebte eine ältere Dame, rechts ein nettes Ehepaar mit ihrem Teenager-Sohn. Letzteren sahen wir in vier Jahren genau einmal. Dafür stand die alte Dame schnell auf ihrem Balkon, sobald sie uns auf ebensolchem hörte und war bereit für ein Schwätzchen.

Zu der Straße gehören noch zwei Brüder über achtzig, die gerne gegen fünf Uhr morgens in ihren Landrover steigen, um Wildschweine jagen zu gehen und wegen denen man immer etwas in Sorge war, dass sie sich oder jemand anders aus Versehen erschießen könnten. Wie gesagt, die beiden sind über achtzig. Des Weiteren gibt es noch den sehr alten Herrn L, der im Sommer den ganzen Tag auf einem Klappstuhl auf dem Bürgersteig sitzt und Sardanas aus einem kleinen tragbaren Radio hört. Mit einem kratzigen „Adéu“ grüßt er tagein, tagaus die Vorbeigehenden.

So idyllisch, so klein und teuer die Wohnung. Auf zweieinhalb Zimmern und ebensovielen Treppen wurde es uns mit den Mädels einfach zu eng. Also packte ich schweren Herzens des Nachts eine Menge Umzugskartons. Tagsüber machten wir uns daran, Abuelitas Wohnung etwas in Schuss zu bringen. Daraus wurde ein zweiwöchiger Gewaltakt: Die Familie des Mannes hat nämlich einen Hang zum Hamstern. Alles, was man „irgendwann sicher noch mal gebrauchen kann“, wird also verstaut, aufbewahrt und in unserem Fall erneut begutachtet. Je nach Befund durften die vielen vielen Kinkerlitzchen und die leicht ramponierten Oma-Möbel also entsorgt werden – oder sie wurden irgendwo anders wieder verstaut und warten seitdem vertrauensvoll auf ein zweites Leben. Aber irgendwann war die Wohnung tatsächlich leer (bis auf die paar Sachen, die wir behalten haben) und wir konnten endlich streichen und uns an den eigentlichen Umzug machen.

Seitdem könnte man meinen, wir wären in eine andere Stadt gezogen. Wir sind nicht mehr fünf Minuten vom Strand entfernt, sondern eine stramm spazierte halbe Stunde. Unsere Wohnung liegt nicht mehr in einem alten Häuschen, bei dem es bei starkem Regen durchs Dach tropft und eine Ameisenkolonie uns einmal im Jahr besucht. Die neue Wohnung ist in einem dieser (ähem, etwas häßlichen) 60er-Jahre-Wohnblocks. In der Nachbarschaft um uns herum leben vor allem Andalusier, Chinesen, Araber, Afrikaner und Gitanos. Wenn ich Samstags aus dem Fenster schaue, gibt es vielleicht eine Hochzeit im andalusischen Stil mit Sevillanas tanzenden Brautleuten, afrikanische Familien flanieren in wunderschöne traditionelle Stoffe gekleidet zum Park und von irgendwoher höre ich eine Gitana zur elektrischen Orgel Flamenco singen.

Rund um den Platz dekorieren sich jeden Nachmittag die älteren Herrschaften auf den Bänken und schauen und reden. Die Straße weiter runter streiten sich zwei Männer, und angeblich wurde sogar ein Messer gezückt, sagen die Kellner von der Bar an der Ecke. Bei religiösen Anlässen werden große Marienstatuen in unterschiedlich gut besuchten Prozessionen durch die Straßen getragen. Es gibt einen andalusischen Heimatverein, Halal-Fleischereien und einen chinesischen Supermarkt. Der nächste selbstbackende Bäcker ist zwanzig Gehminuten entfernt und im Mercadona gibt es kein einziges Bio-Produkt. Ein Glück wurde vor einer Woche Feta-Käse neu ins Sortiment aufgenommen, den hatte ich vorige Woche noch vergeblich gesucht.

Hier herrscht ein ständiges Stimmengewirr aus allen möglichen Sprachen und bis abends um zehn hört man die Kinder auf dem Spielplatz toben. Vom Balkon aus sehe ich riesige Brandschutzwände aus Asbest und niemand weiß, ob die jemals abgetragen werden, weil die Kosten in Spanien allein beim Eigentümer liegen. Also hoffe ich, dass die in den nächsten Jahren nicht irgendwie korrodieren und unterdrücke meine Sorge um eventuelle Partikelchen in der Luft.

Wie stark beeinflusst ein Wohnort das Leben? Viele Leute aus dem Barrio gehen nur selten ins Stadtzentrum, im Viertel hat es alles, was sie brauchen. Aber hier gibt es keine Bio-Windeln, kein Müsli oder Frühstücksflocken ohne Zucker und die meisten Säfte im Sortiment würden in Deutschland unter „Nektar“ laufen. Ein bißchen ist es, wie als wir damals nach Neukölln zogen, kurz vor der Gentrifizierung und ihren Burger-Bratereien, Bio-Produkten im Supermarkt, Galerien und Second-Hand-Läden. Es gibt viel frisches Gemüse, das meiste sicher aus Spanien, wenn auch aus dem Süden. Wenn man darauf achtet, kann man sicher auch hier sehr gut regional einkaufen. Die Kollegen meines Mannes sagen, ich wäre eine „pija“, also irgendwas zwischen Schnöselig und versnobt, wenn ich davon erzähle. Dabei ist ja garnicht mein Punkt, dass ich mich beschwere, was es hier nicht gibt, sondern dass den Menschen der Zugang zu bestimmten Produkten erschwert wird. Bio muss man sich natürlich auch leisten können. Trotzdem ist es schon etwas umständlich für ein paar Windeln einen Abstecher ins Zentrum zu machen. Als ich gestern mit den meinen zwei Paketen Windeln auf dem Arm nach Hause spazierte, hielt mich eine Schwangere an und fragte, wo ich die her hätte. „Vom Bio-Supermarkt im Zentrum“ seufzte ich. „Ach so…na immerhin gut zu wissen, sonst bringt mir meine Mutter immer welche aus der Nachbarstadt mit“, sagte sie. Und genau darum frage ich mich, wie sehr der Wohnort eine bestimmte Lebensweise unterstützt oder eben erschwert oder sogar die Gesundheit beeinträchtigt.

Wenn ich jetzt ins Zentrum spaziere, fällt mir vor allem auf, wie wenig Menschen auf den Straßen sind. Alles ist sauber und ordentlich. Abends werden die Bürgersteige hochgeklappt, außer auf den Terrassen der Bars sieht man kaum jemanden. Es ist ruhig, ein bißchen langweilig und beschaulich. Auf den Straßen hört man hauptsächlich katalanisch und zu den Festivitäten gibt es mehr Gegantadas zu sehen als Marienstatuen.

Wer weiß, wohin es uns in den nächsten Jahren verschlägt? Jetzt versuchen wir erstmal hier anzukommen, in dieser neuen alten Umgebung.

Essen essen

Es gibt Tage, da fehlen mir die Deutschtürken im Straßenbild, überhaupt der ganze Mulitkulti-Mischmasch, und dazu gehören sinnbildlich ein wirklich leckerer Döner, Spaghetti-Eis und Baklava. Liebe geht durch den Magen, sagt man. Und ich bin mir sicher: Gemeinsames Essen trägt zur Völkerverständigung bei!

Hier wird hauptsächlich spanisch-katalanisch gegessen, es gibt trotz der vielen arabischen, afrikanischen, chinesischen oder indisch/pakistanischen Einwanderer wenig Restaurants oder Imbisse mit deren Landesküche. In Barcelona selbst ist die Essensvielfalt natürlich größer, aber außerhalb gibt es wenig „ausländische“ Restaurants.

Während in Deutschland fast jeder einen „Lieblings-Italiener“ hat, bleibt es hier traditionell. Das war für mich als Neuankömmling erstmal in Ordnung so, es gab genug Neues zu entdecken. Mittlerweile freue ich mich über den ein oder anderen kulinarischen Abstecher.

Das kommt euch spanisch vor

Wenn wir Besuch bekommen, möchten natürlich alle gerne „spanisch“ essen, was für viele gleichbedeutend mit Tapas und Paella ist. Meistens gehen wir also Tapas essen, weil Paella mit den Meeresfrüchten dann doch nicht jedem schmeckt.

Also Tapas essen. Dazu geht man am besten nicht ins Restaurant, sondern in eine Tapas-Bar, wo sie zum Bier gereicht werden. Man zieht von Bar zu Bar und isst die Tapas dort im Stehen direkt an der Theke. So richtig schön kann man das vor allem in Andalusien oder im Baskenland machen. Beide Regionen sind bekannt dafür und ich konnte mich in Sevilla und San Sebastián/Donostia selbst davon überzeugen.

Bei uns im Ort gibt es natürlich auch Tapas-Bars und Restaurants. Die Auswahl ist groß, unsere deutschen Besucher essen jedoch am liebsten Patatas Bravas und Pimientos de Padrón. Das wird als Gastgeber auf Dauer etwas langweilig, aber ich muss zugeben: Am Anfang habe ich mich auch fast ausschließlich davon ernährt.

Wir gehen mittlerweile ziemlich selten Tapas essen, fast nur noch mit Besuch. Ein paar Bravas sind aber immer drin und werden oft für alle gemeinsam zu einem frühabendlichen Bier bestellt. Wenn der Abend nett ist und keiner Lust hat, nach Hause zu gehen, wird daraus auch mal ein Abendessen mit noch mehr Tapas, bis alle satt sind.

Zur Paella sei so viel gesagt: Ich bin kein großer Fan von Meeresfrüchten und die sind da nun mal drin. Im Restaurant kann man sie oft erst ab zwei Personen bestellen, deswegen erbarme ich mich ab und zu meinem Mann zuliebe. Wie sich das für einen Spanier gehört, ist Paella sein Lieblingsessen. Ein paar Klischees müssen ja auch erfüllt werden 🙂

Bei uns schmeckt´s am besten!

Besonders am Anfang wurde ich oft gefragt, wie ich denn das Essen hier finde und ob es mir schmeckt. Meistens schon mit einem freudig-erwartungsvollen Unterton, weil, hier ist das Essen einfach am besten! Aus Höflichkeit hatte ich mir schon zu Beginn ein entsprechend überzeugendes „Ja, super!“ angewöhnt, dass leider im Verlauf eines längeren Gespräches an Glaubwürdigkeit verlor, denn: Ich mag keine Meeresfrüchte. Und Fisch auch nicht so gerne. Na gut, ich esse beides, wenn ich muss. Aber ich würde es mir nie bestellen. Da ein Großteil des Essens hier aus Fisch und Meeresfrüchten besteht, ging meinem Gegenüber dann immer irgendwann auf, dass ich seine Begeisterung für die heimische Küche nicht unbedingt teile.

Verhungert bin ich hier trotzdem nicht, erstens habe ich etwas an meiner Abneigung gegen allerlei Meergetier gearbeitet und zweitens gibt es auch so noch genug Leckereien. Vieles kannte ich nicht, bevor ich hierher gezogen bin oder habe es erst hier lieben gelernt (siehe Paella, obwohl ich da vom Lieben noch weit entfernt bin). Einige Gerichte sind dagegen garnicht so anders als „zu Hause“: Der Linseneintopf wird mit zwar mit Chorizo statt mit Mettwurst gemacht, aber hey, irgendwie ist es doch das gleiche.

Was ich an deutschem Essen vermisse? Im Frühjahr fehlt mir die Spargelzeit, weißen Spargel bekommt hier fast nur eingemacht im Glas. Im Sommer sind es Pellkartoffeln mit Kräuterquark – in den hiesigen Supermärkten ist Quark äußerst selten aufzutreiben. Außerdem sind Brombeeren hier Mangelware und genauso teuer wie ein Schälchen Himbeeren. Herbst und Winter überstehe ich dagegen gut, was sicher am weihnachtlichen Deutschlandbesuch liegt, da gibt es ja sowieso immer von allem zu viel. Viele Kleinigkeiten bringen mir außerdem Besucher mit, zugegebenermaßen ist das meistens Lakritze.

In dem Sinne: ¡Que approveche! und Bon Profit!

Kinder, Kinder!

Ohne allzusehr verallgemeinern zu wollen: Die Menschen hier sind sehr kinderfreundlich. Schon in der Schwangerschaft gab es allerorts Anteilnahme, jetzt sind die Babies da und wir kommen uns manchmal vor wie eine Jahrmarktsattraktion. Es braucht keinen Mäusezirkus oder Schellenäffchen, es reicht der Doppelkinderwagen!

Das kam nicht überraschend, davon haben schon mehrere Zwillingseltern berichtet. Und ich denke, dass auch in Deutschland der Gesprächsbedarf netter älterer Damen beim Anblick eines Zwillingskinderwagens deutlich steigt.

Mittlerweile habe ich schon trilliardenmal das gleiche Gespräch geführt („Oh, Zwillinge! – Ja – Eineiig oder zweieiig? – Zweieiig – Die sehen sich aber nicht ähnlich – Nein – Ach und sie hier ist viel größer! – Ja, die wiegt fast ein Kilo mehr – Das ist aber viel Arbeit, ne? – Jepp – Aber schön! – Jaa – Alles Gute – Danke“) und freue mich trotzdem noch über die Aufmerksamkeit, die meinen Babies hier geschenkt wird.

In einem halben Jahr habe ich noch keinen Laden betreten, in dem nicht ein Augenzwinkern oder ein Späßchen für die beiden drin war. Es gibt Bauchgrabbler, Wangenkneifer und Tragetuch-Zurechtzupfer. Es gibt Teenagerjungs, die die beiden zum Lachen bringen und Verkäuferinnen, die hinter der Ladentheke hervorkommen. Es gibt Glückwünsche von anderen Zwillingseltern, Beileid von Einlingseltern und Segenssprüche von Großeltern. Von überallher hört man ein „Qué guapas!“ und fröhliches Hallo.

Als wir eine Woche zu Besuch in Deutschland waren, wurden die beiden genau dreimal angelacht. Zweimal von älteren Damen und einmal von drei deutschtürkischen (kann man das politisch korrekt so sagen?) Jugendlichen. Dabei lachen meine kontaktfreudigen Babies gerne mal zuerst…In Spanien dagegen empfinde ich, dass Kinder und auch alte Menschen viel mehr Teil der Gesellschaft sind. Sie stören nicht und sie werden auch nicht ignoriert. Sie gehören einfach dazu.

Alte treffen sich nachmittags auf „ihrer“ Bank in der Innenstadt, an ihrem Platz oder zum Petanca (=Boule) spielen. Außerdem werden die Großeltern viel mehr in den Familienalltag eingebunden: Opas und Omas holen ihre Enkelkinder von der Schule ab. Auf meinen Spaziergängen sehe ich stolze kinderwagenschiebende Großeltern. Es ist in vielen Familien selbstverständlich, dass beide Eltern arbeiten und abends die frisch gebadeten und satten Kinder von Oma und Opa in Empfang nehmen.

Elternzeitneid

Und da sind wir auch schon bei der anderen Seite der Medaille: Die Elternzeit beträgt nur vier Monate und die meisten Familien können sich überhaupt nicht leisten, dass nur einer arbeiten geht. Nach vier Monaten wird also abgestillt (falls überhaupt gestillt wurde) und das Baby schweren Herzens an die Omi übergeben. Wer länger Stillen möchte, muss abpumpen. Auch wenn Anfangs einige Tränen fließen, bestätigen mir fast alle Mütter: Es hat durchaus etwas für sich, ein paar eigene Stunden am Tag zu haben, und sei es auch „nur“ am Arbeitsplatz. Für mich klingt das zwar plausibel, aber ich bin heilfroh, dass wir uns ein volles Babyjahr leisten können.

Mit Ablauf der vier Monate Mutterschutz (bei Zwillingen viereinhalb, also zwei Wochen mehr) gibt es kein Elterngeld mehr. Die monatlichen 100 Euro Kindergeld werden bis zum dritten Lebensjahr ausgezahlt. Für Zwillingseltern gibt es außerdem noch eine einmalige Zahlung von etwa 2000 Euro zur Unterstützung. Da schaue ich in Sinnkrisen schonmal neidisch auf meine Mädels in Deutschland mit ihrer Elternzeit und den tollen Reisen mit Mann und Baby nach Neuseeland oder sonstwohin und denke: Hätte hätte, Fahradkette…das haste jetzt davon!

Ein Jahr Auszeit ist hier ein Luxus, der bei manchen auf Unverständnis stösst. Allen voran bei der spanischen Yaya (= Omi), die ganz scharf auf „ihre Mädels“ ist und mir gerne beiläufig erzählt, der Enkel ihrer Schwester hätte ja schon mit vier Monaten bei Oma übernachtet und die Mama geht schon wieder arbeiten und überhaupt, dem Baby geht es ja soo gut bei Omi…ähnlich subtil antworte ich dann, dass ich das ja nicht könnte – bei dem Thema stoßen immer wieder unsere Kulturen und Mentalitäten aufeinander.

Ein Glück wurden dieses Jahr in Spanien vier Wochen Vaterzeit eingeführt (bis letztes Jahr waren es nur zwei). Die gingen zwar wie im Flug vorbei, aber immerhin. Kein Wunder, dass die Geburtenrate in Spanien so niedrig ist. Ohne eine funktionierende Familienstruktur im Hintergrund oder als Geringverdiener ist Kinderhaben hier eine schwierige Sache. Schon komisch, dass man hier trotzdem oft den Eindruck hat, hier wimmelt es überall von Kindern.

Das liegt sicher auch am guten Wetter, das Leben findet einfach viel mehr auf der Straße statt. Aber bestimmt auch daran, dass Kinder eben keine Störenfriede sind. Wenn um fünf Schule aus ist, sieht man die Eltern auf einer Terrasse Kaffee trinken während nebendran so ein Wirrwarr aus Rollern, rennenden Kindern und fliegenden Bällen herrscht, dass ich mich manchmal kaum mit dem Kinderwagen über den Platz traue. Niemand weist die laut rufenden Kinder zurecht, sondern alle laufen kreuz und quer einfach drumherum. So ist das hier. Und so komme ich auch jeden Tag ein bißchen mehr hier an, seit meine Mädels da sind. Weil sie so wunderbar auf dieser Welt willkommen geheißen werden.

Meer und große Steine

Leben, wo andere Urlaub machen

„Leben, wo andere Urlaub machen! Das wollte ich auch immer!“ höre ich öfter auf meinen Heimatbesuchen. Ja, und warum hast Du es nicht gemacht? Weil wirklich auszuwandern, auf Zeit oder für immer, eben gar nicht so einfach ist…

Hätte mir das mal jemand vorher gesagt! Oder vielleicht besser nicht?

Leben, wo andere Urlaub machen, ist alles mögliche, aber kein Urlaub. Du hast keine Pause vom Alltag, sondern bist mittendrin. Du kannst dich nicht mit deiner besten Freundin auf einen Kaffee treffen, sondern ihr erwischt euch mit viel Glück am Telefon. Du schaffst es nicht jeden Tag ans Meer, wie du es dir vorgenommen hast, sondern eher mal am Wochenende. Da ist der Strand genauso voll wie euer örtliches Freibad im Hochsommer.

Leben, wo andere Urlaub machen, bedeutet, dass Du neben rotverbrannten halbnackten Touristen im Supermarkt stehst und überlegst, ob du noch Klopapier zu Hause hast.

Leben, wo andere Urlaub machen, heisst, vaya, seine Steuererklärung abzugeben, wo andere Urlaub machen. Müll runterbringen, schreiendes Kind beruhigen, Spülmaschine ausräumen – während andere durch die Stadt schlendern und das „mediterrane Leben“ mit Tapas, Paella und Wein genießen. „Olé!“ oder wie sagt man hier?

Alles nur Klischee?

Leben, wo andere Urlaub machen, ist anstrengend. Du musst neue Freunde finden, dich einleben und irgendwie integrieren (was auch immer das heißt). Du trittst in Fettnäpfchen, ohne es zu bemerken. Du musst deinen exotischen Vornamen buchstabieren und dir fehlt ein Nachname. Wenn Du in Deutschland eher klein warst, bist du hier eher groß. Du bist „die Deutsche“ und deine direkte „nordeuropäische“ Art kann die Menschen hier ganz schön irritieren. Ist das typisch deutsch oder ist das dein Charakter? Das weiß hier niemand so genau, nicht einmal du selbst.

Das deutsche Sonntagsfrühstück wird durch den Vermut auf einer Terrasse ersetzt, bis Du leicht angeduselt zum Mittagessen aufbrichst (du solltest endlich mal anfangen, Meeresfrüchte zu mögen). An den neuen Tagesrhythmus mit der Siesta am Mittag (und den entsprechend geschlossenen Läden in der Innenstadt) musst du dich erst gewöhnen, dann lernst du die zwei bis drei ruhigen Stunden am Mittag zu schätzen, sogar sehr. Du verabredest dich mit einer Freundin auf einen Kaffee und auf einmal seid ihr zu fünft. In der Gruppe ist einfach alles schöner, oder?

Ich kann spanisch! oder: Habe ich das gerade richtig gesagt?

Leben, wo andere Urlaub machen, schenkt dir neue Denkweisen. Du hast eine Sprache gelernt und bekommst eine zweite gratis dazu. Du merkst, wie präzise die deutsche Sprache mit ihren Wort-Aneinanderkettungen ist und wie anders eine Sprache funktioniert, die für jeden Begriff ein ganz eigenes Wort hat. Und dieses Wort kann dann mehrere Bedeutungen haben: Mit einem einfachen „te quiero“ deckst du die gesamte Bandbreite von „Ich mag Dich“ hin zu „ich liebe Dich“ ab.

Dein Wortschatz ist nicht immer groß genug, um genau das auszurücken, was du möchtest. Deine Sprache verliert ihre Nuancen, das Subtile und vor allem der Humor ist häufig „Lost in Translation“ (Ob die Deutschen deshalb in so vielen Ländern als humorlos gelten?). Nicht immer kannst du allen Gesprächen folgen. Mit deinem Akzent wirst du gleich als Ausländerin entlarvt, und du fragst dich, wie du mit dem gleichen Sprachniveau auf deutsch klingen würdest.

Was du für selbstverständlich hältst, wird hier ganz anders gemacht. Ein klares „Nein“ wirkt fast wie eine Beleidigung. Bei der Wohnungssuche lernst Du, dass es höflicher ist, kleine Lügen loszulassen („Oh, am Ende bleibt der bisherige Mieter doch in der Wohnung“) anstatt dich vor vollendete Tatsachen zu stellen („Die Wohnung hat jemand anderes bekommen“). Bis du dich daran gewöhnst, dass man hier erst das dritte „Nein, danke“ akzeptiert, hat man Dir schon dreimal den Teller wieder aufgefüllt und die Küche aufgeräumt. Sich ins Wort zu fallen gilt nicht als unhöflich. Und ja, man muss sehr laut sprechen, um gehört zu werden.

Palmen sind immergrün

Leben, wo andere Urlaub machen, lässt Dich aus dem Nichts Anfälle von Heimweh nach dem deutschen Wetter bekommen. Glaubt einem auch keiner, aber: In deinem Kopf wird aus diesem fisseligen deutschen Nieselregen ein kuscheliger Tag auf dem Sofa mit Tee und Waffeln; der Herbst ein einziges Drachensteigenlassen und buntes Blätterrascheln. Der Winter wird mit puderzuckrigem Schnee, Poffertjes und Weihnachtsmarkt garniert – und der Frühling?

Oh! Vom ersten Schneeglöckchen bis zu den Osterglocken und Krokussen auf dem taufrischen Gras ist der Frühling ein einziges Fest! Am ersten Frühlingstag liegt etwas ganz besonderes in der Luft, alle kommen aus ihren wintermuffigen Wohnungen gekrabbelt und halten das Gesicht in die Sonne: Aaaaah! Der deutsche Sommer mit seinen milden Temperaturen ist eine einzige lange Radtour zum See und wird gelegentlich durch einen lauen Sommerregen unterbrochen…hachja!

Zugegebenermaßen hält das Wetter-Heimweh nur so lange an, bis ich wieder in den wirklich fast jeden Tag blauen Himmel blicke und bemerke, dass ich im Oktober immer noch ohne Jacke und in Sandalen an der Strandpromenade entlang spaziere.

Menschen, die einem fehlen

Leben, wo andere Urlaub machen, ist: weit weg zu sein von geliebten Menschen. Die beste Freundin, mit der Du dich auch ohne viel Worte verstehst, ist weit weg. Deine Schwester und dein Bruder leben ihr eigenes Leben ganz ohne dich. Deine Babies lernen Oma und Opa, Tanten und Cousinen zunächst bei Skype, WhatsApp, Telefon oder E-Mail „kennen“. Und trotzdem verpassen wir so viel voneinander, weil wir ja auch leben müssen und nicht ständig am Handy hängen und dokumentieren können, wie es hier oder dort gerade ist. Seit die Babies da sind, erst recht nicht. Das ist nicht immer leicht, weder für dich, noch für die Daheimgebliebenen.

Schluss mit dem Gejammere!

Leben, wo andere Urlaub machen, macht Dich um eine Erfahrung reicher. Du siehst, lebst, denkst anders. Du nimmst dich mit in eine neue Umgebung und schaust was sie mit dir macht. Du bleibst Du und wirst doch jemand anders.

Du begegnest vielen neuen Menschen. Dadurch, dass der Mann von hier ist, haben wir schnell Anschluss gefunden und wurden mit offenen Armen und einem herzlichen Lächeln empfangen. Das hat es uns leichter gemacht, hier anzukommen. Gracies, nois!

Auch wenn Du jeden Tag das Meer siehst, der Himmel fast jeden Tag strahlend blau ist und es scheint, dass Du dich daran gewöhnt hast: Ab und zu schaust du dich auf einmal um, auf die Wellen, die Palmen und den Strand und dein Kopf macht Urlaub. Du merkst bei jedem Besuch aus Deutschland, wie sehr du dich schon eingelebt hast, und kannst immer wieder darüber staunen. An manchen Tagen erwischt es dich aus heiterem Himmel: Das ist wirklich wahr, dass ich jetzt hier lebe.

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