Diese kölsche Redensart hat mich als alte Rheinländerin das erste Babyjahr begleitet. Egal, durch wie viele schlaflose Nächte und vermurkste Tage wir schlidderten, tief in mir drin wusste ich: Irgendwann geht das auch vorbei. Und dann merken wir, das wir das alles eigentlich total gut hingekriegt haben, für einen ersten Versuch.

„Nach dem ersten Jahr wird alles besser“

Dieses uralte Mantra trugen uns Zwillingseltern (und eigentlich alle Eltern mit Kindern von über einem Jahr) aus dem Bekanntenkreis bereits in Zeiten vor, als wir noch übernächtigt und vollkommen überwältigt von unserem plötzlichen Elterndasein waren. Welterfahren und mit allen Wassern gewaschen standen sie vor uns und warfen uns so ein paar Bröckchen Mut und Durchhalteparolen hin, die wir uns in anstrengenden Momenten immer wieder vorsagten: Nach dem ersten Jahr wird alles besser! Und wenn sie dann erstmal Laufen können! Und sprechen! Und was, zur Schule gehen, ausziehen, zur Uni und eine eigene Familie gründen oder wie?

Aber ja, sie hatten recht. Die Babies hatten ihren ersten Geburtstag und es ist wirklich alles „besser“. Je nach Betrachtungsweise kann das allerdings alles und nichts bedeuten: Sobald eine anstrengende Phase vorbei ist, schaue ich schon mit Herzchen in den Augen zurück. „Ach, war das süß als sie drei (vier, fünf, sechs…) Monate alt waren!“ denke ich, wenn ich andere, kleinere, Babies sehe. Gleichzeitig sehe ich in einem Zustand der Dauerverliebtheit meinen Damen dabei zu, wie sie die Welt entdecken und jeden Tag etwas neues lernen. Wahnsinn, wie viel zwei so kleine Wesen abgucken, anschauen, anfassen (und essen) wollen!

Was soll dieses „besser“ denn nun sein? Erstens sind wir in unser Elternsein hineingewachsen. Sätze wie: „Das sind meine Kinder“ oder „Ich bin Mutter von zwei Kindern“ fühlten sich im ersten Jahr noch ganz fremd in meinem Mund an. Mittlerweile bin ich ganz selbstverständlich Mama und wir vier sind, wirklich und wahrhaftig, eine Familie.

Et bliev nix, wie et wor

Wir haben uns eingespielt, wissen meistens, was zu tun und einzukaufen ist, packen die Wickeltasche im Schlaf und haben immer meistens ein paar Bananen dabei. Wir wissen, durch welche Ladentüren der Doppelkinderwagen passt, wann wir Zeit für ´nen Kaffee haben (und wann besser nicht) und wo die Spielplätze mit den Babyschaukeln sind.

Zweitens lernen wir unsere Kinder jeden Tag ein bißchen besser kennen. Wir staunen darüber, daß so kleine Wesen jetzt schon so verschieden sein können. Wir kommunizieren mit ihnen über Mimik, Laute und Gestik und freuen uns mit ihnen gemeinsam, wenn sie sich uns verständlich machen können. Wir wissen, welche gerne wild herumgewirbelt wird und welche am liebsten allein auf Entdeckungsreise geht. Jeden Tag zeigen sie uns uns ein Stück mehr von sich und entwickeln sich zu willensstarken kleinen Persönlichkeiten.

Drittens haben wir gelernt loszulassen, die beiden machen zu lassen und sie auch mal vertrauensvoll in andere Hände abzugeben. Spätestens seit sie in den Kindergarten gehen, sind wir überzeugt, dass es uns allen gut tut, das Mutter-Vater-Kind-Universum um die liebevollen Erzieherinnen und liebestollen Großeltern zu erweitern. Das Wissen, dass die zwei es auch eine Weile ohne uns aushalten wird uns jeden Tag durch zwei zufriedene Kindergartenbabies bestätigt. Mitzubekommen, wie sie mit anderen Kindern und Erwachsenen interagieren, wie eigenständig sie schon sind und wie sie sich auch anderen verständlich machen können, macht mich wirklich stolz! Und dass sie im Kindergarten auch gleich noch eine dritte Sprache im Alltag meistern, ist etwas ganz besonderes. Unglaublich, dass sie jetzt schon deutsch, spanisch und katalanisch verstehen!

Viertens können sie sich auch mal ein paar Minuten selbst beschäftigen. Zu Hause wird konzentriert gehämmert, Bücher angeschaut, die Puppenkiste ausgeräumt und eifrig „Wäsche sortiert“. Sie sind mobil und holen sich das, was sie gerade interessiert. Sie suchen natürlich noch häufig meine Nähe, wollen gestillt werden oder möchten, dass ich mit ihnen spiele. Nach einer Weile ist es dann aber völlig in Ordnung für sie, wenn ich aufstehe, einen Kaffee trinke oder ein bißchen aufräume. Hinter dem großen oder kleinen Bildschirm zu verschwinden ist allerdings tabu, das mögen sie verständlicherweise garnicht. Laptop und Handy versuche ich aber sowieso so selten wie möglich in ihrer Gegenwart zu benutzen. Wie auch immer, in Punkto Selbstständigkeit hat uns das vollendete erste Lebensjahr ein großes Plus mitgegeben.

Das alles zusammen erleichtert unseren Alltag enorm. Weniger anstrengend ist es dadurch allerdings nicht – aber irgendwie wuppen wir das jetzt. Das wichtigste dabei: Wir müssen nicht alles richtig machen. Und die Kinder erst recht nicht. Wir haben uns von unrealistischen Idealen verabschiedet (vor allem am Esstisch) und lassen die Tage in einer Mischung aus Improvisation und überlebenswichtigen Ritualen auf uns zu kommen. Irgendwie geht´s immer.

Tage, an denen wir uns einfach nur so durchhangeln und versuchen, uns gegenseitig an Müdigkeit zu übertrumpfen, gibt es immer noch. Wenn die Kinder krank sind. Wenn einer von uns einfach nicht mehr kann. Dann kommen wir als Eltern und als Paar an unsere Grenzen. Wir haben uns schon mehrmals gegenseitig zum Teufel (und wieder zurück) gewünscht… Schlecht gelaunt murmeln wir uns dumme Ratschläge zu oder schachern wie zwei Marktweiber um ein paar freie Minuten. Der Mann hat mir schon gestanden, dass er früher nie verstehen konnte, wie sich zwei frischgebackene Eltern trennen können – jetzt könne er es zumindest nachvollziehen. Und auch in meinem Kopf meldet sich ab und zu eine verbiesterte Hexe zu Wort: „Wie, der kann jetzt nicht mehr?! Ha! Da komm ich doch als Alleinerziehende besser klar!“ (Käme ich sicherlich nicht, großer Respekt für alle alleinerziehenden Mütter und Väter!) Manchmal räumen wir auch nur mit grimmigen Gesicht schweigend gemeinsam auf und sparen uns jedes Wort, weil wir wissen: Eigentlich sind wir ja garnicht sauer aufeinander, sondern beide einfach nur todmüde. Dann reißen wir uns noch zu einem „Gute Nacht, mein Schatz“ zusammen und fallen ins Bett. Solche Tage vergehen zum Glück auch 🙂

Jetzt sind wir also selber mit allen Wassern gewaschene und erprobte Zwillingseltern und können allen, die da noch kommen, sagen: „Es wird nicht alles besser, aber alles wird gut!“.